Südstaatler

In der Praxis, in der meine Frau arbeitet, absolviert ein junger Österreicher ein Praktikum. Heute hat sie ihn zu uns zum Abendessen eingeladen. Es gibt Tortilla, es hat Spaß gemacht das zuzubereiten. Der Arzt-im-Praktikum hat ein Wissensquiz-Spiel mitgebracht. Die Karten kennt er anscheinend auswendig, denn er gewinnt jede Runde. Kein Problem. Während die Sonne unaufdringlich untergeht, trinken wir literweise Weißwein. Als es dunkel wird, gehen wir raus, rauchen auf dem Balkon und aschen in die Blumen.

Die Regenmacherin

Ich bin dabei, meine Morgen-Routine abzuschließen, deutlich, d e u t l i c h früher als ich mich sonst an einem Samstag dazu bringen könnte, denn für das Magazin für das ich von Zeit zu Zeit schreibe, fahre ich heute nach Bad Aussee, einem kleinen Ort in der Steiermark, um über eine Art „Regen-Festival“ zu schreiben, dass dort einmal alle zehn Jahre stattfindet. Woistschonwiederdasaftershave?! ich muss mir endlich angewöhnen, alle Alltagsdinge immer an die selbe Stelle zu stellen, dann müsste ich sie auch nicht ständig suchen. Dauernd verbummele ich meine Sachen. Wie oft musste ich früher meinen Eltern beichten, dass ich schon wieder meinen Turnbeutel verloren habe, grrr, das ist mir auch heute noch peinlich. Mir fällt auf, wie spät es schon ist. Wie immer wenn ich angespannt bin, greife ich reflexhaft zu meinem Nippelpiercing. Es ist höchste Zeit loszufahren, wird wohl nichts mit noch frühstücken, wirklich super. Und, ja, das war dumm, mit dem Auto fahren zu wollen. Ich hätte stattdessen a. mit dem Zug fahren sollen und b. schon gestern. Hätte, hätte, hätte. Was brauche ich heute? Ich nehme nur Unterwäsche und den Reiseführer und ein bisschen Reisezeug mit und gehe zum Auto. Den Reiseführer habe ich antiquarisch gekauft. Die oder der Vorbesitzer benutzte um Unterschreiben fröhlich bunte Textmarker, nice.

Der Auftrag kam kurzfristig und ich hatte nicht so viel Zeit, mich vorzubereiten. Ich mailte mir in der letzten Woche mit der Veranstalterin des Regenfestivals hin-und-her. Ihre Mails hatten so einen kraftvoll-optimistischen no bullshit-Ton: zack! Es findet dann-und-dann statt, zack! hier die Adresse, zack! „Sie werden nicht als Teilnehmer da sein, sondern als Beobachter; dafür müssen sie auch nicht die Teilnahmegebühr bezahlen. Die Regenmacherin wird im Laufe des Abend eintreffen.“

Je weiter ich in den Süden fahre, desto kahler sind die Bäume. In dem norddeutschen Speckgürtel in dem ich wohne, regnet es die ganze Zeit (naja, fast), dort kommen die Bäume besser zurecht. Ab Kassel südwärts sieht es immer schlimmer aus, ganze Waldhänge trocknen ihrem Tod entgegen. Und das nur der Teil, den ich von der Autobahn aus sehe, beunruhigend.

Das Navi lässt mich so wahnsinnig lange Zeiten ohne Abbiegen fahren, „Folgen Sie dem Straßenverlauf für die nächsten drei Stunden und halten Sie sich dann rechts“. Erst nachdem ich über die Grenze gefahren bin, wird derdiedas Navi ein bisschen wacher. Ah, stimmt, hier ist Hallstatt um die Ecke. Im Reiseführer ist ein ganzes Kapitel nur über diese Stadt, die Autoren überschlagen sich mit Lob. „Wenn Sie nur eine einzige Stadt besichtigen, dann besichtigen Sie diese hier!“ befiehlt der Reiseführer eher als dass er es vorschlägt.

Ein bisschen gerädert komme ich schließlich bei der Adresse an, die mir die Veranstalterin genannt hat. Es ist eine Wiese an einem See, rechts daneben fröhlicht ein kleiner Spielplatz vor sich hin. Es ist schon spät, aber die Tage sind gerade lang und es dauert noch ein paar Stunden bis zum Sonnenuntergang. Ich frage mich bis zur Veranstalterin vor. Sie spricht so wie ihre Mails klangen: „Schön, dass Sie da sind. Früher kam mehr Presse zu unseren Festen.“
„Ich würde gerne ein Interview mit der Regenmacherin führen.“
„Die Regenmacherin ist noch nicht da. Nehmen Sie sich etwas vom Buffet“, sagt sie und ergänzt, dass sie jetzt prüfen müsste, ob genug Feuerlöscher da sind, man habe einige Feuer gemacht. Davor bittet sie einen Typen in einem Nazca-Tshirt mehr Sprudelkästen aus einem der Sprinter zu holen. Ohne einen Ansprechpartner zu haben, drifte ich ein mal-hierhin und mal-dorthin. Manche Leute dancen ein bisschen, ein paar machen Yoga, die meisten stehen in kleinen Gruppen zusammen und unterhalten sich. Ein Mann trägt einen großen, flachen Korb. Darin sind getrocknete Ringelblumen-Blüten, die er mit der ganzen Hand rausnimmt und in die Menge wirft. Eine Frau sitzt unter einer etwas traurig aussehenden Rosskastanie und faltet Origami-Tiere. Ich komme näher. Sie hat schöne Hände und reicht mir einen Papierphönix. „Darf ich den behalten?“, frage ich (vorsichtshalber, aus ähnlichen Situationen gelernt habend). Sie nickt. Ich gehe weiter und bleibe schließlich an einem Zelt stehen, das genau in der Mitte des Geländes steht. Darin hängt eine Art Umhang sowie Kopfschmuck und Knöchelbändchen. Alles aus demselben Material, so kleine dünne Hölzer, in mehreren Schichten übereinander und mit etwas kleinem, hartem gefüllt, vielleicht getrockneten Erbsen. Wenn man mit der Hand durchfährt, macht es ein Geräusch als würde es regnen. Am Boden liegt eine mit Leder bespannte Trommel. À propos Musik: Ich habe so halb erwartet, dass auf dem Festival Live-Musik sein wird, von Leuten, die in Percussion-Kreisen sitzen oder so, aber es läuft Elektro-Ambient-Musik aus Lautsprechern. Als ich aus dem Zelt rauskomme, steht dort ein Typ und raucht. Der Typ trägt Ledersandalen und eine Art kurzen Umhang, ansonsten nichts. Er ist sehr hager und hat so Beine wie sie Sportradfahrer oder Fahrradkuriere haben.
„Habe gerade das Kostüm gesehen“, sage ich, „es macht ein regenähnliches Geräusch, die Regenmacherin wird es ja vermutlich nachher tragen.“
„Nein, wird sie nicht. Aber Du hast recht: Magie bedeutet, etwas zu machen, das dem, was Du möchtest ähnlich ist“, sagt der hagere Halbnackte. Ich lasse ihn alleine weiterrauchen und bewege mich in Richtung der Yoga-Gruppe.

Eine Yoga-Frau kommt auf mich zu. Ihre Arme sind mit floralen Bildern tätowiert und sie hat die strengen Gesichtszüge einer Juristin oder einer Abteilungschefin. Sie bewegt sich auf die abgefederte, schwerelose Art, die Yoga-Menschen manchmal zu eigen ist und spricht mit dermaßen starkem Dialekt, dass ich nicht ein Wort verstehe. Sie hält zwei Gläser Fruchtsaft (Smoothie? Bio-Energydrink?) und bietet mir eines davon mit einer freundlichen Geste an. Es ist das bitterste, das ich jemals getrunken habe. Vielleicht auch das gesündeste, wer weiß, aber so bitter, dass ich jetzt gerne meinen Kopf in einen Sack Zucker stecken würde. Die Yoga-Frau lacht und sagt etwas, das ich abermals nicht verstehe.

