Ab jetzt wird’s ein bisschen leichter

Genervt von einer Job-Sache kommend und den Anzug tragend, in dem ich mich unwohl fühle, warte ich am Flughafen auf den verspäteten Flieger nach Hause. Für meine Verhältnisse ist es wahnsinnig sonnig und warm, aber in diesem kleinen Land ist es, glaube ich, immer so sonnig und warm, es regnet nur ganz, ganz selten. Auf denjenigen Bildschirmen, auf denen keine Arrvials und Depatures angezeigt werden, ist ein Nachrichtensender eingestellt und zwar in der Landessprache, die ich nicht verstehe. Was soll’s.
Ich gehe ein bisschen zwischen den Schaltern und Wartebereichen herum und finde einen Bildschirm, auf dem ein Livestream aus dem Zoo läuft. Dieses Land hat nur einen einzigen großen Zoo, der ist in der Hauptstadt. Der Livestream zeigt das Pandagehege. Eine Pandamama ist darauf zu sehen, groß, still, vage optimistisch. Sie hat ein Pandakind, das herumtollt, wie ein Welpe. Die Pändin isst, Bambus und Gemüse, spielt und kuschelt mit dem Kleinen und chillt ansonsten. Hin und wieder kommen Wärter herein, sie tragen Pandakleidung und räumen ein bisschen auf oder bringen mehr zu essen, das Kleine stolpert ihnen dauernd vor die Beine.

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Nijinsky

Ich fahre mit meinem Bruder von einem Klamotten-Outlet zurück. Er sitzt am Steuer, ich liege auf der Rückbank.
„Ich habe für morgen einen Job angenommen“, erzähle ich.
„An einem Sonntag?“, fragt mein Bruder.
„Ja. Ich weiß nicht so richtig, worum es geht. Und auch nicht, wann ich den überhaupt angenommen habe. Aber ich hatte einen Reminder in meinem Kalender. Und eine Email von denen, in der sie den Termin bestätigten.“
„Aber Du weißt nicht, wann Du das angenommen hast und für wen Du – und was Du – tun sollst?“
„Nein“, sage ich.
„Warst Du betrunken?“, fragt mein Bruder und lacht.

