Regen im Sommer, ist aber ok

Auf den ausdrücklichen und mit Nachdruck vorgetragenen Wunsch von meinem Sohn und seiner Clique hin sind wir bei einer Monstertruck-Show und warten darauf, dass es losgeht. Mein Sohn und seine Clique das sind sechs Jungs. Die Whatsapp-Gruppe hat nach ein bisschen hin- und herdiskutieren entschieden, dass es reicht, wenn da zwei Erwachsene dabei sind. Neben mir ist noch die Mutter von Jaskier da; sie heißt entweder Maike oder Meike. Ich habe ihren Namen noch nie geschrieben gesehen und sie selbst noch nie anders als müde oder irritiert. Sobald wir reingekommen sind, hat sich Meike zwei Bier geholt, diese zu unseren Plätzen getragen, ihr Handy herausgeholt und tippt seitdem darauf rum; nicht ein einziges Mal aufblickend.

Die Monstertruck-Show hat überraschend viel Handlung. Ich dachte, da werden einfach Autos ineinander fahren, aber die Crashes und Tricks unterstreichen den Inhalt nur. Über Lautsprecher laufen die Dialoge und dasjenige Auto, das gerade spricht, wird von den Scheinwerfern angeleuchtet. Es geht um zwei Monstertrucks, die beide ein Wohnmobil lieben. Die beiden Monstertrucks haben aber auch untereinander was laufen. Das Wohnmobil entscheidet für den etwas verchrometeren Monstertruck, was einen Vorwand dafür liefert, dass die jetzt Loopings fahren und über brennende Autoreifen springen. Ich schaue zwischendurch immer wieder zu den Jungs und befürchte, dass die sich langeweilen, weil es nicht mehr – oder am besten: nur – Action gibt. Doch die scheint das nicht zu stören, sie feuern die Trucks an und springen auf, wenn alle im Publikum aufspringen.

Als ich in der Pause von der Toilette zurückkomme, frage ich mich, ob das nicht leichtsinnig war, die Jungs mit der an ihrem Handy festgeklebten Meike alleine zu lassen. Naja. Über ihrem Sommersprossenausschnitt trägt sie eine silberne Kette mit einem „ZAHL“-Anhänger. Also nicht einer Zahl, sondern dem Wort „Zahl“. Sie blickt noch nicht einmal dann hoch, wenn sie nach einem ihrer Biere greift, es trinkt oder zurückstellt.

Nach dem Pause stellt sich heraus, dass das Wohnmobil den chromefarbenen Monstertruck betrogen hat und die beiden Monstertrucks machen daraufhin so eine Art Sumo-Nummer und versuchen sich gegenseitig vom Rand der Bühne zu schieben. Das – weitestegehend erwachsene, weitestgehend betrunkene und ausgesprochen reaktionsfreudige – Publikum ruft: „Vergib ihr! Vergib ihr!!!“ Ich verstehe nicht, ob der Truck dem Wohnmobil noch vergeben hat oder nicht. Am Ende der Show fahren die jedenfalls zum dritt im Kreis, dabei paarmal die Richtung wechselnd und ein bisschen crashend, aber nur ganz leicht und neckend. Es gibt sehr viel Applaus. Wir ziehen die Sommerjacken wieder an, denn draußen regnet es schon wieder. Meike bringt ihre leeren Flaschen zurück. Sie sieht entspannt aus. Wie Menschen nach zwei Stunden Therme aussehen.

Auf dem Weg nach Hause frage ich meinen Sohn und seine beide in unserem Auto mitfahrenden Freunde, ob sie ein bisschen mehr über den Hintergrund der Show wissen. Es stellt sich heraus, dass es zu den Monstertrucks ein ganzes narratives Universum gibt, mit Filmen, Spielfiguren, Social Media-Kanälen und einer Zeichentrickserie. Die Serie ist auf einem der Streamingkanäle, die wir haben. Zu Hause schaue ich die erste Folge und dann noch eine und dann die ganze erste Staffel. Die Eifersuchtsszene von der Monstertruck-Show behandelte wirklich nur einen winzigen Nebenaspekt der Monstertruck-Welt. Als ich die ersten Vögel vor dem Fenster singen höre, ist es eh zu spät um jetzt noch schlafen zu gehen. Ich schaue nochmal die Folge über die Truckersaurier – die Vorfahren der heutigen Monstertrucks – und fange dann an, das Frühstück vorzubereiten.

Eine Woche später klingelt Meike an meiner Tür. Sie trägt einen Blazer und dazu überhaupt nicht passende Crocs. „Jaskier hat das Bauchweh, das er immer hat, wenn er auf etwas keine Lust hat“, sagt sie, „ich komme trotzdem mit, damit Du mit den anderen Jungs nicht alleine bist.“
– „Wohin?“
„Heute ist doch Sonntag. Monstertrucks.“
Ich überlege, ob ich schon wieder etwas verpeilt habe, aber, nein, das mit der Monstertruck-Show war eine einmalige Sache; es ist nicht geplant, dass wir das jetzt jede Woche machen.
„Hmmh“, sagt sie.
Ich frage sie, ob sie trotzdem reinkommen will, wo sie schon hier ist.

In dieser Wohnung sind die Kacheln sehr rutschig, was mir leider erst auffiel als wir hier schon eingezogen waren. Ich habe mich ein paar Mal auf die Schnauze gelegt und das halt so hingenommen. Dann habe ich aber mal gesehen, wie mein Sohn fast ausgerutscht wäre und seitdem gibt es bei der Tür immer Noppensocken und die feste Regel, dass alle beim Hereinkommen Noppensocken anziehen müssen. Aus Routine nehme ich ein Paar aus dem Korb, halte sie Meike hin und ohne zu zögern – oder mich danach zu fragen – zieht sie die Noppensocken an.

Wir gehen in die Küche.
„Willst Du ein Bier?“
Ja, sie will. Sie trinkt einen Schluck, legt das Handy vor sich auf den Küchentisch und fängt an zu tippen. Ich schaue neugierig auf das Display. Ihre Affäre ruft an, ein paar Mal, und sie klickt ihn ein paar Mal weg. Alle wissen von ihrer Affäre, aber niemand sagt was. Ihre Affäre sieht aus wie ihr Mann, eins-zu-eins, so diese Art von Typ, er arbeitet sogar was ähnliches wie ihr Ehemann. Wenn sie schon fremd geht, warum nicht mit jemand interessanterem?
Sie zieht sich die linke Socke bis unter die Ferse herunter, massiert ihr Fußgelenkt und zieht die Socke dann wieder hoch.
„Hier ist der Kühlschrank“, sage ich.
„Ich weiß, wie ein Kühlschrank aussieht“, entgegnet Meike, aber unstreng, eher neutral-feststellend, „brauchst Du Geld, um Pizza zu bestellen?“
„Nein, schon gut.“ Mein Sohn hat schon gegessen und ich würde jetzt gerne die neue Folge der Monstertruck-Serie schauen.
„Ich bin im Wohnzimmer“, sage ich, „ruf mich einfach, wenn Du was brauchst.“
„Ok“, sagt Meike und schaut wieder zu ihrem Handy.

Ich setze mich auf die Couch und mache den Fernseher an. Am Intro sehe ich, dass es wieder eine Musical-Folge wird, YEAH, die Musicalfolgen finde ich am besten. Die Monstrucks haben ja keine Gesichter, die Zeichner der Serie geben sich aber wirklich viel Mühe, die Mimik durch Gesten und Szenografie auszudrücken; gerade bei den Musicalfolgen ist der Kontrast zwischen der Intensität der Gefühle und Starren, Unveränderlichen der Auto-Charaktere am stärksten. Als würden sie Masken tragen.