Neben einem großen Lagerfeuer gibt es noch mehrere kleinere. Ich sehe den hageren Typen an einem davon stehen und stelle mich neben ihn.
„Jetzt ist es so heiß und trocken“, sage ich, “ aber ich sehe schon, wie es, sobald ich diesen Ort verlassen habe, anfangen wird wie aus Kübeln zu schütten und meinen ganzen Heimweg über weiterregnen wird; mir zum Trotz.“
„Du nimmst Dich ziemlich ernst, was?“, sagt der Hagere und lacht. Anschließend erklärt er mir, was es mit dem Festival auf sich hat: Wie sie es finanzieren, warum sie es an diesem Ort machen, wie er davon erfahren hat und so weiter. Er weiß ziemlich viel hierüber, gut dass ich ihn getroffen habe. Das sollte ich mir überhaupt für Schreibaufträge bei Events merken: Jemanden finden, der sich auskennt und mich dann an diese Person dranhängen.

Ein paar Festivalbesucher tragen Holz zu dem Hauptfeuer. Dass sie trotz der Dürre überhaupt so ein großes Lagerfeuer machen dürfen, liegt daran (wie ich nun weiß), dass sie in unmittelbare Nähe des Sees sind. So ziemlich alle anderen haben sich der Yoga-Gruppe angeschlossen. Sie machen alle die gleiche Übung. Sie sieht ziemlich eckig aus. Warum machen sie nicht etwas das mehr nach Regen aussieht? Es gibt im Yoga doch auch so (mir fehlt es an Yoga-Vokabular, um das präzise auszudrücken) weiche, fließende, „von-oben-nach-unten vollführte“ Übungen? Was die hier machen ist eine ziemlich harte, angespannte Übung, die viele Aufsteh-Bewegungen beinhaltet. Sieht trotzdem ganz cool aus, wenn die das alle gleichzeitig tun. Sie sind wahnsinnig gut synchronisiert, ein bisschen so wie ein einziger Körper, wie eine Welle.

Ich suche und finde den Hageren, der schon wieder raucht.
„Es gibt so eine Geschichte über einen Regenmacher“, sage ich, „in verschiedenen Versionen. Bei meiner Recherche hierfür, bin ich immer wieder darauf gestoßen.“
„Ach, ‚denn Regen wird nur verliehen‚ und so? Ein Märchen, mehr nicht.“
„Ist das nicht so euer Gründungsmythos oder so?“
„… ‚Gründungsmythos‘ ist so ein großes, hohles Wort. Das Problem ist, dass diese Ereignisse, falls sie überhaupt so passiert sind – und das ist ein großes ‚Falls‘ -, in einer, sehr hypothetischen, Urheimat stattfanden – wovon weder schriftliche noch sonstige Zeugnisse von geblieben sind. Vielleicht ist es so passiert – vielleicht nicht.“
„Hmmh.“
„Du hast eine andere Antwort erwartet, was, kleiner Star-Reporter?“
„Ehrlich gesagt: Ja. Auch so auf das ganze Event hier bezogen.“
„Was denn?“
„Naja, dass hier mehr Action ist. Dass Ihr hier so krasse Rituale aufführt und so.“
Er schweigt eine Weile und fragt dann: „Warum bist Du hier?“
„Um über Euer Festival zu schreiben.“
„Nein. Warum bist Du hier?“
„Hmmh“, ich bin mir nicht sicher, was er meint.
„Ja?“
„Naja, damit Leute überhaupt online Reportagen lesen, muss man immer über Schlüsselthemen schreiben. Noch besser ist es, wenn es zwei, drei Key-Topics in einer Sache zusammenfallen, wie zum Beispiel ‚veganes Binge-Watching‘. Bei Euch, hier heute Abend, geht es um Klimawandel und um so ganzheitliche Gesundheit und Spiritualität. Das sind beides Themen, die gerade …“
„Nein, nein. Warum. Bist. Du. Hier?“
Ich verstehe die Frage akustisch-semantisch, aber ich raffe nicht worauf er hinauswill.
„Äh … was?“
Ein anderer, nicht ganz so nackter, Mann kommt zu uns und sagt zu dem Hageren:
„Hier bist Du! Ich hab Dich gesucht. So langsam könnte man mal zum Bahnhof fahren.“
„Um die Regenmacherin abzuholen?“, frage ich.
„Ja“, sagt der Hagere, „komm mit, wenn du möchtest.“

Der hiesige Bahnhof hat nur vier Gleise. Der Veranstalterin, der Hagere (hat er sich für die Fahrt zum Bahnhof etwas angezogen? Nein. Ich beneide ihn ein bisschen um sein unverkrampftes Verhältnis zum eigenen Körper) und ich stehen am Bahnsteig. Niemand ist sonst zu sehen. Auf einem großen Schild sieht man einen cartoonhaft gezeichneten Mann, der bedenklich nah vor einem heranfahrenden Zug über die Gleise rennt. Daneben steht „Das geht sich locker aus …“. Der Hagere bemerkt, dass ich versuche das Schild zu enträtseln und sagt: „Das heißt so viel wie ‚Das klappt bestimmt‘. Es ist ironisch gemeint.“
„Verstehe“, sage ich und ergänze „auf Hochdeutsch würde ’sich ausgehen‘ was anderes bedeuten, nämlich …“
Er unterbricht mich: „Warum haben Deutsche immer so ein Bedürfnis, einem zu erklären, was Dinge auf Hochdeutsch heißen?“
Ah – da ist sie, die alpine Grobheit Deutschen gegenüber. Der Reiseführer hat mich vorgewarnt.
„Naja, aber ich kenne ja auch keine Österreicher, also außer Euch, jetzt“, wende ich ein.

Die Regenmacherin steigt aus dem Zug. Auf dem Weg zum Auto gehen wir an einer älteren Dame in Hippie-Klamotten vorbei, die an einem der anderen Bahnsteige wartet. Die Veranstalterin grüßt sie, die Dame grüßt zurück.
„Wollen Sie auch zum Festival?“, frage ich sie neugierig.
Alle schauen mich irritiert an. Habe ich was falsches gesagt?
„Nein“, sagt die Veranstalterin, „ich habe über’s Wochenende ein Zimmer bei ihr gemietet.“
Ok. Warum war das jetzt ein Problem, dass ich das gefragt hab?

Im Auto, auf dem Weg zurück zum See sitze ich neben der Regenmacherin. Sie trägt die Bergsteigerschuhe, die die Wander-Touris hier in der Gegend immer tragen, eine kurze, reißfest wirkende Hose und einen überhaupt nicht dazu passenden Pulli aus dünner Wolle. Halb möchte ich jetzt ein Interview führen, weil es vielleicht die letzte Gelegenheit ist, mit ihr ungestört reden zu können und halb traue ich mich nicht, weil die Stimmung gerade so komisch ist.
„Ich bin …“, sage ich schließlich.
„Ich weiß, wer Du bist“, sagt die Regenmacherin sachlich, nicht unfreundlich.

Als wir an dem Festivalgelände ankommen, zieht sich die Regenmacherin aus und gibt ihre Kleidung der Veranstalterin, die sie sorgfältig zusammenlegt. Jemand gibt der Veranstalterin eine Schale mit blauem Bodypaint. Die Festival-People stellen sich locker in zwei Reihen auf, die von hier zu dem Zelt reichen. Die Veranstalterin läuft dazwischen entlang, sie trägt die Schale vor sich und bietet den Leuten das Bodypaint an. Die Regenmacherin läuft mit ein bisschen Abstand hinterher. Sie geht so wie Tänzer auf der Bühne gehen, wenn sie gerade schauspielern, dass sie gehen: expressiv, bedacht die Ferse zuerst aufsetzend und über die Zehen abrollend; dass fällt umso mehr auf, als die Veranstalterin vor ihr ganz normal läuft. Der Hagere legt seine Hand auf meinen Rücken und gibt mir einen kleinen Schups und wir gehen nebeneinander hinter ihr her. Die Leute tauchen ihre Fingerspitzen in die Schale und berühren die Regenmacherin. Sie nehmen immer nur ganz wenig Bodypaint, aber es sind genug Menschen da, dass sie bald fast vollständig mit Farbe bedeckt ist.

Als die Regenmacherin fast am Zelt ist, tritt eine zierliche Greisin zwischen sie und die Veranstalterin. Die Veranstalterin bleibt stehen und hält ihr die Schale hin. Die Greisin taucht zwei Finger ein und streicht sich die Farbe über die Lippen. Dann geht sie zur Regenmacherin und küsst sie auf den Mund. Die Greisin ist so klein, dass sie sich auf die Zehen stellen muss und dass obwohl sich die Regenmacherin schon zu ihr runterbeugt.