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Ich stehe am Rande eines sehr großen Feldes, zwischen Kameratürmen und hohen Lautsprecherboxen. Ganz früher war das, glaube ich, mal ein Flugplatz. Momentan findet hier hektische Aktivität statt – viele Menschen, alleine oder in Gruppen, die irgendetwas tun; es ist richtig schwarz vor Bewegung und sieht ein bisschen so aus als würden mehrere Jahrmärkte gleichzeitig aufgebaut werden. Weiter draußen werden Zuschauertribünen errichtet.
Auf mich kommt ein kleiner Mann in einem schlecht sitzenden Sakko zu, der mir sagt, er sei Kurt, der Regieassistent, alles sei schon viel zu spät und man könne jetzt nur noch nach vorne fallen. „Morgen ist Generalprobe“, sagt er und wirkt, als würde er gleich schreien. Er zieht mich auf das Feld, in die Menge, in Richtung der Mitte, hinein und wir gehen an etwas vorbei, dass ich von hinten für Steinhaufen hielt. Erst als wir sie hinter uns lassen, sehe ich im Umdrehen, dass es geduldig dastehende Bergtrolle sind. In den Händen halten sie riesige Bottiche. Wenn sie sich bewegen, schwappt Wasser heraus. Wozu sind sie da? Ich will davon ein Foto machen und hole mein Handy raus. Der Regieassistent glaubt, ich würde telefonieren wollen und sagt: „Hier ist kein Netz. Wir haben einen Netzblocker auf voller Stärker laufen. Ansonsten hätten wir Dich auch einfach angerufen. Komm jetzt.“
Wir gehen an Kindern vorbei, irre viel, anscheinend hat man eine ganze Grundschule rekrutiert, die Konfetti in Kanonen schütten und an alten Menschen, die in Gruppen zusammensitzen und Kränze flechten. „Ihr seid immer noch nicht fertig?!?!“, ruft Kurt ihnen entgeistert zu. Er würde, scheint mir, noch ausfallender werden, wenn nicht genau daneben streng dreinblickende, kurzhaarige Amazonen stünden. Wir reichen ihnen nur bis zur Hüfte; sie halten verschiedene Percussion-Instrumente in den Händen. Wir huschen an ihnen vorbei. Irgendwie erwarte ich, dass hier noch eine Bühne ist und wir laufen auch bald an einer vorbei. An zwei Seiten der Bühne sind frei stehende Kameras, an den beiden anderen zwei große Käfige. In dem ist einen ein ganz friedlich wirkender Lindwurm, in dem anderen ist ein Drache, der mit Kopf dauernd gegen die Streben schlägt. Drachen erinnern mich an stets Pferde: Hübsch, aber schon im Normalzustand fast wahnsinnig. Der hier ist kocht vor Wut und wartet offensichtlich darauf, dass jemand einen Fehler macht. Dazwischen läuft auf der Bühne ein Ansager gedankenverloren hin und her und übt anscheinend seinen Text:
„Was tut einem Drachen der Biss einer Schlange?“
Er probiert verschiedene Betonungen aus:
„Was TUT einem Drachen der Biss einer Schlange?
Was tut EINEM DRACHEN der Biss einer Schlange?
Was tut einem Drachen der Biss EINER SCHLANGE?“
„Warum bleibst Du dauernd stehen?!“, sagt Kurt vorwurfsvoll zu mir und drückt mich weiter nach vorne, in die Richtung einer Gruppe von entweder Elfen oder krass schöner Frauen. Dass es hier kein Netz gibt, trifft sie, glaube ich, stärker als die anderen Darsteller: Manche der Elfen blicken ostentativ gelangweilt; aber nicht alle, andere unterhalten sich auch fröhlich. Sie tragen kurze Kleider aus weißem, grobem Stoff und haben bunte Bänder um die Knöchel gebunden. Der Regieassistent schiebt mich weiter und nach einer Weile – dauernd muss man jemanden ausweichen oder aufpassen, dass man nicht auf etwas drauftritt – sind wir anscheinend da. Auf einem abgesteckten freien Platz liegt auf dem Boden ein langes, weißes Banner, daneben sitzt jemand. Er steht auf, als er uns kommen sieht und greift nach einem Rollpinsel.
„So“, sagt Kurt zu mir, „dann sag mal, welchen Text Du mitgebracht hast“
Ah. Ok, das war also die Aufgabe. Ich habe es irgendwie komplett vergessen.
„Du wirst auf jeden Fall einen Text vorlegen, jetzt gleich, sonst beiße ich Dich. Ich bin in einer halben Stunde wieder hier und dann möchte ich sehen, wie ihr mit dem Banner bereits angefangen habt.“
Der Arbeiter mit dem Pinsel sieht mich geduldig an.
Welcher Text würde hierzu passen?
Ich schaue mich um. In der Nähe ist eine ebenfalls freigesteckte Gasse. Zur einen Seite führt sie zu einem Holzstoß, so einem wie sie für Osterfeuer aufgebaut werden. Auf der anderen Seite steht ein junger muskulöser Fakelträger. Er hat lediglich einen, wirklich sehr knappen, Lendenschurz an und ist komplett in grellem, fast neonfarbenem Rot bemalt.
Hmmh. „Keine Hoffnung für Hunde“? Nein. „Hoffnung für Hunde“, vielleicht? „Tanz mit mir!“? „Sonne, neide uns!“?
„Schreib“, sage ich zu dem Mann mit dem Rollpinsel, „‚Das kann man nicht erklären – man kann es nur zeigen.‘
Er schaut auf das noch leere Banner und überlegt, vermutlich, wie groß er die Buchstaben machen kann. Hmmh. Naja. Schon ziemlich groß.