Auf Julifelder schauen

Manchmal reicht die Energie nicht aus, um samstags noch etwas zu unternehmen. Aber manchmal eben schon und in letzter Zeit sogar immer häufiger. Zuletzt habe ich die KI samstagsabends immer darum gebeten, dass sie mir eine schöne Spazierfahrt-Strecke heraussucht – eine, die möglichst nur durch Wälder und an Feldern entlang führt und irgendwo endet, wo man gut rauchen und Thermoskannenkaffe trinken kann bevor man wieder zurückfährt.

Die KI muss mit dem Navi reden und das Navi mit mir und ich muss es verstehen. Irgendwo in dieser Kette ging heute etwas schief, denn ich fahre immer wieder eine Schleife, in einer kleinen und wahnsinnig schicken Wohnsiedlung am äußersten Nordrand einer Großstadt. Ich halte an und steige aus, in der vagen Hoffnung auf Orientierung, und laufe ein bisschen durch die Siedlung. Die Bürgersteige sind pikobello sauber und völlig leer.

Ein paar Häuse weiter nähere ich mich von hinten einer Frau. Sie trägt eine türkise Jacke, die wirkt als sei sie aus Satin. Als ich noch so zwei Schritte von ihr entfernt bin, dreht sie sich ruckartig um und starrt mich misstrauisch an. „Ich bin hier nur so“, sage ich. Und ergänze ein nachgestelltes: „Hallo.“ Sie schweigt ein bisschen und dann gehen wir schweigend nebeneinander her.

Ihr Mann würde heute Geburtstag feiern und habe alle seine Freunde eingeladen. Sie habe das so eine Stunde lang ausgehalten und sei dann einfach aus der Tür rausgegangen. Das habe sie bei ähnlichen Anlässen schon ein paar Mal gemacht. Früher sei ihr Mann ihr hinterhergegangen und habe sie wieder nach Hause geführt. Dann ging das ein paar Jahre lang nicht mehr, weil immer jemand zu Hause bei den Kindern bleiben musste. In der Zeit sei sie alleine wieder nach Hause gelaufen. Jetzt sind die Kinder aber groß genug, um ein paar Stunden alleine zu bleiben. Sie fragt sich, ob ihr Mann ihr an Tagen wie heute wieder hinterher laufen und sie zurückbringen würde.

Das erzählt sie alles so nebenbei und mit so einer gleichgültigen Stimme, dass es ein bisschen so ist, als würde sie es nur laut denken und ich nur aus Zufall ihre Gedanken hören.

Ich lobe ihre Jacke. Ich hätte auch noch etwas positives über ihre Haare gesagt, die sie sich anscheinend so färbt, dass sie die Farbe ihrer Augen aufgreifen, aber ich sage es nicht. Sie fragt mich, was ich hier tue und weist mir dann den Weg zu einem vor sich hin verfallenden Turm von um 1900 herum, der so gebaut wurde dass er aussehen soll als sei er von 1500 herum. Dort ist ein Fledermaus-Sanktuarium. Als sie hierher gezogen sind, habe sie dort ehrenamtlich Fledermäuse gepflegt. „Die haben dieses hochentwickelte Radarsystem. Und die fliegen auch nie gegen Wände oder so. Nur gegen einander. Wir haben die gefilmt und wenn man es sich in Zeitlupe anschaut, sieht man, dass die dauernd aus Versehen in einander crashen.“

Als würde ich es in einer fremden Sprache lesen

Der Himmel ist völlig wolkenlos. Ich stehe an der Zinne einer Burg, die an einer Meeresklippe steht. Ich mag es, wie das Meer von allem so unbeeindruckt ist. Ich wünschte, ich wäre auch so. Unten sind zwei Meeresdrachen. Immer wieder springen sie hoch und donnern mit ihrem Kopf gegen die unterste Seite der Burgmauer. Dann schwimmen sie ein paar Kreise und springen wieder hoch. Das Gegen-die-Mauer-Stoßen scheint ihnen entweder keine Schmerzen zu bereiten oder vielleicht auch doch und sie nehmen es billigend in Kauf. Ich beobachte sie eine Weile. Sie wirken so, als hätten sie keine bösen Absichten – eher so als täten sie es, weil sie der Burg oder ihren Bewohnen helfen wollten. Aber wobei? Was wäre eine Sache, die dadurch besser oder leichter oder untrauriger wird, dass jemand mit dem Kopf gegen eine Mauer hämmert? Auf der anderen Seite: Vielleicht missverstehe ich sie. Es fällt mir schwer, mich in Wasserdrachen hineinzuversetzen.

Alltag, besonders unter der Woche

Ich sitze in einem vollen Kinosaal. Bis auf mich sind alle in tiefen, festen Schlaf gefallen. Sie wirken friedlich und zufrieden. Es ist so kalt, dass der Atem an der Luft kondensiert, doch das scheint niemanden zu stören. Mein Sitz ist mit kleinen Nadeln besetzt, es ist aber zu dunkel als dass ich sie sehen und rausziehen könnte. Alle anderen Plätze sind belegt. Ich versuche mich auf den Film zu konzentrieren, um mich abzulenken. Auf der Leinwand sind abgefilmte Fotos exotisch wirkender Pflanzen zu sehen; ich erkenne keine davon wieder.

Die Moira (oder: Elfen im Freibad)

Ich bin so wahnsinnig alt, ich war schon hier, bevor alles so richtig losging. Bevor es Bahnhöfe gab und hautenge Jeans und Primzahlen.

Vor vielen, vielen Jahren wollte ich mal in ein Elfen-Freibad gehen. Damals gab es noch Elfen und die hatten, klar, Paläste und schöne Hände und zarte Lieder. Aber die lebten auch ganz normal und hatten eben auch normale Dinge wie Bibliotheken und Freibäder. Und, dachte ich mir damals, wie cool wäre es mal in einem Elfen-Freibad zu sein.
Bei mir um die Ecke war auch eins und eines Tages ging ich da einfach hin. So auf gut Glück
Das Elfenfreibad lag in einer Talkuhle, rings herum waren Wiesen, weiter oben begann der Wald. Vermutlich lassen die mich eh nicht rein, dachte ich, aber versuchen kann man es ja trotzdem. Vielleicht sind die ja dort nackt.

Als ich über die Wiese auf das Elfenschwimmbad zugehe, sehe ich, dass da zwei Elfen stehen, mit so ein bisschen Abstand zum Eingang, ein Papa und sein Sohn. Sie unterhalten sich sehr aufgeregt über etwas. Der Elfenpapa deutet immer wieder zum Waldrand, der Elfensohn verschränkt die Arme und sieht bockig aus. Sie tragen beide eine große goldene Schmuckschnalle um das linke Fußgelenk. Als ich näherkomme, kann ich hören, worüber sie sprechen.
„Willst Du das wirklich?“, fragt der Elfenpapa, „denn wir können auch einfach zurückgehen.“
„Ja, ich will das“, sagt sein Elfensohn und er zieht seinen Papa am Arm, „komm.“ Der Vater sieht unentschlossen aus. Sie bemerken mich. Der Elfensohn zeigt auf meine Badetasche und sagt zu seinem Vater: „Dieser Mensch hier will auch ins Freibad“, und dann zu mir, „Hallo. Mein Name ist Pohl und das ist Zunna, mein Papa. Wir gehen jetzt ins Freibad. Wir sind Elfen.“
Ich wundere mich, warum der Elfensohn das so gesagt hat – ich kann ja sehen, dass es Elfen sind.
Der Elfenpapa schaut mich prüfend an und denkt nach. Dann fragt er: „Kannst Du mich verstehen, wenn i c h s o s p r e c h e ?“
„Ja“, sage ich, „in groben Zügen.“
Zunna, der Elfenpapa, nickt. „Wenn ich Dir sage, ‚dreh Dich jetzt im Kreis‘ – kannst Du das dann tun?“
„Ja“, sage ich, mache es vor und bin sehr stolz auf mich.
Der Elfenpapa denkt noch ein bisschen nach. Schaut zu mir. Schaut zum Freibad. Schaut zu seinem Sohn und sagt dann: „Ok. Wir gehen rein.“
Und wir gehen zur Kasse.