Das ganze läuft läuft schnell und geübt ab. Die Veranstalterin bleibt am Zelt stehen. Alle wissen, wo sie sein und was sie tun sollen, nur ich bin ein bisschen überfordert. Ich greife mir an mein Nippel-Piercing. Es ist nicht da. „Verdammt nochmal …“, sage ich (unabsichtlich laut) und werde fragend angeschaut.
„Ich habe mein Nippelpiercing verloren.“
„Nimm meins“, sagt die Regenmacherin.
Aus irgendeinem Grund sind ihre Augenbrauen in einem dunkleren blau gefärbt als der Rest ihres Gesichts; vielleicht hat sie sich das selbst nachgezogen als ich hinter ihr herlief. Es gibt ihr, zusammen mit dem im halbdunkel geradezu leuchtenden Weiß ihrer Augen, einen durchdringenden Blick. Sie macht ihr Piercing auf, nimmt es raus und gibt es mir. Danach greift sie in die Schale und streicht sich über die, ein bisschen blutende, Stelle. Das Piercing ist handgeschmiedet und sieht aus wie ein Tropfen. Es verliert und fängt das Licht des Feuers.

Urheimat

Das Amt des Regenmachers wird nicht vererbt. Der Träger des Amtes wird von den Götter bestimmt. Die Götter geben den Menschen durch ein Zeichen zu verstehen, wer Regenmacher sein soll.
Der Hirte des Dorfes war eines Tages mit seinen Schafen auf einem Feld. Kinder folgten ihm. Die Tochter des Häuptlings, Reikja, war darunter. Sie stieg auf einen Hügel. Es begann zu regnen. Nur auf dem Hügel und nur auf sie. Der Hirte sah es und erzählte es im Dorfe. Es wurde als Zeichen anerkannt. Sobald der jetzige Regenmacher stirbt, sollte Reikja seinen Platz einnehmen. Das Dorf freute sich. Der Häuptling nicht. Der Regenmacher muss keine gewöhnliche Arbeit verrichten und er wird von allen bewundert. Aber er zahlt einen Preis dafür. Denn Menschen erarbeiten sich Regen nicht, wie sich die Ernte erarbeiten. Menschen ist der Regen nicht geschenkt, wie ihnen die Berge und der Himmel geschenkt sind. Menschen ist der Regen geliehen.

Die Jahre zogen vorüber. Reikja ging bei dem alten Regenmacher in die Lehre und lernte die Tänze zu tanzen, die Zaubersprüche zu sprechen, die Tieropfer zu bringen und die Gesänge zu singen. Schließlich starb der alte Regenmacher und sie wurde seine Nachfolgerin.
Eine Dürre kam. Die Felder brachten keine Früchte und die Kühe gingen ein. Reikja wurde vom Dorf beauftragt, die Götter um Regen zu bitten und sie führte den Auftrag aus. Nachdem sie die Rituale vollendet hat, wartete das Dorf mehrere Tage. Es fiel weiterhin kein Regen.
Das Regenmachen ist eine Bitte. Manchmal nehmen die Götter sie an und manchmal nicht.

Niemand wagt es, einen Regenmacher anzurühren. Aber als beim zweiten Versuch Reikjas erneut kein Regen fiel, bedrängten die Dorfbewohner den Häuptling. „Dies ist Dein Dorf“, sagten sie, „dies sind Deine Ähren, die auf den Feldern vertrocknen. Dies ist Deine Tochter.“ Der Häuptling versuchte, sie beruhigen: „Habt Geduld! Wenn heute kein Regen fällt, dann morgen. Regen kommt immer. Man muss nur warten. Dies war schon immer so.“

Nach ein paar Wochen sang die Regenmacherin zum dritten Mal die Gesänge, brachte die Opfer und führte die Tänze auf und zum dritten Mal fiel kein Regen. Der Häuptling erwartete, dass die Dorfbewohner ihn erneut wütend bedrängen. Doch niemand kam zu ihm. Sie schauten ihn nur an. Sie kannten die Tradition. Der Häuptling schaute auf den Boden. Er kannte sie auch.
Wenn ein Regenmacher dreimal scheitert, gibt es kein viertes Mal. Drei Male zu scheitern heißt, dass den Göttern die angebotene Gabe zu gering ist, das Flehen zu leise, die Bitte zu achtlos. Wenn ein Regenmacher dreimal scheitert, wird erwartet, dass er den Göttern sein Leben gibt.

Man stellte in der Dorfmitte ein kleines einfaches Zelt auf und gab Reikja ein großes Messer. Sie ging hinein. Alle schauen zu. Man hörte nichts. Dass sie die Tat vollbracht hat, und dass die Götter die Bitte dieses Mal angenommen haben, merkten die Dorfbewohner erst daran, dass es auf einmal anfing zu regnen. Es regnete aus einem Himmel, der wenige Augenblicke zuvor noch wolkenlos war. Der Regen war so stark, dass den Dorfbewohnern schien, als würden sie in einem Wasserfall stehen. Es regnete durch alle Dächer. Es regnete so sehr, dass man die Berge nicht mehr sah.
Die Bewohner des Dorfes brüllten und der Häuptling brüllte auch, aber sie brüllten vor Dankbarkeit und er brüllte vor Wut. Sein Herz verknotete sich. Die Götter haben ihren Teil des Bundes eingehalten. Aber warum erst jetzt? Warum musste seine Tochter dafür sterben? Ohnmächtig stand er im Regen. Was sind das für Götter, die unschuldiges Blut fordern? Es muss einen besseren Weg geben. Mit den Göttern oder ohne sie. Für die Götter oder gegen sie.

Couple Goals

Ich fahre abends mit dem Fahrrad an einem Feld vorbei. Es gibt dem Himmel gerade großzügig ein Zeichen, dass es Nacht werden soll. „Du könntest Dich, wenn Du möchtest, jetzt auf mich legen.“ Es ist mir ein bisschen peinlich, das mitzubekommen. Sorrysorrysorry – ich bin gleich weg – macht nur weiter.
Die beiden lassen sich nicht stören.

San Jupitero

Für das Magazin, für das ich schreibe, verfasse ich in der Regel kurze Alltagsgeschichten, aber manchmal schicken sie mich auch auf kleine Reisen, falls es jemand interessantes zu interviewen gibt. Sie fragten mich, ob ich einen polnischen Porno-Star interviewen und dazu zu ihrem Heimatort, nach Pila (gesprochen: Piuh-ah), fahren würde. Klar. Von Berlin aus sind das gerade mal 304 Kilometer. Ich entscheide mich dafür, mit dem Zug hinzufahren, was idiotisch ist, weil es fast vier Stunden dauert und auch umsteigen muss. Egal. Ich komme an einem Julimittag an und nehme ein Taxi zu der vorher ermailten Adresse.

Die Porno-Darstellerin benutzt einen Künstlernamen, der klingt als sei es eine Duftkerzen-Marke. Bürgerlich heißt sie Aska (gesprochen: Asch-ki-ah), zumindest waren so ihre Mails unterschrieben. Mein Magazin hat mich hierher geschickt, weil sie, angeblich, die beste Pornodarstellerin sei, nicht nur ihrer Generation, sondern vielleicht sogar ever. Leute zu interviewen, die so Überflieger sind, klingt spannend, kann aber auch nach hinten losgehen. Vor einigen Jahren traf ich mich mal mit einer Spitzen-Mathematikerin, einem Mathe-Genie, und das war insofern ein bisschen enttäuschend als solche Leute nur für ihre Leidenschaft leben, sich ansonsten für nichts interessieren und auch nicht so aufregende Leben führen. Die Mathefrau war nett und offen, aber aus der war wenig herauszukriegen (Und was machst Du sonst noch so? „Nichts.“ Was hättest Du gemacht, wenn Du nicht Mathematikerin geworden wärst? „Keine Ahnung.“) Ihr war mit sechs Jahren klar, dass es in ihrem Leben genau ein Thema geben wird und dass alles andere entweder zu diesem Thema hinführen wird oder zwischen ihr und diesem Thema stehen wird.