 

Ich weiß, was Du sagen wirst

Ich wache davon auf, dass ich merke, dass neben mir im Bett niemand liegt.
Ich gehe durch das Haus. Die beiden Hunde liegen aneinander gekuschelt auf der Couch (wo sie im Übrigen nur nachts drauf dürfen). Ich folge einem sanften Windzug und trete schließlich auf die Terrasse, wo meine Frau barfuß auf den Stufen sitzt und zu den Sternen schaut. Ich setze mich neben sie und blicke zu dem Brachland, das genau da beginnt, wo der Sprinkler nicht mehr hinreicht. Etwas weiter entfernt wachsen wilde Kakteen. Ich frage mich, warum es hier nicht viel mehr Kakteen gibt, als mir klar wird, dass ich nicht verheiratet bin und auch nicht in einem warmen Land wohne und somit wohl wahrscheinlich immer noch im Bett liege und träume. Doch ich genieße diesen Moment und ich will dass er dauert. Wacht man nicht auf, wenn einem klar wird, dass man träumt? Schade, dass man gute Träume nicht absichtlich länger träumen kann.

Sie legt ihren Kopf auf meine Schulter. „Ich“, sage ich, „wollte nach Dir schauen. Ich kann Dir Deinen Rooibos machen und Dir rausbringen, wenn Du möchtest.“
„Du bist nur rollig“, sagt sie, schmunzelt, und hat absolut, absolut recht.
„Ich kann aber rollig sein und Dir trotzdem Tee machen“, wende ich ein.
Sie legt ihre Beine über meinen Schoss, setzt sich ein bisschen quer hin und stützt sich nach hinten mit den Armen ab. „Streichle mich“, bittet sie und ich lege meine Hand auf ihre schönen, glatten, vertrauten Beine, kleine Narben vom Schneiden an immer den gleichen Stellen und bemalte Zehennägel, deren bunte Fröhlichkeit man nun, nachts, nicht sieht.
„Sie sind so weit weg“, sagt sie zum Nachthimmel.
„Da ist Pegasus“, sage ich und zeige auf ein Sternbild.
„Nein“, sie lacht, „das ist noch nicht einmal annähernd richtig“, sie nimmt meinen Zeigefinger und zeigt damit auf die korrekte Position. Ich lache mit, wir küssen uns, dann sitzen wir wieder schweigend nebeneinander.
„Ist … alles ok bei Dir?“, frage ich schließlich. Sie möchte mir etwas sagen oder vielleicht sagen-nichtsagen. Sie guckt eine Weile von mir weg. Dann dreht sie sich zu mir und schaut mir direkt in die Augen.

Es fühlt sich warm und pulsierend an.

Wenn das Abendbrot nicht aufgegessen, das Bad verweigert oder der Hund nicht ausgeführt wurde, warnten meine Eltern mich immer, dass der Gulp mich fressen würde.  Der „Gulp“, das war eine Gestalt aus einem Kinderbuch, ein Monster, groß wie ein Haus und einäugig. Außerdem besaß er die Fähigkeit, nach Belieben die Gestalt zu ändern und fraß gerne kleine Kinder. Das Buch stand in meinem Regal und meine Eltern fanden es, für mich irritierend, total witzig. Als Kind fürchtete ich mich vor den Illustrationen darin, gleichzeitig fand ich die Protagonisten – sie wurden ausnahmslos gefressen – doof. Wie konnten die Kinder in dem Buch auf die offensichtlichen Fallen, die ihnen der Gulp stellte, hereinfallen? Heute kommt es mir vor, als seien Kinderbücher früher grundsätzlich unnötig brutal gewesen.

*********

Nach einem fröhlichen Abend auf Achse in Hamburg laufe ich nun vom Bahnhof nach Hause und bin wie immer genervt, dass es so lange dauert. Und, zugegebenermaßen, gleichzeitig zu geizig, um mir ein Taxi zu nehmen. Auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Zuhause hat anscheinend eine neue Kneipe aufgemacht.

RAUCHER WILLKOMMEN

steht drauf (in blinkenden, etwas kruden Buchstaben) zu meiner Begeisterung. Ich würde gerne eine Rauchen und tue es nur ungerne allein. Andererseits bin ich dann noch später zu Hause.