Dort sitzt eine etwas ältere und grimmig aussehende Kassiererin-Elfe.
„Guten Tag“, sagt der Elfenpapa Zunna zu ihr, „wir zwei und dieser Mensch, das ist hoffentlich ok, dass wir ihn mitnehmen. Für ihn müssen wir ja auch keinen Eintritt bezahlen.“
„Aber. Ganz. Bestimmt. Nicht“, sagt die Kassenelfe ruhig.
„Wie – nicht? Doch“, entgegnet Zunna.
„Sie können doch keinen Menschen mit ins Freibad nehmen! Es gibt Regeln“, die Kassiererin zeigt auf ein großes Schild, das neben dem Kassenhäuschen hängt. Dort steht in diese geschwungenen, wie gemalt aussehenden Elfenschrift:

  1. NICHT AUF DEN BODEN SPUCKEN
  2. KEINE TROLLE
  3. KEINE ZAUBERDINGE, INSBESONDERE NICHTS WAS DIE GESTALT WANDELT

„Das sind ja auch total sinnvolle Regeln. Aber“, hält der Elfenpapa Zunna entgegen, „ein Troll ist er ja schon mal nicht. Er ist ein Mensch. Auf den Boden wird er nicht spucken – er ist sehr folgsam. Und ein Zauberding hat er auch nicht dabei. Und vor allen Dingen steht hier ja nicht ‘KEINE MENSCHEN‘.“
„Natürlich steht es da nicht dran“, sagt die Kassiererinelfe, „denn wer kommt denn schon auch auf die Gedanke, einen Menschen mit ins Freibad zu nehmen?“
„Aber verboten ist es nicht?“, fragt-sagt Zunna.
Die Kassiererinelfe verzieht das Gesicht: „Irgendwie nicht. Nicht ausdrücklich. Aber Sie müssen trotzdem den vollen Preis für den Menschen bezahlen!“
„Den halben“, sagt der Zunna.
„Den vollen.“
„Den halben. Und vielleicht …“
„Nein, entweder sie bezahlen den vollen Preis für den Menschen oder er kommt nicht mit rein. Punkt.“
„Naa gut“, sagt Zunna, „Sie haben gewonnen. In Ordnung, in Ordnung. Dann dreimal den vollen Eintritt bitte.“
Die Kassenelfe guckt ihn überheblich-triumphierend an – so wie man guckt, wenn man gewonnen hat – und gibt ihm das Wechselgeld.

Und damit sind wir drin; im Elfenfreibad. Ich schaue mich um: Die sind hier nicht nackt. Hmmh. Naja, macht nichts, diese Elfen sind so überwältigend edel, es ist einfach ein Glück sie anzuschauen.
Ich schaue zu Phol und Zunna. Zunna wirkt eher noch überraschter als ich dass wir jetzt hier sind.
Er gibt mir das Wechselgeld: „Nimm, für Dich, nimm einfach.“ und schaut sich nach einer guten Stelle um, wo wir unsere Handtücher hinlegen können. Er entdeckt eine, die er anscheinend gut findet. Wir gehen dorthin. Auf dem Weg zu der Stelle schaue ich mich ein bisschen um und werde auch von vielen neugierig angestarrt. Was gibt es hier alles zu entdecken?, frage ich mich.

Ah, ja, fällt mir auf, so viele Himbeeren. Überall wo heutzutage in Freibädern Hecken und Sträucher sind, waren damals Himbeerbüsche. Aber niemand die Himbeeren gegessen, für die Elfen war das eine Dekopflanze – hübsch, aber uninteressant.

An der sonnenabgewandten Seite der Liegefläche liegt eine Moira, so ein Ungeheuer, das irgendwie nur aus Zähnen und Tentakeln zu bestehen scheint. Die Elfen benutzen Moiren so, wie heutzutage Security-Agenturen Kampfhunde benutzen. Also wenn Kampfhunde so groß wie Wohnwagen wären. Früher züchteten Elfen die Moiren in Massen, ließen sie für sich kämpfen und gewannen mit ihrer Hilfe schließlich auch den jahrhundertealten Krieg gegen die Trolle. Geführt wurden die Moiren von Elfen-Kriegsfürstinnen, die, nachdem der Krieg vorbei war, Schwierigkeiten hatten in Friedenszeiten einen Platz für sich zu finden. Aber das ist lange her. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Moiren; halt an Orten wie diesem hier, weil alleine ihre Anwesenheit schon dafür sorgt, dass alle sich benehmen. Diese Moira hier im Schwimmbad döst jedenfalls.

Auf dem Weg zu unserem Liegeplatz müssen wir mit den Händen ein paar Drachen wegwedeln. Also, ja, damals gab es Drachen, dieses Vorurteil stimmt und das Wissen darum ist ja bis in unsere Zeit weitergetragen worden. Aber, was im Laufe der Jahrtausende in Vergessenheit geriet, ist, dass Drachen maximal zwei Zentimeter groß waren. Und eine Plage, besonders im Sommer. Die Drachen ernährten sich von Tropfen Blut. Ein Drachenbiss tat auch nicht weg, juckte nur und war nervig.

Während ich darüber nachdenke, kommen wir bei einer Stelle an, die genau an dem Sandweg liegt, der einmal durch das ganze Schwimmbad führt. Der Elfenpapa Zunna legt das Handtuch seines Sohnes sowie sein eigenes auf den Rasen und dann nimmt er meines, aber auf nette Weise, „Ich mach das mal eben“-mäßig und legt es so hin, dass der untere Rand ein bisschen auf dem Weg liegt. Wir setzen uns hin. Weil mein Handtuch so auf den Weg ragt, bleiben dauernd Elfen bei mir stehen, aber, eh, vielleicht würden sie das auch so tun und eigentlich ist egal, denn, yayyy, ich bin in einem Elfenschwimmbad.

Im Sitzen entdecke ich, dass auf den breiten Schmuckschnallen von Zunna und Phol ein Spruch eingraviert ist:

„Licht ist alles was ich fasse,
Wunder alles, was ich lasse,
Elfe bin ich s i c h e r l i c h “

Und das Wort „sicherlich“ glänzt ein bisschen, vielleicht ist es mit Silber unterlegt. Ich will Zunna nach der Bedeutung dieses Spruches fragen, da hält eine Gruppe Elfenfrauen bei mir an.
„Hmmh. Ein Mensch im Freibad“, sagt eine Elfe in einem kupferfarbenen Badeanzug und zeigt auf mich, „soweit ist es also schon. Immerhin kein Troll. Könnt Ihr Euch vorstellen“, fragt sie ihre Freundinnen, „dass in diesem Freibad ein Troll wäre?“
„Ooouh, ein Troll“, sagt ihre Freundin, „aufregend wäre das.“
Neben ihnen steht ein Pärchen. Der Elfmann schaut zu seiner Partnerin und sagt: „Du sagst ja manchmal, ich sei ein Troll im Bett.“
„Ich habe das noch nie gesagt“, sagt seine Elfenpartnerin.
„Naja, aber neulich hättest Du es ja fast gesagt, also wenn ich nur länger gemacht hätte, dann hättest Du das gesagt.“
„Ja, was schließt Du daraus?“

Es bildet sich schnell eine Elfentraube um uns herum und es entspannt sich eine Diskussion.
„Müssen die nicht einen Maulkorb tragen? Menschen beißen doch“, überlegt jemand.
„Nein, nicht Menschen beißen, sondern, hmmh“, überlegt ein anderer Elf, „hmmh, wie war das nochmal, ach ja, Schimpansen. Schimpansen beißen.“
„Ich dachte, das ist das gleiche“, wird von weiter hinten eingeworfen.
„Nein, das sind zwei verschiedene Gattungen.“
„Ist das nicht so, dass es die gleiche Gattung ist, aber es heißt ‚Schimpanse‘ wenn es ein Männchen ist und ‚Mensch‘ wenn es ein Weibchen ist?“
„Nee, nee, ein Schimpanse ist ein ausgewachsener Mensch, das kann man an der Behaarung sehen. Es ist ziemlich klar.“
„Jedenfalls beißen sie nicht“, sagt der Elf vom Anfang.