Aska wohnt in einem sehr hellen, großen Apartment, ganz oben in einem der hier überall stehenden Hochhäuser. Sie führt mich in das Wohnzimmer. Auf einer der Couches sitzt eine Frau, ein bisschen älter als Aska, und blättert in einer Modezeitschrift. Sie erwidert meinen Gruß nicht und nimmt von mir auch sonst keine Notiz. Sofort fühle ich mich unwohl, was mich ärgert, ich habe mir schon mehrfach vorgenommen, mich nicht so schnell verunsichern lassen.
Wir beginnen mit dem Interview. Meine Recherche hat im Vorhinein ergeben, dass Aska tatsächlich der shooting star in ihrer Szene ist. In dem Interview erinnert sie mich ein bisschen an die Mathematikerin, aber vielleicht ist das einfach die Art wie sehr erfolgreiche Menschen halt so drauf sind. Im Unterschied zu der Mathematikerin hat Aska auch das Drum-Herum Ihres Themas ganz gut drauf, sie kennt die Regeln des Spiels. Das Porno-Business funktioniert anscheinend nach einem Doppelprinzip von „Konsument*innen geben, was sie bereits kennen“ und „sie überraschen“. Man kann, erklärt sie, relativ einfach auswerten, welche Videos gut laufen und welche nicht, herausfinden, was an die guten gut macht („Dieses Video wird ganz häufig angeklickt, aber Leute wechseln nach spätestens einer Minute zu einem anderen – das heißt, dass in der Überschrift oder in der Vorschau etwas ist, was eine positive Erwartung weckt, die aber dann in dem Video selbst nicht erfüllt wird“) und welche zeitliche Entwicklungen bestimmte Motive durchmachen („Das tauchte in einem Kinofilm auf, daraufhin suchten die Leute nach einer Pornoversion davon – hier siehst Du wie die Suchanfragen starten – dann haben mehrere Studio so was gedreht – und etwa ab hier ist das Bedürfnis wieder gestillt, das Interesse nimmt wieder ab“). Außerdem hat sie eine Reihe an Techniken, die ihr Schauspiel besonders machen („So nach zwei Dritteln mache ich eine Art nicht-aspiriertes ‚Ach‘.“ Erklär, bitte. „Wenn man ‚Ach‘ sagt, dann atmet man dabei aus. Mach das mal und halte Deine Hand vor den Mund. Merkst Du den Atem? Und jetzt sag ‚Ach‘ und atme dabei nicht aus, sondern ein. Man macht dabei automatisch einen Gesichtsausdruck, der als sehr erotisch wahrgenommen wird“). Außerdem sei es wichtig zu monitoren, welcher Regisseur gerade an welchem Projekt dran ist, wen man für gutes Licht-Design dazubuchen könnte und zu welchen Castings man nicht gehen sollte.
Ich frage sie, was die beste Entscheidung in ihrer bisherigen Karriere war. „Meine Agentin einzustellen.“ Die Frau auf der Couch hebt, ohne die Modezeitschrift abzusetzen, die Hand und winkt mir zu. Ok, sie hat also doch wahrgenommen, dass ich da bin.
Aska redet schnell, ich habe Mühe alles mitzuschreiben.
„Ich habe den Eindruck“, sagt sie, „das Du alles, was ich Dir erzähle ganz furchtbar missverstehst.“
„Wenn Du möchtest, kann ich Dir den Text zum Gegenlesen schicken, bevor er zur Endredaktion geht.“
„Nee, lass mal, so wichtig ist mir das auch nicht. No offence.“
„None taken“, lüge ich und schaue mich im Raum um. Vielleicht finde ich noch ein persönliches Detail, nach dem ich sie fragen könnte. Mein Blick fällt auf ein gerahmtes Foto, dass an der Wand hängt. Es zeigt ein kleines Mädchen in einem Erstkommunion-Kleid.
„Bist Du das?“, frage ich.
„Ja.“
Das Kleid ist schlicht-weiß, aber sie trägt an der rechten Hand einen auffällig geschmückten Handschuh. Schon damals hatte sie den wachen-wachsamen Blick, mit dem sie mich jetzt von der Seite anschaut.
„Was ist mit dem Handschuh?“
„Das ist ein San Jupitero-Handschuh.“
„Ah, ok.“
„Weißt Du, was das ist?“
„Nein.“
„Ich kann es nicht so gut erklären, aber in der Kirche hier hängt eine Erklärung. Willst Du sie sehen?“
„Ja, gerne.“ Ich glaube, wir sind hier eh durch, denn mehr kann ich nicht auf einmal aufnehmen. Wir stehen auf und gehen zur Tür. Die Agentin ruft ihr etwas auf polnisch zu. Aska antwortet ihr, ich deute es anhand der Melodie als ein „Ich bin gleich wieder da.“

Pila fällt als Stadt nicht unbedingt durch besondere Schönheit auf, aber die Kirche ist ganz cool. 1930 gebaut und im Bauhaus-Stil gehalten, das muss damals der heißeste Scheiß gewesen sein. Man merkt, wie sich der Architekt Mühe gegeben hat, mal was neues auszuprobieren, aber es trotzdem als Kirche erkennbar zu machen. Als wir dort ankommen, stehen da ein paar Leute, die aufgrund der schicken Kleidung vage als Hochzeitsgesellschaft zu erkennen sind. Wir gehen an ihnen vorbei und rein. Drinnen hören wir einen Chor singen. Sie fangen immer wieder von vorne ein, vielleicht proben sie noch schnell ein besonders schwieriges Stück. In dem Vorderbereich der Kirche hängen Texttafeln, die das Leben von Heiligen erzählen. Aska führt mich zu einer und ich fange an zu lesen:

„SAN JUPITERO: EIN JUNGE WAR SEHR DICK. Die Kinder riefen ihm „Du bist so fett!“ hinterher und „Du hast Deine eigene Schwerkraft!“ und nannten ihn schließlich den fetten Jupiter oder auch, einfach nur Jupiter (Jupitero). Seine Eltern starben früh. Als er erwachsen wurde, trat er einem Kloster bei. Es war Brauch, dass jeder Mönch in dem Kloster nach seiner Funktion angesprochen wurde: Bruder Schreiber, Bruder Sanitäter, Bruder Metzger et cetera. Da Spitznamen für gewöhnlich bei einem bleiben, ob man es will oder nicht, nannte man den nunmehr erwachsenen Jungen aber Bruder Jupiter, Fra Jupitero.

An einem Herbsttag waren seine Mitbrüder auf einem Ausflug. Jupitero blieb zurück, saß im Garten und passte auf das Kloster auf. Ein Mann kam zu ihm und setzte sich neben ihn.
„Fra …“
„Jupitero.“
„Fra Jupitero“, sagte der Mann, „ich brauche Ihren Rat. Ich bin die ganze Zeit so traurig. Außerdem schmeckt mir nichts mehr. Ich kann schlecht aufstehen und alles strengt mich an. Und ich kann nachts nicht schlafen.“
„Hmmh“, sagte Jupitero und dachte nach.
„Ja“, sagte der Mann.
„Gott mit Ihnen“, sagt Jupitero und legte ihm die linke Hand auf die Schulter.
Sie saßen noch eine Weile beisammen. Dann ging der Mann.

Ein paar Tage später kam beim Essen der Abt auf Jupitero zu.
„Du hast einen Brief bekommen“, sagte er und gab ihm das Schreiben.
„Lieber Fra Jupitero,
es geht mir besser. Ich bin wieder fröhlicher. Das lag an Ihrer Berührung. Ich danke Ihnen.
Herzliche Grüße“

Im folgenden Monat brachte Jupitero Früchte vom Feld zum Kloster als ihn jemand abfing und ansprach.
„Es hieß, sie hätten Luigi geheilt. Könnten Sie auch mir helfen? Ich bin immer so wütend. Neulich habe ich meinen Hund getreten. So bin ich doch nicht. Ich weiß nur nicht wohin mit meiner Wut.“

Im Dorf sprach sich bald herum, dass in dem Kloster ein Mönch wohnt, der durch Hand auflegen heilen kann und es kamen immer mehr Leute zu ihm. Bald auch aus den umliegenden Dörfern und schließlich aus dem ganzen Circondario. Die Leute begannen ihn den Heiligen Jupiter zu nennen, Sancto Jupitero – kurz: San Jupitero.