GROßER KAFFEE – VERSCHIEDENE SORTEN – SINNVOLLE PREISE

leuchtet darunter ge-LED-t auf. Naja, was soll’s. Ich gehe rein.
Die Kneipe muss wirklich neu sein, denn ich laufe diesen Weg seit Jahren und habe sie noch nie vorher gesehen. Dafür sieht sie aber ein bisschen abgerockt aus. Egal, es riecht nach Zigaretten und über verborgene Lautsprecher läuft eine Art Unterwassermusik. Außer mir ist hier niemand. Ich gehe an die Bar und will nach einem Menü greifen, das da zu liegen scheint, tatsächlich aber nur auf die Theke aufgemalt ist. Die Theke selbst fühlt sich warm und pulsierend an. Ich lege meine Hand an die Wand. Dasselbe. Als würde sie leben. Ich merke, dass mich etwas beobachtet.
Wie weit ist es bis zur Tür?
Jetzt losrennen?
Wir warten beide darauf, dass der andere den ersten Schritt macht.

Apokalypse

Maik, der attraktive Maik, bat mich, mit ihm an einem Adventssamstag auf den Weihnachtsmarkt in der Innenstadt zu gehen. Er wollte mir etwas Cooles zeigen. Ich bin gerne mit Maik befreundet, obwohl ich ihn eigentlich mehr begehre als mag und er zudem die Angewohnheit hat, mich immer in seine Probleme mit ’reinzuziehen.
Auf dem Weihnachtsmarkt ist es fröhlich-voll, voll-fröhlich. Trotzdem habe ich von dem Moment an, als wir den Markt betreten, ein schlechtes Gefühl. Es wird noch dadurch verschlechtert, dass Maik mir nicht sagt, was genau er mir zeigen will. Wir quetschen uns zwischen Menschenmassen hindurch als auf einmal ein süßer Geruch in der Luft liegt, der immer stechender wird. Ich sehe, dass die Menschen um uns herum langsamer werden, dann stehen bleiben und mit leerem Blick zum Himmel schauen. Nach meiner letzten Trennung habe ich beschlossen, mich nie, nie, nie, nie wieder zu verlieben und nehme seitdem, also seit so zwei Jahren, Dopamin-Blocker. Das hat viele Nachteile, aber den Vorteil, dass ich nicht hypnotisierbar bin. Es ertönt eine Stimme, klar und durchdringend wie eine Bronzeglocke, von oben: „Alle auf die Knie!“, woraufhin alle um mich herum auf die Knie fallen, auch Maik. Ich sehe in seinen Augen, wie er immer tiefer in Trance gerät. Er steht auch sonst sehr auf alle möglichen Arten krasser Erfahrungen; ich kann mir also nicht vorstellen, dass er jetzt dagegen ankämpft. Ich schüttel ihn:
„Das hättest Du mir sagen müssen! Ich wäre nicht mitgekommen, wenn ich gewusst hätte, was hier heute passiert!“
„Habe ich das nicht?“, sagt er, schläfrig-abwesend, „ich glaube, ich habe es“,  und dreht seine Handflächen nach oben. Alle anderen tun es ebenfalls. Gab es dafür wieder einen Befehl oder hat es vorne jemand gemacht und alle anderen machen es nach?
Ich schaue nach vorne und sehe, wie sich dort ein Portal zu den Kerkerdimensionen öffnet, langsam, aber stetig. Aha, ok. Wenn das der Moment ist, an dem ich in die Hölle eingehen werde, dann ist das halt so, aber ich will nicht aus dem Leben scheiden, ohne vorher noch endlich, zumindest einmal, Maik geküsst zu haben. Ich nehme sein Gesicht in beide Hände und küsse ihn auf die Lippen. Das löst ihn ein bisschen aus seiner Trance und er schaut mich mit seinen großen, blendend schönen, silberblickenden Augen an. War das jetzt übergriffig von mir, das Küssen? Nein, wenn wir gleich sterben, ist eh alles egal. Maik sieht mir an, was ich denke und sagt: „Nein, Dummerchen. Das ist nicht das Ende. Das ist nur ein Cut; die Abfrage des momentanen Standes. Gleich wird es normal weitergehen. Entspanne Dich und … genieß‘ es doch.“ Das ist für ihn leicht zu sagen; er immer entspannt und genießend. Ich gar nicht. Ich schaue wieder nach vorne und sehe, wie  das Portal sich jetzt vollständig geöffnet hat.