Ich folge den Gesprächen so halb und schaue zur Moira. Die liegt da einfach nur herum. Ihr Betreuer bringt ihr hin und wieder eine ganz und lebendige Ziege, die sie in einem Happs verschlingt ohne dabei aufzustehen oder auch nur eines ihrer vielen Augen aufzumachen. Nur ganz kurz blitzen ihre spitzen, großen Zähne auf und dann ist die Ziege weg.
Die Gruppe um mich herum verläuft sich. Irgendwann hat die Tatsache, dass ein Mensch im Freibad ist halt ihren Reiz verloren und wir sind wieder alleine.

„So“, sagt der Zunna zu seinem Sohn als der letzte weg ist, „was willst Du jetzt machen?“
„SPRINGEN gehen!“, antwortet Phol.
„…. in Ordnung“, sagt sein Vater und dann zu mir, „komm mit, Mensch.“

Beim Sprungturm steht unten eine Gruppe Elfenjugendlicher und jugendlich-t vor sich hin in der Lautstärke und cooler Doofheit, wie Jugendliche aller Spezies so sind. Der Elfensohn Phol klettert gleich zu dem Dreimeterbrett hoch. Zunna schaut ein bisschen besorgt, aber noch nicht mal zu dem Dreimeterbrett hin, sondern zu den Jugendlichen. Sein Sohn wippt auf dem Brett hoch und runter und macht dann, nicht schlecht, beim Springen einen Zweifachsalto. Er taucht nach dem Sprung fröhlich wieder auf und die Jugendlichen klatschen höflich. „Da hat nicht viel gefehlt und hättest das dritte Salto auch geschafft“, ruft einer von ihnen. Zunna ko-freut sich und fängt an, erst vorsichtig und dann richtig heftig, auch für seinen Sohn zu klatschen.

Ich klatsche auch, das war wirklich ein super Sprung von Phol, und ich sehe aus den Augenwinklen wie der Moira-Betreuer mit der Moira seinen stündlichen Kontrollgang über das Freibadgelände beginnt. Ich will da nicht so hinstarren und es ist auch verwirrend, der Moira beim Laufen zuzusehen: Manche ihrer großen Tentakel benutzt sie zum Gehen, wie Beine, und manche wie Arme, aber das wechselt auch während sie sich bewegt. Unheimliches Biest. Zum Glück gibt es nicht mehr so viele von denen.

Auf dem Weg vom Sprungbrett zurück zu den Handtüchern falle ich ein bisschen zurück und pflücke – da sonst niemand tut – so viele Himbeeren wie ich nur kann. Sie sind richtig fett. Es ist ein schönes Gefühl, beide Hände so voller Himbeeren zu haben. Ich gehe zwei Schritte und ein Drache schwirrt um mich herum, dann noch einer und noch einer und dann ein ganzer Schwarm. So ein bisschen überfordert gehe ich zu Phol und Zunna, die bereits wieder auf dem Gras liegen, der Drachenscharm immer noch bei mir.
„Wirf bitte die Beeren weg“, herrscht Zunna mich und ja, sehe ich ein, ich werfe die weg und Zunna vertreibt die Drachen, so wie man heute Wespen vertreiben würde.
Bis auf einen. Der landet auf Phols Knie. Wir schauen ihn alle drei an. Seelenruhig läuft der Drache Phols Schienbein runter und krabbelt unter die goldene Knöchelschnalle. Und sticht zu. Phol wird richtig aufgeregt und versucht mit den Fingern unter die Schnalle zu kommen, um sich zu kratzen, aber dafür liegt die zu eng auf der Haut. Er setzt an, die Schnalle aufzumachen
und da packt ihn sein Vater am Handgelenk, zieht es weg – ziemlich ruppig, wie mir scheint – und formt mit dem Mund lautlos das Wort „Nicht!“.

Eine in der Nähe sitzender Elf hat den Stich mitbekommen und reicht eine kleine tönerne Flasche rüber. Darauf steht: „Salbe gegen Drachenbisse. Rein natürlich – kein Zaubermittel. Wohltuendes für Elfen“. Zunna dreht sich ein bisschen weg und lässt einen einzigen Tropfen aus der Flasche auf seinen Unterarm tropfen. Die Stelle wird sofort schwarz und sieht verbrannt aus. Zunna verzieht keine Miene.
„Ach, vielen Dank, so schlimm ist es nicht“, sagt er zu dem Handtuchnachbar und gibt die Flasche zurück. Dann schaut er sich um. Sei Blick landet bei ein paar Elfenkindern, die Eis essen, das ihnen dauernd auf die Hände tropft.
„Ich gehe jetzt zum Kiosk und hole Eis“, sagt Zunna, „bleibt hier. Tut nichts und redet mit niemandem“, sagt er und geht los. Phol hält vier Sekunden still und fängt dann wie wild wieder an zu kratzen. Es wirkt, als könnte er an die gebissene Stelle rankommen, wenn er nur seine Finger noch flacher machen könnte. Der Elfe, der uns die Creme gegeben hat, bemerkt das und sagt: „Nimm die Schnalle doch ab.“ Phol nimmt die Schnalle nicht ab. „Weißt Du nicht, wie?“ Dann ruft er in das Freibad hinein: „Weiß jemand wie man eine Schmuckschnalle abnimmt?“
Schnell versammelt sich wieder eine Traube Leute, wie vorhin, aber leider größer und diesesmal nicht um mich, sondern um Phol herum.
„Wenn man soetwas nicht aufkriegt, dann muss man es aufhebeln“, sagt jemand.
„Die Qualität der Sachen, die uns die Zwerge verkaufen wird immer schlechter – vor zwanzig Jahren hättest Du eine solche Schmuckschnalle aufbekommen, allein wenn Du sie anschaust.“
„Aber nützt eine Schnalle die jedesmal aufgeht, wenn jemand sie anschaut?“, wird gefragt.
„Ja, nichts, aber das war trotzdem halt besser.“
Einer der Elfen von vorhin ist auch wieder da, schaut sehr aufmerksam zu Phol und fragt dann mit gedämpfter Stimme: „Hat der Mensch Dich gebissen?“
Immer mehr Elfen kommen her, stellen sich um uns herum und geben Ratschläge in verschiedenen Graden der Hilfreichigkeit. Auch die Moira kommt mit ihrem Betreuerelfen, der sie an einer eher nur symbolischen Leine hält, ein bisschen in unsere Richtung.