Als der Abt davon mitbekam, rief er ihn zu sich und sagte: „Das hört natürlich sofort auf, Fra Jupitero. Haben wir uns verstanden?“
Jupitero wies daraufhin Menschen ab, die tagsüber zu ihm kamen. Sie begannen daher nachts zu kommen, wenn die anderen Mönche und der Abt schliefen. Jupitero stand vor seiner Zelle und heilte jeden, die oder der kam. Die Schlange ging bald den ganzen Flur entlang, wenig später schon nach draußen und schließlich bis in den Kreuzgang, wo die Zelle des Abtes lag. Der Abt nahm das Ganze ein paar Tage hin, in der vergeblichen Hoffnung, dass der Spuk schnell von alleine weggehen würde. Eines Nachts hält er es nicht mehr aus, steht auf und geht zu Jupitero. Er ging an der Schlange vorbei, an ganz verschiedenen Menschen: Alten und Jungen, einzelnen und Gruppen, ein ärmlich aussehender Student wartete da und davor ein Geschäftsmann, der eine ältere Dame, vielleicht seine Mutter, stützte.
Die Wartenden sahen den Abt, buhten ihn aus und hielten ihn an seiner Kutte fest, aber der Abt riss sich frei und trat neben Jupitero.
„Könntest Du mir bitte mal sagen, was …“, setzte der Abt, da warf jemand aus der Menge ein Gesangsbuch nach ihm. Es traf den Abt mit dem Buchrücken an der Stirn. Ein Streifen Blut rann unter und tropfte ihm auf die Brille. Jupitero streckte die Hand aus, um die Wunde zu heilen. Doch bevor er den Abt berühren konnte, hielt der Geschäftsmann seine Hand fest. „Ich gebe Dir 100 Lire wenn Du ihn nicht heilst, San Jupitero.“
„Ich nehme kein Geld.“
„Ja. Klar. Ich ’spende Dir 100 Lire für Kerzen und Weihrauch‘. Nur heile ihn nicht.“
„Was mischen Sie sich eigentlich ein?“, fragte der Abt.
„Was ich mich hier einmische?“, der Geschäftsmann ließ Jupiteros Hand los und trat sehr nah an den Abt heran. „Ich kann es Ihnen gerne sagen. Ich bin auf ein Jungen-Internat gegangen. Ich kenne Leid, das von Typen wie Ihnen ausgeht und die Energie mit der Sie jedes kleine Glück verhindern.“
Der Abt richtete sich auf: „Sind Sie bescheuert?“ Er wandte sich an die Menge: „Seid Ihr alle bescheuert? Was glaubt Ihr Idioten denn, was passiert, wenn der Vatikan hiervon erfährt? Habt Ihr vergessen, dass es gar nicht so lange her ist, dass man schon mal Feuerholz sammeln ließ, wenn man Leute wie ihn traf? Und selbst wenn er nur aus dem Kloster geworfen wird – er ist ein Waise. Wo soll er dann hingehen? Was Ihr hier macht, ist egoistisch. Es ist für Fra Jupitero das Beste, wenn ihr ihn alle in Ruhe lasst und das ganz hier vergesst.“
Wieder warf ihm jemand ein Gesangsbuch an den Kopf.
„Das war richtig nah an meinem Auge!“, brüllte der Abt und lief weg.

Eine Woche später, nachts, während er wieder die Hand auflegte und Menschen heilte, fiel Jupitero auf, dass ganz am Ende der Schlange eine kleine Familie, Vater, Mutter, Kind, stand. Das Kind trug einen Kartoffelsack über dem Kopf, mit kleinen Öffnungen für die Augen. Es hielt die Hand seiner Mutter. Sie ließen immer wieder Leute vor, so lange bis sie mit dem Mönch allein waren. Er ging zu ihnen.

„Wir haben schon so viel probiert“, begann der Vater, „es heißt, dass Sie Wunder tun, San Jupitero. Vielleicht können sie uns helfen.“ Er nahm dem Kind den Sack vom Kopf. Dessen Gesichtsknochen waren schief zusammengewachsen und außerdem war er über und über mit eitrigem Ausschlag übersät. Jupitero stieß unwillkürlich einen Schrei aus und erschreckte sich darüber. Er drehte sich um. Er nahm einen tiefen Atemzug, drehte sich wieder zurück, sah das Kind an und schrie erneut. Er hielt sich die Hand vor den Mund und schrie in die Hand hinein. Dann drehte er sich weg um und bibberte. Der Vater setzte dem Kind wieder den Kartoffelsack auf den Kopf. Das Kind ließ seine Mutter los und ging einen Schritt auf Jupitero zu, der das Gesicht in den Händen vergraben hat. „San Jupitero“, sagte es, „es ist in Ordnung.“ Das Kind legte ihm die Hand auf den Rücken: „So ist es im Leben. Wir können nicht alles schaffen. Weine nicht. Danke, dass Du es versucht hast.“
Der Vater des Kindes überlegte, was man in solchen Situationen zu Kirchenmännern sagt:
„Friede auf Erden.“
Jupitero antwortete nicht.
„Und den Menschen ein Wohlgefallen“, antwortete die Mutter des Jungen für Jupitero und die Familie ging. Als sie an der Pforte waren, hörten sie ihn vor sich hin sprechen: „Es tut mir leid. Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid. Es tut mir leid. Ich bin schwach. Es tut mir leid.“

Eines Abends fiel dem Abt auf, dass es im Kloster beunruhigend ruhig ist. Er erwartete, dass im Kreuzgang wieder geheilt wird und ging dort hin. Da war nichts. Auch in der Bibliothek und im Gemeinschaftsraum war niemand. Schließlich ging er zur Küche. Er öffnete die Tür. Alle Mönche des Klosters waren dort versammelt. Jupitero saß auf einem Stuhl, die linke Hand auf dem Tisch. Neben ihm standen zwei Mönche. Bruder Metzger rieb das große Schneidebrett mit Alkohol ein.
„Was …?“, fragte der Abt.
Nachdem er mit dem Schneidebrett durch war, holte Bruder Metzger ein Beil heraus. Er übergoss es mit Alkohol und rieb es ab. Er machte das länger als er müsste. In solchen Situationen sagt normalerweise immer jemand etwas wie „Ist gut jetzt!“ oder „Das reicht – wir machen das doch nicht.“ Aber es passierte nicht. Alle schauen ihm einfach zu und warteten, bis er fertig ist. Also dann. Er legte Jupiteros Hand zärtlich auf das Schneidebrett. Die beiden anderen Mönche hielten Jupitero fest. Bruder Metzger hebte das Beil und hieb Jupitero in den Unterarm. Einmal reichte nicht. Nochmal, und noch einmal, dann war die Hand ab. Bruder Metzger machte Bruder Sanitäter Platz, der verband den Armstumpf. Bruder Schreiber faltete ein neues, großes, leeres Pergament auf, wickelte die Hand darin ein und gab das Paket dem Abt.
„Aber …“, sagte der Abt, „… ich weiß doch gar nicht, wo die wohnen?! Und selbst wenn ich sie finde, wird es vielleicht nicht funktionieren, wenn ich es mache? Wo soll ich ihn überhaupt damit berühren?“
Dem Abt fiel auf, dass sich das Paket in seiner Hand überhaupt nicht wie ein toter Gegenstand anfühlte, eher so wie wenn man etwas lebendiges hält.

Das schief zusammengewachsene Gesicht blieb schief zusammengewachsen. Aber der Ausschlag ging weg. Nicht sofort, aber nach einer Woche war er vollständig abgeheilt. Das Kind sah nun aus wie jemand nach einem Unfall. Zwar nicht ansehnlich, aber nicht mehr zum Erschrecken und Weglaufen.

Jupitero bekam eine Prothese und die Familie des Kindes schenkte ihm dafür einen mit Schmuck bestickten Handschuh. Jupitero ließ den Handschuh verkaufen und das Geld spenden. Daraus entstand eine Tradition. NOCH HEUTE WIRD BEI ERSTKOMMUNIONEN EIN SOLCHER HANDSCHUH GETRAGEN.“

Damit endet die Texttafel. Darunter ist ein Foto des Heiligen. Zwei Dinge fallen mir auf:
1. Er ist nicht fett. Vielleicht ein bisschen rundlich, aber auf keinen Fall, jedenfalls nicht nach den Maßstäben der Gegenwart, fett.
2. Es ist ein Farbfoto. Beim Lesen dachte ich dauernd, dass das alles im Mittelalter war, aber es ist gar nicht so lange her. Auf dem Foto sieht man, dass er eine Handprothese trägt. Er sieht ganz zufrieden aus.