Unter den Heranströmenden ist auch eine Elfe, die von ihren Klamotten und der Art wie sie elfenuntypisch ihre Haare trägt sehr Chef-ig aussieht. Sie stellt sich in den Halbkreis, der sich um Phol und mich herum gebildet hat. Sie schaut zu Phol, der sich die Stelle um die Schnalle herum bereits rotgekratzt hat. Dann zu Zunna, der an der anderen Seite des Freibads am Kiosk steht. Und dann zu mir. Ich fühle mich unwohl unter ihrem prüfenden Blick.
„Du. Mensch“, sagt die Chefelfe, „hast Du Dich so halb auf den Weg gesetzt oder hat Dir jemand gesagt, dass Du so sitzen sollst?“
„Also, hmmh“, antworte ich, „das ist ja jetzt aber auch schwer zu sagen, das sind ja irgendwie drei Fragen auf einmal …“
„War es der da? Der da gerade am Kiosk steht?“
Die Chefelfe sieht mich wortlos an und nickt und sagt dann zu Phol: „Nimm das ab. Jetzt.“
Der Trollpapa Zunna kommt zurück, mit jeweils drei Eistüten in beiden Händen. Er sieht die Gruppe, sieht die Chefelfe und wirkt als hätte man ihm eine Axt frontal ins Gesicht gerammt. Er fängt sich aber ganz schnell, kommt näher und meint: „Dieser Kiosk hat so viele tolle Sachen und heute ist so ein schöner Tag. Wisst ihr was: Lasst uns alle zusammen da nochmal hingehen und ich lade euch ein, Euch alle, jeder kann sich aussuchen, was sie oder er will.“
„Los geht’s“, sagt ein Elfe aus der Menge und kassiert dafür einen Schlag auf den Hinterkopf, von jemanden, der neben ihm steht.
„Nimm Deine Schmuckschnalle ab“, sagt die Chefelfe zu Zunna, „oder wir holen die Moira und die beißt sie Dir ab. Und hört dann entweder auf zu beißen. Oder eben nicht.“
„Nein. Ich lasse sie an. Es ist einfach nur Schmuck, Deko“, antwortet Zunna während das Eis in seinen Händen schmilzt, „Du trägst doch auch Schmuck.“ Und zeigt auf ihre Ohrringe.
„Diesen hier?“, fragt sie, nimmt sich die Ohrringe raus und wirft sie ihm hin.
„Wenn das bei Dir auch nur Schmuck ist, dann kannst Du ihn doch abnehmen. Du kannst es auch so sehen“, sagt die Chef-Elfe und tritt einen Schritt zurück, „ich lade Dich ein, Du selbst zu sein. Du kennst doch das Lied.“ Und dann singt sie ein Lied, dass man früher sehr oft hörte, als die Welt noch jung war.

„Und ob Du steigst und ob Du fällst,
sei Du selbst, sei Du selbst.
Denn als Du selbst dann bist Du gut
und als Du selbst, bist Du genug.“

Sie singt so schön, ich könnte ihr stundenlang zuhören.
Zunna tritt einen Schritt auf sie zu: „Dieses Lied. Ich hasse es.“
„Warum? Ein Lied wie jedes andere. Und es hat eine gute Botschaft.“
„Ich hasse es, weil es verdammt leicht ist, zu singen ‚Sei Du selbst!‘ man als Elfe geboren wurde.“
Sie schaut ihn direkt an: „Das heißt Du wurdest nicht als Elfe geboren?“
Zunna wird am ganzen Körper rot vor Scham. Dann beuget er sich runter und reißt sich die Schmuckschnalle von seinem Knöchel ab. So wie man einen Faden zerreißen würde, die Schnalle ist zwar aus Gold, aber er ist stark und noch während er sie abreißt, verwandelt er sich zurück in einen Troll.
Durch die Elfenmenge geht ein Schaudern, ein paar sehen aus, als würden sie sich gleich übergeben Ich habe mal gelesen, dass es für Elfen ist, als würde man ihnen mit einer Nadel ins Auge stechen, wenn sie einen Troll sehen. Mich stört es gar nicht so sehr. Elfen sind so, so, so unendlich viel schöner und edler als Menschen, aber, scheint mir, Trolle sind gar nicht so viel hässlicher als Menschen.
Nur die Chef-Elfe ist davon völlig unberührt: „Jetzt ist es kaputt. Hättest Du es aufgemacht und abgenommen, hättest Du es in einem anderen Freibad nochmal probieren können. Das war bestimmt nicht billig. Und an Trolle werden solche Zauberdinge schon mal sowieso nicht verkauft. Du musst die Zwerge ja in Gold gebadet haben, dass sie Dir das schmiedeten. Du musst ja reich sein wie der Trollkönig selbst.“
Zunna schaut auf den Boden.
„Ah“, sagt die Chef-Elfe und tritt wieder einen Schritt zurück, „verstehe. Du bist der Trollkönig. Eure Majestät.“
„Den Menschen habt Ihr doch auch reingelassen!“, sagt Zunna vorwurfsvoll, tritt zwei Schritte vor und zeigt auf mich.
„Die Menschen sind uns so fremd und von denen gibt es so wenig. Es ist völlig egal, was mit denen ist. Ihr“, sie zeigt auf Zunna, „seid das Problem. Denn Ihr seid fast wie wir.“ Ich verstehe nicht, wie das meint, denn Elfen sind ja überhaupt nicht wie Trolle. Die anderen verstehen das auch nicht, glaube ich, denn durch die Menge geht ein Raunen.
„Du überlegt, ob Du Dich auf mich stürzten sollst, nicht wahr? Mach das ruhig, Troll. Vielleicht schaffst Du es sogar, Deine Klauen um meinen Hals zu legen, bevor die Moira Dich erreicht. Vielleicht. Nur wärst Du halt nicht vor der Moira bei Deinem Sohn.“ Die Chefelfe nickt zu Phol hin. Zunna schaut sich um und begreift, dass er der Elfe hinterhergelaufen ist ohne es zu merken. Die Moira steht nah bei seinem Sohn und mir. Ich frage mich, ob die Moira eigentlich den Unterschied zwischen Trollen und Menschen kennt oder alle frisst, was keine Elfe ist.
Mit aus meiner Perspektive geradezu olypmpischer Selbstbeherrschung – solcher, die nötig wäre, um während man schon niest, mit dem Niesen noch aufzuhören – sagt Zunna: „Nein, das wird nicht nötig sein. Wir gehen jetzt einfach.“

Wir packen unsere Sachen zusammen und gehen ins Richtung Ausgang. Zunna als erstes dann Phol und ich.
„Was genau habe ich gesagt, dass Dich so wütend macht?“, ruft die Chef-Elfe uns hinterher, „dass Du Du selbst sein sollst? Ist es eine Beleidung, zu sagen, was Du bist – ein Troll? Zu dem Menschen kann ich sagen ‚Du Mensch!‘. Und wenn die Moira sprechen könnte, könnte ich zu ihr sagen ‚Du Moira!‘. Wenn ich zu Dir nicht sagen kann ‚Du Troll!‘, dann liegt das Problem ja eher bei Euch als bei uns.“
Ich laufe hinter Zunna. Er bleibt stehen und ich sehe wie sich in seinem Nacken alle Stacheln aufstellen. Und auch nicht so, wie man das heutzutage manchmal in Fantasy-Filmen sieht, so ein Stachel nach dem anderen, klack-klack-klack, sondern alle auf einmal.
Ich nehme Phol bei der Hand und gehe mit ihm einfach weiter. Nicht aus Geistesgenwart und erst nicht aus Schlauheit, sondern weil ich ein Mensch bin und weil Menschen so unplausibel lang überlebt haben, weil wir ein Gespür dafür entwickelt haben, wann es richtig ist, die Klappe zu halten, nicht hochzublicken und schnell zu verschwinden.
Für Zunna scheint das auch ok zu sein, wir gehen einfach weiter, aber an der Kasse versperrt uns ein Aufpasserelfe den Weg. „Nein, nein. Entweder ihr geht alle oder keiner von Euch.“
Ich schaue zu Zunna. Sein Gesicht sieht aus, wie eine Backsteinwand, bei der die Backsteine von oben nach unten alle einmal durchgebrochen sind. Er setzt sich wieder in Bewegung, wir werden auch rausgelassen, verlassen das Freibad, gehen über die Wiese und in Richtung des Waldes.

Wir gehen auf den Waldrand zu und hinter den Bäumen, aus dem Halbdunkel, hinter Steinen treten auf einmal ganz viele Trolle hervor, hunderte, die anscheinend hier gewartet haben. Sie haben alle Waffen und sind ein bisschen aufgedreht: „Na, wie war’s?“, fragt ein Troll mit einer riesigen Nase.
„Haben Sie’s geglaubt?“, fragt ein anderer.
„Stimmt es, dass die da nackt sind?“, kommt da als Frage und mehrere andere Trolle bekunden ihr Interesse an der Antwort.

Zunna sagt aber nichts und nach und nach breitet sich Stille aus. Die Trolle gehen auf ein bisschen Abstand zu Zunna. Wie man das auch machen sollte, wenn der Vorgesetzte gerade einen Misserfolg hatte und nun vor Wut kocht. In diese Stille tritt ein Troll mit einer Brille, der ohne auf die anderen zu achten auf ein Klemmbrett schaut. „Ah, Zunna, da bist Du ja wieder“, sagt er, „letzte Woche meintest Du ja, ich solle 1000 todbringe Äxte bestellen. In der Liste, die die Zwerge uns geschickt haben, stand gleich unter der Zeile ‚todbringende Äxte‘ ein Feld mit ‚sehr schrill klingende Blockflöten‘. Und, zu meiner Verteidigung ist das ja immer alles in dieser idiotischen Zwergenschrift geschrieben, die kein Troll lesen kann. Jedenfalls haben wir jetzt 1000 Blo …“ und dann merkt er, dass er ihn alle stumm anstarren. „Oder … oder wir machen das einfach wannanders. Gar kein Problem.“

Ein älterer Troll kommt auf Zunna zu. Er hat lange Haare und trägt als einziger keine Waffe.
„Na, nicht so gut?“, fragt der alte Troll.
Zunna sagt nichts.
„Zunna. Zunna, kleiner Krieger. Es ist egal. Raste jetzt nicht aus. Es ist wirklich egal.“

Was hat Euch bloß so wütend gemacht?

Hier wurde mal auf den Tischen gemalt und gekrakelt.
Jetzt liegt hier ein Brief an den Steuerberater.

Hier war mal ein Freibad, jetzt ist hier die Heide.
Hier war mal ein Radweg, jetzt ist hier das Wort „Radweg“ in Schrift,
hier waren mal tanzende Mäuse, jetzt ist hier Mäusegift.

Hier war mal Schminke, aber wir waren eh so hot, die war uns egal,
jetzt ist hier ein Koffer und der ist aus Stahl.

Hier war mal Kuschelecken
Und die sind auch immer noch da,
mit Schmuseteddies, Kissen und Decken,
alles, was man will,

aber irgendwo ist hier jetzt auch ein Krokodil.

Grün sitzt es da, seine vielen scharfen Zähne anbietend,
Zwischen den Kissen kaum versteckt und ganz sichtlich wütend.

Was hat Dich bloß so wütend gemacht, großes Krokodil,
was ist es, dass Dir nicht gefiel
was fehlt Dir zum Entwüten noch?

Und es sagt nur: „Das weißt Du doch.
Das weißt Du doch.
Das weißt Du doch.“

Spinnenprobleme

Eine kleine Spinne, in einem kleinen Netz, im Wohnzimmer,
in einer Ecke, ganz oben.

Ums Wegmachen kommen wir nicht drum-herum,
doch wir kümmern uns da später drum.
Eine kleine Spinne, in einem kleinen Netz, im Wohnzimmer,
in einer Ecke, ganz oben.
Das Problem haben wir weggeschoben,
es gab so viel zu tun, wir hatten keine Lust
und jetzt ist, auf einmal, schon wieder August.

Spinnenprobleme haben wir nicht gern,
doch jetzt ist die Spinne ein Meter siebzig groß
und schaut dauernd fern.

Man könnte doch auch Fliegen fangen,
man könnte neue Netze spannen,
man könnte auch mal ein spazieren gehen,
doch, nee, nee sagt die Spinne,
sie will lieber nur fernsehen.

Die Sendung noch und dann die darauf

vor ihr liegt ein Buch „Achtbeinigkeit heute“,
doch da hat sie gar keine Lust drauf –
und dann kommt auch schon die Tagesschau,
die muss man ja schauen,
neue Fliegennetze kann man ja auch
später noch bauen.

Ich gehe zur Arbeit,
die Spinne sitzt auf dem Sofa
ich komme nach Hause
sie schaut immer noch fern.
Und ich will mit ihr schimpfen,

doch ich habe sie gern.
Sie ist ja zufrieden und eigentlich
stört es mich nicht
und die paar bisschen mehr Fliegen
fallen kaum ins Gewicht.

Beteigeuze (oder: Jemand muss ihm das sagen)

Mein Kumpel Bernd weiß nicht, dass sein Heimatplanet explodiert ist. Er war da gerade auf einem Forschungsflug mit seinem Raumschiff, als es passierte. Dinge explodieren halt. Eines Tages machen zufällig alle Bewohner zur selben Uhrzeit die Mikrowelle an und dann BUMM. Er kommt trotzdem ganz gut zurecht im Alltag. Er ist schon so lange hier, dass er sich gut eingewöhnt hat. Manchmal hat er so Aussetzer und sprachliche Fehlleistungen, aber nicht häufig. Aber: Sein Heimatplanet. Ist explodiert. Das ist irgendwie komisch, dass er da so gar nicht darüber spricht. Der hat viele Freunde. Ich habe erwartet, dass ihm das mal jemand sagt. Tat aber niemand. Soll ich es tun? Darüber habe ich lange nachgedacht. Ist es besser, Leute wenn mit Wahrheit zu konfrontieren, auch wenn es ihnen weh tut? Oder sie in einer Lüge leben zu lassen? Nee, nee, Wahrheit ist besser, interessant ist nur die Wahrheit und Wahrheit ist ein Wert an sich.

Bernd und seine, etwas nervige, Freundin Nastja haben mich und andere, an einem Wochenende zu einer Sommersonnenwendfeier auf ihrer Datscha eingeladen. Ich nehme mir vor, dieses Datscha-Wochenende zu nutzen, um es Bernd zu sagen. „Bernd, es tut mir leid, dass Du es von mir erfahren musst, aber Dein Heimatplanet ist explodiert.“

Ich kann das aber sehr gut nachvollziehen. Wenn das mir passiert wäre, wenn meine Heimat explodiert wäre, würde ich noch viel krasser reagieren. Ich würde diese Erinnerung sofort aus meinem Gedächtnis rauslöschen und auch sämtliche rechts und links daneben liegenden Sachen rausfräsen und alles blocken, was wo auch nur die Möglichkeit bestünde, dass es mich daran erinnert.

Die Datscha liegt tief im Wald und wenn man auf dem Balkon steht, kann man die Zweige der Bäume berühren. Innen ist die Datscha mit Holzkacheln ausgekleidet, was ihr etwas Beruhigendes, Harmloses gibt.
Als ich dort ankomme, sehe ich, dass Bernds nervige Freundin Nastja ein 1000-teiliges Puzzle unter dem Arm hält. Vielleicht wird sie sich ja in einem Raum im Oberstock zurückziehen und das ganze Wochenende puzzeln, das wäre doch ganz schön. Nein? Sie legt es auf dem Tisch auf der Terrasse ab. Schade.

Die eigentliche Feier beginnt erst abends. Die beiden wollten den Tag auf der Datscha nutzen, um ein bisschen im Garten zu arbeiten. Ich helfe ihnen dabei gerne.