„Hätten nicht alle mehr davon gehabt, wenn er die Hand behalten und dafür mehr Menschen geholfen hätte? Jetzt hat er ein bestimmtes Kind geheilt aber dafür seine Fähigkeit für immer aufgegeben. Das ist doch dumm“, sage ich.
Aska zuckt mit den Schultern. „Weiß ich nicht. Vielleicht.“

Und jetzt lohnt es sich doch, dass ich den Zug nach Pila genommen und mir kein Auto geliehen habe, denn ich nutze die Zugfahrt zurück, um zu ergoogeln, was sich noch über ihn herausfinden lässt. Es ist nicht so richtig viel. Der Vatikan hat sich zu Jupiteros Lebzeiten nicht dazu geäußert. In Polen wurde er zu einer Art Lieblingsheiligen. Es wurde zu einem Brauch, dass reiche Menschen aufwendige Handschuhe machen lassen, die verkauft werden. Das Geld wird dann für wohltätige Zwecke, etwa für Krankenhäuser und Waisenheime benutzt. Ein polnisches Glamour-Girl, das in den 90ern Teil der US-Musikszene wurde, brachte den Brauch für kurze Zeit dort ein und so trug auch ein Pop-King manchmal auf der Bühne einen Jupitero-Handschuh.

Dauernd werde ich vom dem Schaffner angemeckert, weil ich den Mund-Nase-Schutz nicht trage. Schließlich bleibt er bei mir stehen und sagt: „Zum letzten Mal: Setzen Sie Ihre Maske auf!“ Ja, ja, ich weiß die Maske. Ich nehme sie auch nicht absichtlich ab, sondern friemel sie mir unbewusst runter, während ich im Internet rumklicke.

Aufwachen

Ich sitze an einem Autobahn-McDonalds, im Norden. Ich sitze draußen, um beim Essen rauchen zu können. Nicht vergessen: Anschließend noch tanken. Autobahn-Fastfood-Restaurants sind mein Happy Place, Essen macht glücklich und hier will niemand was von mir. Nachdem ich das kostenlos herumliegende Kino-Magazin komplett ausgelesen habe, öffne ich die „All Worlds Spirituality“-App auf dem Handy. Dort steht so der übliche Kram, aber ganz oben läuft auf rotem Hintergrund ein Laufband:

„AUFRUF Drei kriminelle Exilanten sind auf der Flucht. Sie sind vermutlich auf einer der Zwischenwelten, vielleicht auf der Erde. Auf keinen Fall ansprechen. Falls Sie Informationen haben, die zur Ergreifung führen, wenden Sie bitte dringend an übliche Nummer. Belohnung nach eigenem Wunsch.“

Mir fällt auf, dass ein paar Tische weiter ein Dämon, eine Dämonin und ein Engel sitzen. Das sieht man in Raststätten-McDonalds sonst eher selten. Der Dämon und die Dämonin sehen sich ein bisschen ähnlich, vielleicht sind es Geschwister. Die Dämonin und der Engel halten Händchen.
Ich rufe die Nummer von dem Bannertext an. Vielleicht wird man mir ja im Gegenzug Reichtum anbieten, das wäre doch ganz schön. Jemand nimmt ab.
„Ich habe Information zu den Exilanten, nach denen Sie suchen“, sage ich.
An der anderen Seite Schweigen. Dann: „Du bist ein Mensch, nicht wahr?“
„Nun … ja. Aber ich habe trotzdem …“
„Woher hast Du diese Nummer?“
„Von den …“
Er lässt mich nicht ausreden: „Immer wieder ruft Ihr hier an und wollt Euch mit irgendwas wichtig machen. Bitte lasst das bleiben. Ihr wisst überhaupt nichts. Ihr habt überhaupt keine Ahnung, in was Ihr Euch da einmischen würdet.“
Ich fühle mich gekränkt. „Aber … vielleicht weiß ich ja wirklich, wo die Exilanten gerade sind.“
„Mmmh-hmmmh, ganz sicher. Ich werde jetzt auflegen“, sagt er und tut es.

Wenn ich in der Raucherecke am Bahnhof stehe, bin ich immer derjenige, auf den Leute zukommen und nach Kippen fragen. Es muss irgendwas mit meinem Gesicht sein. Und als ich sehe, dass die Gruppe am Nebentisch aufsteht, weiß ich schon, dass die gleich auf mich zukommen werden.

Als sie näher kommen, bemerke ich, dass die beiden Dämonen Löcher in der Kleidung haben, an den Stellen, wo sonst Rangabzeichen sind.
„Du wirst uns fahren“, sagt die Dämonin zu mir und macht die Hypnose-Bewegung mit der Hand.
„Ich nehme so viele Endorphin-Blocker, ich bin überhaupt nicht hypnotisierbar.“
Das verunsichert die drei ein bisschen. Verwirrt schauen sie mich an und überlegen anscheinend, wie sie mich einordnen sollen.
Schließlich fragt die Dämonin: „Bist Du einer von den Menschen, die damals für die Eisriesen gearbeitet haben?“ Exakt.
Daher weiß ich um solche Sachen. In die Eisriesen-Geschichte bin ich indes so reingerutscht und dann war es halt irgendwann vorbei. Damals dachte ich, dass bestimmt bald die nächste coole Sache kommen würde, es kam aber nichts. Rückblickend denke ich, es wäre sogar besser, wenn ich die Eisriesen nie getroffen hätte, weil ich dann gar nicht um diesen Teil der Welt wüsste und es mir jetzt nicht fehlen würde. Naja.
„Ich fahre nach Kassel“, sage ich, „wohin wollt ihr?

Ich bringe das Tablett weg. Wir gehen zu meinem Auto. Sie steigen ein, der Engel und der Dämon hinten, die Dämonin neben mir. Ich tippe die Adresse, die sie mir genannt haben – ein Parkplatz, irgendwo im Harz – in das Navi ein und wir fahren los.

„Wenn das hier schief geht, gehe ich zurück, setze mich an meinen Schreibtisch und schieße mir in den Kopf. Meine Hände sind schon ganz kalt“, sagt der Dämon sachlich.
„Ach Du, Drama-Queen“, lacht seine Schwester und schlägt ihm fröhlich auf die Stirn. Der Engel lehnt sich vor und sagt zu ihr: „Wenn das in die Grütze geht, dann ist das halt so. Es wäre mir egal. Ich hab Dich einfach so lieb. Wenn das die letzten Augenblicke sind, dann will ich sie mit Dir verbringen.“
„Das sagt er nur, weil Du so große Titten hast“, rutscht mir raus. Warum sage ich immer so etwas?
Der Engel greift nach der Hand der Dämonin: „Du weißt, dass ich Dich auch lieben würde, wenn …“
Sie dreht sich zu ihm und schmunzelt: „Ja, natürlich weiß ich das.“ Dann gibt er ihr seine andere Hand, sie dreht sich wieder nach vorne und legt seine Arme um sich, so wie man sich einen Samtschal umlegen würde.

Bei Hannover muss ich tanken, denn selbstverständlich habe ich es vorhin vergessen. Ich stehe in der Schlange zur Kasse und sehe, dass ich siebzehn verpasste Anrufe auf meinem Handy habe. Ich rufe meine Mailbox ab: „Mein Kollege war vorhin ein bisschen voreilig“, höre ich eine unheimlich zugewandte und wertschätzend klinge Stimme sagen, „unserer Akte zufolge sehnen Sie sich nach Reichtum. Das ließe sich problemlos einrichten. Aber wir wissen, dass Sie auch gerne nicht mehr rauchen würden, doch sich diesen Wunsch nicht eingestehen können. Wir könnten Sie zu einem Nichtraucher machen. Zusätzlich. Sie müssen nichts tun, außer uns zu sagen, was Sie über die Exilanten wissen. Bitte denken Sie daran, die Exilanten nicht anzusprechen und zu ignorieren, was sie sagen, sollten sie Sie ansprechen. Wir können Sie telepathisch nicht erreichen. Könnten Sie sich vorstellen, für ein paar Stunden keine Endorphin-Blocker zu nehmen – nur solange bis wir eine Verbindung aufgebaut haben? Dann könnten wir Ihr Gedächtnis direkt auslesen – das wäre für uns einfacher und für Sie bequemer.“
Ich bin gleich mit Bezahlen dran, daher lege ich auf und schalte das Handy aus.