Bernd möchte in dem rückseitigen Garten von der Datscha, die ja mitten im Wald, in Norddeutschland ist, mehrere große Kakteen zu pflanzen. Die hat er aus einem Botanischen Garten gerettet, der sie sonst weggeschmissen hätten. Bernd hat die Angewohnheit, allerlei rettungsbedürftige oder gestrandete Lebewesen aufzulesen und sich um sie zu kümmern – zugegebenermaßen meistens mit Erfolg. Die Kakteen sind riesige und wirklich seltsam aussehende Gewächse. Vielleicht hat er sich ihrer angenommen, weil es auf seinem Heimatplaneten viele davon gab. Vor ein paar Tagen bat Bernd mich darum, in den Baumarkt zu fahren und mehrere Säcke eines bestimmten Bodenmaterials mitzubringen. Darin will er die Kakteen einpflanzen. Dieses Bodenmaterial hatte einen un-merk-baren Namen. Ich dachte, dass er aus Versehen das Wort dafür in seiner Heimatsprache benutzt hat, habe dreimal nachgefragt und musste es mir dann trotzdem noch aufschreiben. Ich war ein bisschen verlegen, als ich einen Baumarktmitarbeiter danach fragte, aber zu meiner Überraschung wusste der sofort was gemeint war und lud es mir auf den Einkaufswagen.

Mir macht das eh nichts. Ich will Bernd unterstützen, wo ich nur kann. Ich würde noch sehr viel mehr für ihn tun, denke ich auch dann noch, als wir die dritte der fünf Kakteen einpflanzen und trotz der Gartenhandschuhe, die wir tragen, über und über kleine Stiche haben. Ich fühle mich ihm gegenüber irgendwie in der Schuld oder verpflichtet, als müsste ich etwas gut machen. Warum eigentlich? Vielleicht, weil ich ihm bislang nichts von dem traurigen Schicksal seines Planeten erzählt habe. Aber das werde ich ja dieses Wochenende tun.

Ich habe den letzten Kaktus eingepflanzt als sich Nastja neben mich stellt. Sie ist barfuß und ihre Zehen sind in der Farbe lackiert, die auch ihre Augen haben. Als würde sich diese Farbe an ihr reimen.

„Hergehört, ihr beiden Helden“, sagt Nastja zu Bernd und mir, „wir brauchen noch eine Lösung für das Stromproblem.“

„No Stromproblemo“, sagt Bernd, „und danke, dass Du daran erinnerst, mein Herz“, und meint es genauso wie er es sagt, denn n a t ü r l i c h haben die so eine rücksichtsvoll-achtsame Art mit einander zu reden. Die Datscha, charmant wie sie so als Exil- und Rückzugsort auch, hat nur einen einzigen Stromanschluss, der zudem dauernd ausfällt. Dieser Stromanschluss ist in einem Schuppen neben dem eigentlichen Datscha-Häuschen. Die beiden behelfen sich mit einem Stromaggregat, das gerade so eine Technologie-Stufe darüber ist, dass man oben Kohle reinwirft und dann eine Kurbel dreht. Ich zeige Bernd, wie er ein Modul so ergänzen kann, dass der Strom ohne Widerstand geleitet wird und wie man die Leitung redundant legen kann, ohne dass man dafür mehr Kabel braucht. Komisch irgendwie, dass er das nicht so auf dem Schirm hatte; da wo der herkommt, war das doch der Standard. Ach, das liegt vermutlich daran, dass der schon so lange hier ist.

Die Stromsache zu erledigen, geht ganz schnell und ich schaue mich noch ein bisschen in dem Schuppen um. Der ist wirklich voll. Viele seiner Freunde stellen hier anscheinend ihre Fortbewegungsmittel ab. Da stehen ein paar alte Autos, genügend Fahrräder um damit eine Schlucht zu füllen sowie zwei Einräder, die förmlich danach schreien, dass sie jemand zu einem Fahrrad zusammenlötet. Außerdem ist hier noch etwas Großes, das von einer Plane bedeckt ist. Bernd nimmt sich eines der Einräder, setzt sich drauf, fällt sofort um, steht wieder auf und geht zur Wand, stützt sich dort ab, setzt sich wieder auf das Einrad und macht, sehr vorsichtig, eine Pendalbewegung.

Ich schaue neugierig unter die Plane.

„Da ist ein Raumschiff“, sage ich.

„… ja“, sagt Bernd und nimmt probeweise kurz die Hand von der Wand, während er weiterhin auf dem Einrad balanciert.

Das ist vielleicht das Forschungsschiff, mit dem Bernd hierhergekommen ist. Hmmh. Dass er sich nicht fragt, warum er es hat und warum es hier, nach der Staubschicht zu urteilen, jahrelang steht? Aber die Macht der Verdrängung ist halt stark, klar, ist bei allen so.

Abends kommen die Gäste so nach und nach. Die allerallermeisten kenne ich nicht, aber ich kenne eh nicht so viele Menschen. Sie setzen sich gleich ans Lagerfeuer. Ich sehe wie Nastja mit einer Gitarre aus dem Haus kommt. Ich finde das klasse. Denn das – Leute sitzen am Lagerfeuer und unterhalten sich, jemand kommt mit einer Gitarre dazu – ist eine 1A Art Situationen zu ruinieren und Menschen zu entzaubern. Bitte, bitte, spiel Wonderwall. Oder etwas von Ed Sheeren.

Sie setzt sich aber, schaut, leider, zu ihrem Freund, und sagt: „Diesen Song habe ich für Bernd geschrieben“ und wischt sich eine ihr immer wieder in die Stirn fallende Haarsträhne hinter das Ohr. Dann spielt sie ein kurzes Intro, bei dem man keine andere Chance hat, als neugierig zu werden, wie es weitergehen und dann ein paar Akkorde, die die Harmonie des Intros aufgreifen und weiterführen und fängt an zu singen:

„Wie Wüstenwind
Sag es mir in einer Sprache
Die wir beide nicht verstehen
Persisch
oder so,
dass Deine Küsse
mich brennen wie …“

Und das ist mir dann da auch zu viel, irgendwas irritiert mich hieran, ich stehe auf, gehe weg und beschließe, mir das Datschahaus mal anzuschauen.

War das jetzt sehr unhöflich?

Ich glaube, es war ok, andere Gäste sind auch gerade drinnen oder stehen in dem Garten herum. Wenn einen jemand so ärgert, hilft es manchmal, sich klar zu machen, warum man die Person so irritierend findet. Aber – keine Ahnung, was genau an Nastja mich so reizt.

Ich gehe in einem Raum, in dem ich vorher noch nicht war, an allen Seiten sind Bücherregale und in einem davon liegt neben den Büchern ein Stapel Postkarten. Ich schaue die so ein bisschen durch. Jede einzelne Postkarte ist falsch adressiert; da steht nur so eine Quatschadresse drauf. Krass, dass die trotzdem angekommen ist. Man soll ja die Postkarten von anderen Menschen nicht lesen, klaro, aber ich werde nur jeweils die erste Zeile, die Ansprache lesen – das ist ja ok. „Lieber Bernd“, seht da auf einer Postkarte und „Berndi!“ auf der nächsten, aber auch „Mein liebster Bernd“, „Hallo, Bernd, altes Haus“, „Hochwürdige Arschgranate“, „Berndinator!“ und so weiter. Der bekommt wirklich viel Liebe von seinen Freunden.

Die Holzauskleidung der Datscha macht sie sehr hellhörig und während ich die Postkarten so durchblättere, höre ich, wie sich zwei Leute entweder im Nebenzimmer oder im Raum hierunter unterhalten. Ich fange folgenden Satz auf:

„Jemand muss ihm das sagen. Der merkt auch nicht wie offensichtlich es für alle ist.“

Ah, die reden vermutlich gerade über Bernd. Ja, ich weiß das ja, und ich werde ihm das auch noch heute sagen, also dass sein Heimatplanet explodiert ist. Wenn das alle wissen, dann könnten die es ihm aber ja eigentlich auch selbst sagen. Warum erwarten eigentlich alle, dass ich es ihm sage? Vielleicht weil wir eine besondere Beziehung haben. Ich würde schon sagen, dass Bernd mein bester Freund ist.