„Was genau habt ihr gemacht, dass die so wütend auf Euch sie sind?“, frage ich als ich wieder im Auto sitze, „denn dass Ihr beiden vögelt war doch bestimmt nicht der einzige Grund?“
Sie sagen nichts.
Schließlich fragt mich die Dämonin: „Hast Du die gerade angerufen?“
„Nein! Neinneinnein. Sie haben versucht mich anzurufen, ich habe nur die Mailbox abgehört.“

Wir kommen an dem Parkplatz an, den sie mir genannt haben. Dort steht, nicht ans Auto gelehnt, sondern davor stehend, die Hände auf die Hüften gestützt und uns böse anfunkelnd, eine kurzhaarige Hexe.
Sie wartet bis wir ausgestiegen sind und sagt dann: „Oh, ja – ‚lass uns doch zur Hexe fahren!‘. Tolle Idee, wirklich ganz toll. Was glaubt ihr Schwachköpfe denn, wo sie als allererstes nach Euch suchen werden?“
Ich finde es irgendwie ungerecht, dass die Hexe so gemein zu ihnen ist. Sie scheint mich jetzt erst zu bemerken. „Und diesen Idioten hier habt Ihr noch nicht mal richtig hypnotisiert!“ Der Dämon winkt ab und fragt sie:
„Wann ist denn der nächste Abflug?“ Dabei schaut er in Richtung des Berges, in dessen Schatten dieser Ort hier liegt.
„Aber auf keinen Fall werde ich Euch dahin mitnehmen und damit nicht nur mich, sondern noch meine Schwestern gefährden. Überlegt Euch was anderes.“

Sie beschließen, erstmal zu der Hexe nach Hause zu fahren. Der Engel küsst mich zum Abschied auf die Lippen. Ich weiß, dass Engel das untereinander so machen. Vielleicht bin ich der erste Mensch, den er kennengelernt hat und er weiß nicht, wie er sich mir gegenüber sonst verhalten soll. Die Dämonin, vielleicht weil sie es ihm nachmacht, vielleicht einfach so, küsst mich ebenfalls.

Danach ist das Auto irgendwie leer. Ich fahre alleine zurück zur Autobahn, an diesen halb kitschigen, halb niedlichen winzigen Harz-Städten vorbei. Doch jetzt nicht, Mann, ey, jetzt nicht weinen, komm schon, was bist Du denn gerade so emotional? Ich krame im Handschuhfach nach der Schachtel mit den Endorphin-Blockern und versuche gleichzeitig das Auto auf der Straße zu halten.

Herbst

Ich stehe spätabends mit einer Vampirin im Garten ihres Schlosses, wir rauchen. Vor einer Weile hat sie den größten Teil des Gebäudes verkauft, jetzt ist da ein, recht teures aber beliebtes, Restaurant. Von oben hören wir Musik und Geselligkeitsgeräusche. Gedämpftes Licht scheint zu uns runter. Sie drückt ihre Kippe an ihrem Ballerina-Schuh aus – das hinterlässt sicher einen Fleck – und zündet sich eine neue an. Um den Hals trägt sie ein auffallend schönes Amulett. Ich würde es mir gerne anschauen, will ihr aber nicht so in den Ausschnitt starren. Sie bemerkt meinen Blick: „Sag doch: ‚Nimm es bitte ab und zeig es mir'“.
„Nimm es bitte ab und zeig es mir“, sage ich. Sie schmunzelt ein bisschen und tut es. Das Amulett ist grob, man kann die Stellen sehen, an denen es gelötet wurde, und trotzdem auf zärtliche Weise hübsch, wie eine Träne aus Eisen. Als ich es halte, wird mein Brustwarzenpiercing ganz warm. Das macht es manchmal, wenn es mich auf etwas hinweisen will. Es wurde zum Beispiel warm, als ich die Ausschreibung für meine jetzige Stelle sah. Das war gut, denn ich habe mich daraufhin beworben und den Job auch bekommen. Ich halte ihr Amulett ganz nah an mir und gebe es ihr erst, widerwillig, zurück als sie die zweite Kippe aufgeraucht hat.
„Woher hast Du es?“
Sie nennt den Namen eines Zwerges und einen Ort im Wendland, wo er seine Werkstatt hat. Dann gibt sie mir ihr Feuerzeug und ihre restlichen Zigaretten und wir gehen rein. Sie zieht den einen Schuh aus, setzt sich auf ihren Sarg, kickt mit dem schuhlosen Fuß den anderen runter, legt sich hin und auf einmal weicht jede Farbe aus ihr. Ich brauche eine Weile bis ich merke, was gerade passiert ist. Obwohl sie sich eben erst hingelegt hat, sieht sie aus als läge sie seit Jahrhunderten hier. Sogar eine Staubschicht bedeckt sie. War das ein Unfall? Wollte sie, dass das passiert? Ich gehe zu ihr rüber und berühre sie vorsichtig am Ärmel. Auch ihre Klamotten sind gealtert, das Amulett aber nicht. Ich könnte es mir jetzt einfach nehmen. Nein, lieber nicht, das wäre nicht fair.
Ich warte eine Weile, aber sie verwandelt sich nicht zurück.

Am Samstag drauf fahre ich ins Wendland. Ich mag so Ausflüge. Es ist mir eigentlich auch egal wohin, ich genieße es einfach, mit dem Auto übers Land zu fahren und einen Vorwand zu haben, mir an Tankstellen Süßzeug und Snacks zu holen. Schade nur, dass es die ganze Zeit regnet. Ich komme in dem Ort an. Er ist so klein, dass ich die Werkstatt auch ohne konkrete Adresse nach kurzem Rumfahren finde. Eine Glocke bimmelt, als ich eintrete. Ein Zwerg sieht von einer Werkbank zu mir rüber, steht aber nicht auf. Er ist offensichtlich ein Zwerg (klein, gedrungen, kurze Stummelfinger), aber kein typischer. Er hat kurze Haare, feine, dünne Kleidung und ihm leuchtet eine distanzierte Intelligenz aus den Augen. Ich hole ein bisschen Geld heraus und zeige es ihm, Zwerge wollen immer erst sehen, dass man Geld hat, bevor sie mit einem sprechen. Er winkt ab. Ein Zwerg, der nicht von Gold besessen ist? Noch etwas, das nicht zu Zwergen passt, zu meinem Bild von Zwergen. Die Vampirin war auch keine typische Vampirin. Vielleicht ziehen sich so Leute ja an. In der Werkstatt ist lauter Schmuck, der wie ihr Amulett aussieht. Mein Piercing wird aber nicht warm. Was war denn beim Rauchen am Schloss so anders, dass es da warm wurde? Ich will nichts kaufen, will ihm aber trotzdem etwas dalassen und sehe mich nach einer Kaffeekasse um. Es gibt keine. Ich lege ein paar Münzen auf den Tisch. Der Zwerg gibt mir zu verstehen, dass ich sie nicht hierlassen soll. Er ist dabei nicht streng oder mahnend. Eher so wie Leute, die selbst keinen Alkohol trinken, einem am Ende einer Party sagen, dass man das übrige Bier mit nach Hause nehmen kann.

Noch so viel zu tun

Ich housesitte für meinen Kumpel Bert. Er ist mit Webprogrammierung reich geworden und hat ein riesiges Haus am Waldrand. Manchmal kommen Rehe in seinen Garten und schauen neugierig zur Terrasse. Zu seiner eigenen Unterhaltung hat er einen Roboter mit einer künstlichen Intelligenz gebaut. Der Roboter kümmert sich darum, dass die Fenster bei Regen zu sind. Die regelmäßig kommende fröhliche Polin (Kroatin? Bulgarin?) putzt und bügelt. Ich muss also nichts tun, außer vielleicht aufzupassen, dass nicht eingebrochen wird. In der ersten Nacht rollt der Roboter zu mir und beschwert sich, dass das Traum-Programm aus ist. Ich rufe Bert an und erfahre, dass er für den Roboter einen Algorithmus programmiert hat, der zufällige Träume ausgibt. Das muss allerdings von Hand angeschaltet werden.
‚Ausgeschlossen‘, denke ich und lasse den Roboter traumlos. Es ist ein warmer Sommer. Am nächsten Tag rufe ich Juli an. Wir kennen uns seit Jahren und knutschen so seit einem Jahr. Ich weiß nicht, wie sie wirklich heißt, vielleicht heißt sie ja tatsächlich „Juli“, und als sie ankommt, fragt sie mich auch nicht, warum ich gerade in diesem Haus bin. Wir knutschen ein bisschen auf dem Sofa herum.