Als ich wieder rauskomme ist die Nacht bereits angebrochen und es wird schon getanzt. Hier draußen sieht man so viele Sterne, auch die ganze Milchstraße. Ich schaue den Tanzenden zu, während ich ein Bier trinke. Ich fühle mich ihnen gegenüber seltsam fremd. Nastja tanzt auch und es sieht aus, als würde sie beim Tanzen schweben, nicht viel, aber so ein bisschen schon, die Ko-Bewegung ihres locker sitzenden Kleides verstärkt den Eindruck noch. So vier, fünf Zentimenter über dem Boden. Als würde sie das Tanzen gewichtlos machen.

Ich gehe zur designierten Raucherecke an der Rückseite der Datascha. Draußen steht ein Kumpel von Bernd und Nastja. Noch während ich mir eine Zigarette drehe, merke ich, dass er mich etwas fragen will. Er traut sich aber nicht. Ich zünde mir die Kippe an und wir rauchen eine Weile schweigend nebeneinander.

„Alles gut?“, frage ich schließlich, um die Stille zu brechen.

„Ja“, sagt er, „naja, ja.“

„Du willst mich etwas fragen.“

„Ja, nein. Nein. Ich frage Dich stattdessen etwas anderes: Die Sterne sind so wahnsinnig weit voneinander entfernt. Und man kann eh nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit fliegen. Wie macht man das, dass es nicht Jahrzehnte dauert, bis man irgendwo ankommt.“

„Naja“, sage ich, „man kann sich halt nicht im Raum schneller als das Licht bewegen. Aber man kann den Raum bewegen. Sozusagen um das eigene Raumschiff ein Stück Raum ausschneiden und den bewegen.“

„Hmmh“, sagt der Kumpel und stellt dann eine ganze Reihe Anschlussfragen. Aber ich habe keine Lust hierüber zu sprechen. Über diese ganzen abstrakten Dinge, die alle auf einen dunklen Punkt zulaufen. Ich will lieber über Schöne und Konkrete Sachen reden. Ich glaube, drinnen gibt es Kuchen.

Der Kumpel geht, ich rauche noch zu Ende, will dann zurück zur Tanzfläche und laufe in Nastja hinein.

„Ah, hier bist Du“, sagt sie und ergänzt, zu meiner Überraschung, „ich wollte mit Dir sprechen.“

Aha? Worüber?

„Manchmal“, beginnt Nastja, „wenn man sich einer Sache nicht stellen will, schiebt man die sozusagen eins weiter. Verschiebt das emotionale Involvement auf ein anderes Thema. Aber eins, wo es gar nicht hingehört. Und weil es da nicht hingehört, neigt man dann zu einer gewissen Besessenheit mit dem Ausweichsthema. Und Projektion.“

„Ok“, sage ich.

„Du weißt wirklich nicht, was ich meine, nicht wahr?“, sagt Nastja. Sie nimmt eine Zigarette aus meiner Schachtel, zündet sie sich an und fragt: „Wer war damals auf diesem Forschungsflug?“

„Na … Bernd. Selbstverständlich Bernd. Wer denn sonst?“, frage ich zurück.

„Was glaubst Du, wie dieser“, sie zeigt auf den Boden, „Planet heißt, auf dem Du gerade bist?“

Ich frage mich kurz, ob Nastja den Verstand verloren haben könnte, aber antworte trotzdem. „Das hier ist …“ und ich nenne den Namen unseres Planeten.

Nastja zieht lange an ihrer Kippe und deutet dann zum Nachthimmel. „Dieser sehr kleine, schwach leuchtende Stern, den Du da siehst, ist der weiße Zwergstern Beteigeuze. Bevor Beteigeuze zu einem weißen Zwergstern zusammenschrumpfte, ist er als Supernova explodiert und hat alle Planeten, deren Umlaufbahnen um ihn herumliefen, verbrannt. Darunter den Planeten, den Du gerade genannt hast. Die Supernova-Explosion war so stark, dass selbst unsere Wissenschaftler, mit unseren Steinzeitteleskopen, es von hier aus sehen konnten.“

Die Kakteen sehen im Mondschein so aus, als würden ihre Zweige sich ein bisschen bewegen. Ist es gerade so windig? Bei Kakteen spricht man, glaube ich, nicht von Zweigen, sondern von Armen, ganz witzig.

„Der Planet auf dem Du gerade bist, heißt …“, fährt Nastja fort und nennt einen Begriff, der noch nicht mal danach klingt als sei es der Name eines Planeten. Eher wie … Bodenbelag.

„Ich war nie auf Deinem Heimatplaneten“, sagt Nastja, „aber er war sicher wunderschön. Und es ist völlig in Ordnung, zu betrauern, dass er nicht mehr da ist. Du musst Dich dem nur stellen.“

Selbst Harburg hat ein Schwimmbad

Neue Tshirts sehen zu Hause nicht so aus
wie noch im Laden
hält der Knoten – reißt der Faden
Augen mit Kajal sehen
noch müder aus als ohne

Erst zerbissen und dann verschluckt die Krone
die Tablette macht die Kopfschmerzen
noch viel schlimmer
– doch selbst Harburg hat ein Schwimmbad

die Dusche im Hotel läuft auf kalt und extra kalt
die Autoscheibe ist so voller Strafzettel,
dass man beim Fahren nichts mehr sieht
die Pizza ist so hart und alt
das neue Kissen ungeliebt
– doch, es macht mich fertig, doch selbst Harburg hat ein Schwimmbad

Bienen haben wenig Freizeit
und selbst Adler wenig Gleitzeit
Spucke hat nur wenig Kuss
Haltestellen in der Heide wenig Bus
Glücksmomente haben keine Treue
Vorgesetzte keine Reue
ToDo-Listen keine Freunde
Katerschlaf hat keine Träume
– doch selbst fucking Harburg hat ein Schwimmbad

Uhren haben keinen Urlaub
Handys keine Entklebefunktion
Geistesblitze – schwer erreichbar – kein Telefon
Knie haben keine Fetischsten
das Wörtchen „gut“ kein „allerbesten“
Handschuhe keine Soloalben
wunde Seelen keine Salben
– doch selbst und ausgerechnet Harburg

und noch nicht einmal ein kleines Sportbad sondern eine schicke Therme

– ehrlich gesagt, bin ich da ganz gerne
denn vielleicht bekommt man manchmal eben doch,
das was man sich wünscht und noch
ein bisschen Genuss und nicht nur immer das,
was man braucht
oder muss

Ich hätte Dir das auch gekauft, aber Du findest meine Geschenke immer albern

Es gibt in Berlin einen Flohmarkt am Boxhagener Platz. Ich war da mal an einem Sommersonntag. An einem Stand verkaufte ein Typ Punk- und Rocker- und Biker-Bedarf in verschiedenen Stadien der Abgenudeltheit. Er trug einem Kapuzenpulli, der viel zu warm für das Wetter war. Der Typ wirkte ein bisschen zu redefreudig. Ich wartete bis eine Frau an den Stand kam, mit ihm über den Preis eines Halsbands mit Spikes verhandelte und sie sich sofort stritten. Dann ging ich zu dem Karton mit CDs und schaute die durch. Ich mag die Booklets von CDs. Eine CD mit der Aufschrift „Best of Heavy Metal Goslar“ gab erst auf der letzten Seite des Booklets, im Impressum, verschämt zu, dass sie 1998 in Bad Harzburg release-t wurde. Das Booklet enthielt lauter Konzertfotos und einen kurzen Text, dessen erstes und letztes Wort, ein bisschen randomly, in Frakturschrift gesetzt waren. Der Verkäufertyp und die Halsbandfrau konnten sich nicht über den Preis einig werden. Aber es klang nach einem guten Verhandeln, Verhandeln-mit-Pfeffer, das einen wach und fröhlich macht. Das war noch vor Corona. Ich weiß nicht, ob es diesen Flohmarkt noch gibt.