Anschließend dreht sie sich einen Joint. Ich erzähle ihr von dem Traumprogramm des Roboters.
„Gönn ihm das doch“, sagt Juli.
Dass ausgerechnet Juli, die nach dem Knutschen nie kuscheln will und bislang jedes Angebot, auch mal etwas anderes zu tun (Essen gehen, Kino, Freibad) abgelehnt hat, von Gönnen redet, ärgert mich: „Ausgerechnet Du redest vom Gönnen?“
„Das ist eine sehr erwachsene Bemerkung“, entgegnet sie und werkelt weiter an der Tüte herum.
Wir schweigen ein bisschen. Ich höre den Roboter im ersten Stock irgendetwas machen.
„Schschsch…“, sage ich.
„Schoschoschoscho…“, sagt sie.
„Schonschonschonschon…“, sage ich.
„Schon gut“, sagt sie.
Ich bin dankbar, dass wir dieses Versöhnungsritual haben. Seitdem wir das eingeführt haben, geraten wir nicht mehr in so Sackgassen-Streite.

Sie zündet sich den Joint an, zieht ein paar Mal daran und hält ihn mir hin. Ich lehne mich vor, greife danach und werde sofort aufgeregt als sich unsere Finger berühren. Wie kann es sein, dass man sich den krassesten Perversionen hingibt und es dann trotzdem tausendfach heißer ist, wenn sich beim den-Joint-rüberreichen die Hände, nein, noch nicht mal die Hände, nur die Fingerspitzen, zufällig berühren? Juli schielt mir in den Schritt und fragt: „Oh, nächste Runde?“ Aber nein, nein, ich will jetzt nicht.

Anschließend bingen wir die neue Stranger Things-Staffel. Juli wirkt überhaupt nicht bekifft. Ihr scheint die Serie ganz gut zu gefallen; das Kinn auf das hochgestellte Knie gestützt schaut sie aufmerksam zu. Ich dagegen bin zu breit, um der Handlung zu folgen und schlafe immer wieder ein. Wir sind immer noch nackt. Hätte ich auf der Couch etwas unterlegen sollen? Jetzt ist es eh zu spät. Die Polin wird sich darum kümmern (als sie heute morgen kam und das Chaos sah, sagte sie „Du Schwajnchen!“ zu mir, lachte dabei aber).

Keine Ahnung

Ich bin am Strand. Ein Ork-Pärchen sonnt sich neben mir. Sie haben leichte Lederschürzen um die Hüften. Die Stellen, an denen sie sonst Rüstung tragen, zeichnen sich als helles Negativbild auf ihrer dicken, dunkelgrünen Haut ab.
Am Wasser kniet ein Greif und baut eine Sandburg. Sie fällt dauernd zusammen, weil er zur Deko Steine an die Türme legt. Die Türme sind aber zu schmal dafür und fallen, be-Stein-t, zwangsläufig um und auf die Burg drauf. Er sollte stattdessen die Muscheln nehmen, die, anscheinend vorher gesammelt, in einem schönen kleinen Haufen neben ihm liegen. Ich stehe auf und gehe auf ihn zu. Ich laufe an drei Elfen vorbei. Sie sind ausgesprochen hübsch, ganz nackt und haben sich so sehr mit Sonnencreme eingecremt, dass sie glänzen. Ich laufe ein bisschen langsamer und schiele zu ihnen rüber. Bei genauerer Betrachtung sind sie nicht ganz nackt, sondern tragen, jeweils links, eine breite goldene Knöchelkette. Vielleicht als Mode-Accossoire. Ich glaube, Gold wird in der Hitze nicht ganz so heiß. Andererseits: Ausgerechnet das, ausgerechnet hier? Vielleicht sind es Zauberketten, die einen die Gestalt wechseln lassen, solange man sie trägt. Ist es so was? Nein, Quatsch. Diese prätentiösen Prinzessinnen wollen nur auffallen.

Eine von ihnen kratzt sich die ganze Zeit am Knöchel. Vielleicht hat sie etwas gestochen. Sie kommt anscheinend wegen der Kette nicht an den Stich. Sie beugt sich vor und will die Schnalle lösen, da packt die Elfe neben ihr ihr böse an den Oberarm, formt mit den Lippen das Wort „Wehe!“ und zieht sie zurück. Die mit dem Stich wirkt ein bisschen jünger als die beiden anderen. Vielleicht mussten sie sie mitnehmen und wären lieber unter sich. Hmmh. Ich schaue zurück zum Greif. Seine Sandburg ist wieder kaputt und er setzt an, sie erneut aufzurichten. Ich werde ihm sagen, dass seine Sandburg scheiße aussieht und/oder dass er scheiße aussieht. Vielleicht prügeln wir uns dann, das wäre doch was. Ich fühle mich in letzter Zeit so fett und nutzlos und Schlägereien machen, dass man sich irgendwie lebendiger, frischer fühlt. Ich gehe auf ihn zu. „Ich werde gleich sagen“, denke ich mir, „die Sandburg passt ja prima zu Dir, denn sie sieht scheiße aus.“ Ich stelle mich zwischen ihn und die Sonne.

„Oh, ein Greif“, sagt der Greif.
„Was?“, sage ich.
„Ich dachte, Du würdest sagen, ‚oh, ein Greif‘. Das sagen die meisten. Aber das war es nicht. Du wolltest was anderes von mir. Vielleicht nach dieser Sandburg fragen?“
„Was?“ Ich bin ein bisschen aus dem Konzept geraten. Ich schaue wieder zu den Elfen. Die jüngere ist allein, die beiden anderen sind gerade am Kiosk und kaufen bei einem träge aussehenden Steintroll Eis. Die dritte dreht sich weg und greift nach ihrem Knöchelkettchen.
Der Greif folgt meinem Blick. „Möchtest Du wissen“, fragt er, „warum ich diese Sandburg so baue wie ich sie baue oder sehen in was sich die ‚Elfe‘ gleich zurückverwandeln wird?“

im Juni, jeden Juni

Es ist tief nachts, als ich durch eine Wüste gehe. Der Mond hebt sich klar vom blauschwarzen Himmel ab. Ich komme zu einem mesopotamischen Tempel. Er leuchtet von innen, in einem seltsam unwirklichen, stetig die Farbe wechselnden Licht. Ich trete ein. Dort sitzt ein … ja, was? Idol? Eine Gottheit? Ein Götze? Jedenfalls jemand Durchtrainiertes. Er trägt einen knöchellangen Rock aus festem Stoff und Ledersandalen und hat den Kopf eines Vogels, vielleicht den eines Adlers. Es gibt so eine Ehr-Erbietungsformel, mit der man Leute wie ihn begrüßt. Wie ging die nochmal? Sa … Satakun … Satakun-irgendwas. Um das Handgelenk hat er eine auffallend schöne Blume gebunden. Wo hat er die, hier in der Wüste, her? Als er mich sieht, steht er auf und wirft dabei einen Korb aus Schilfrohr um, der zu seinen Füßen stand. Lauter Tannzapfen fallen heraus. Ich fange an, sie aufzuheben. Krass, wie viele es sind, man hätte gar nicht gedacht, dass die alle in diesen kleinen Korb passen. Wo ist der Korb eigentlich? Der Boden scheint größer geworden zu sein. Beim Einsammeln der Zapfen fällt mir auf, dass der Boden über und über mit Text in Keilschrift bedeckt ist. Manche Glyphen sind fast einen Zentimeter tief in den Stein geritzt. Jemandem war es anscheinend sehr wichtig, etwas festzuhalten. Jetzt kann es allerdings niemand mehr entziffern, schade.

Erst als fast alle eingesammelt sind, fällt mir auf, dass ich die letzten paar zwischen den Beinen von Tanzenden aufgelesen habe und dass, wohl schon eine ganze Weile, Musik läuft. Ich stehe auf. Um mich herum sind viele Menschen, die alle aufhören zu tanzen als sie mich sehen. Sie sind ganz jung und wirken, auf mich, irgendwie zerbrechlich. Das Licht, das ich am Anfang unwirklich fand, ist jetzt harmlos-neonfarben. Alle schauen mich ausgesprochen überrascht an, aber nicht unfreundlich, im Gegenteil: Sie scheinen mir sehr zugewandt zu sein. „Satakun alshams maeak“, sagt jemand zu mir. Während ich zur Tür gehe, sagen es alle, denen ich begegne. Was antwortet man darauf? Ich nicke ihnen zu. Ich trete durch die Ausgangstür, das ist die, durch die ich auch gekommen bin, aber etwas hat sich verändert, denn diese hier führt zu einem Flur, wo Jacken und Taschen hängen. Eine weitere Tür führt zu einer Toilette.

Ich gehe zum Waschbecken, trinke eine Handvoll Wasser und bemerke, dass ich an meinem linken Handgelenk eine Blume habe. Ich traue mich nicht, in den Spiegel zu schauen.