Ich bin so wahnsinnig alt, ich war schon hier, bevor alles so richtig losging. Bevor es Bahnhöfe gab und hautenge Jeans und Primzahlen.
Vor vielen, vielen Jahren wollte ich mal in ein Elfen-Freibad gehen. Damals gab es noch Elfen und die hatten, klar, Paläste und schöne Hände und zarte Lieder. Aber die lebten auch ganz normal und hatten eben auch normale Dinge wie Bibliotheken und Freibäder. Und, dachte ich mir damals, wie cool wäre es mal in einem Elfen-Freibad zu sein.
Bei mir um die Ecke war auch eins und eines Tages ging ich da einfach hin. So auf gut Glück
Das Elfenfreibad lag in einer Talkuhle, rings herum waren Wiesen, weiter oben begann der Wald. Vermutlich lassen die mich eh nicht rein, dachte ich, aber versuchen kann man es ja trotzdem. Vielleicht sind die ja dort nackt.
Als ich über die Wiese auf das Elfenschwimmbad zugehe, sehe ich, dass da zwei Elfen stehen, mit so ein bisschen Abstand zum Eingang, ein Papa und sein Sohn. Sie unterhalten sich sehr aufgeregt über etwas. Der Elfenpapa deutet immer wieder zum Waldrand, der Elfensohn verschränkt die Arme und sieht bockig aus. Sie tragen beide eine große goldene Schmuckschnalle um das linke Fußgelenk. Als ich näherkomme, kann ich hören, worüber sie sprechen.
„Willst Du das wirklich?“, fragt der Elfenpapa, „denn wir können auch einfach zurückgehen.“
„Ja, ich will das“, sagt sein Elfensohn und er zieht seinen Papa am Arm, „komm.“ Der Vater sieht unentschlossen aus. Sie bemerken mich. Der Elfensohn zeigt auf meine Badetasche und sagt zu seinem Vater: „Dieser Mensch hier will auch ins Freibad“, und dann zu mir, „Hallo. Mein Name ist Pohl und das ist Zunna, mein Papa. Wir gehen jetzt ins Freibad. Wir sind Elfen.“
Ich wundere mich, warum der Elfensohn das so gesagt hat – ich kann ja sehen, dass es Elfen sind.
Der Elfenpapa schaut mich prüfend an und denkt nach. Dann fragt er: „Kannst Du mich verstehen, wenn i c h s o s p r e c h e ?“
„Ja“, sage ich, „in groben Zügen.“
Zunna, der Elfenpapa, nickt. „Wenn ich Dir sage, ‚dreh Dich jetzt im Kreis‘ – kannst Du das dann tun?“
„Ja“, sage ich, mache es vor und bin sehr stolz auf mich.
Der Elfenpapa denkt noch ein bisschen nach. Schaut zu mir. Schaut zum Freibad. Schaut zu seinem Sohn und sagt dann: „Ok. Wir gehen rein.“
Und wir gehen zur Kasse.
Dort sitzt eine etwas ältere und grimmig aussehende Kassiererin-Elfe.
„Guten Tag“, sagt der Elfenpapa Zunna zu ihr, „wir zwei und dieser Mensch, das ist hoffentlich ok, dass wir ihn mitnehmen. Für ihn müssen wir ja auch keinen Eintritt bezahlen.“
„Aber. Ganz. Bestimmt. Nicht“, sagt die Kassenelfe ruhig.
„Wie – nicht? Doch“, entgegnet Zunna.
„Sie können doch keinen Menschen mit ins Freibad nehmen! Es gibt Regeln“, die Kassiererin zeigt auf ein großes Schild, das neben dem Kassenhäuschen hängt. Dort steht in diese geschwungenen, wie gemalt aussehenden Elfenschrift:
- NICHT AUF DEN BODEN SPUCKEN
- KEINE TROLLE
- KEINE ZAUBERDINGE, INSBESONDERE NICHTS WAS DIE GESTALT WANDELT
„Das sind ja auch total sinnvolle Regeln. Aber“, hält der Elfenpapa Zunna entgegen, „ein Troll ist er ja schon mal nicht. Er ist ein Mensch. Auf den Boden wird er nicht spucken – er ist sehr folgsam. Und ein Zauberding hat er auch nicht dabei. Und vor allen Dingen steht hier ja nicht ‘KEINE MENSCHEN‘.“
„Natürlich steht es da nicht dran“, sagt die Kassiererinelfe, „denn wer kommt denn schon auch auf die Gedanke, einen Menschen mit ins Freibad zu nehmen?“
„Aber verboten ist es nicht?“, fragt-sagt Zunna.
Die Kassiererinelfe verzieht das Gesicht: „Irgendwie nicht. Nicht ausdrücklich. Aber Sie müssen trotzdem den vollen Preis für den Menschen bezahlen!“
„Den halben“, sagt der Zunna.
„Den vollen.“
„Den halben. Und vielleicht …“
„Nein, entweder sie bezahlen den vollen Preis für den Menschen oder er kommt nicht mit rein. Punkt.“
„Naa gut“, sagt Zunna, „Sie haben gewonnen. In Ordnung, in Ordnung. Dann dreimal den vollen Eintritt bitte.“
Die Kassenelfe guckt ihn überheblich-triumphierend an – so wie man guckt, wenn man gewonnen hat – und gibt ihm das Wechselgeld.
Und damit sind wir drin; im Elfenfreibad. Ich schaue mich um: Die sind hier nicht nackt. Hmmh. Naja, macht nichts, diese Elfen sind so überwältigend edel, es ist einfach ein Glück sie anzuschauen.
Ich schaue zu Phol und Zunna. Zunna wirkt eher noch überraschter als ich dass wir jetzt hier sind.
Er gibt mir das Wechselgeld: „Nimm, für Dich, nimm einfach.“ und schaut sich nach einer guten Stelle um, wo wir unsere Handtücher hinlegen können. Er entdeckt eine, die er anscheinend gut findet. Wir gehen dorthin. Auf dem Weg zu der Stelle schaue ich mich ein bisschen um und werde auch von vielen neugierig angestarrt. Was gibt es hier alles zu entdecken?, frage ich mich.
Ah, ja, fällt mir auf, so viele Himbeeren. Überall wo heutzutage in Freibädern Hecken und Sträucher sind, waren damals Himbeerbüsche. Aber niemand die Himbeeren gegessen, für die Elfen war das eine Dekopflanze – hübsch, aber uninteressant.
An der sonnenabgewandten Seite der Liegefläche liegt eine Moira, so ein Ungeheuer, das irgendwie nur aus Zähnen und Tentakeln zu bestehen scheint. Die Elfen benutzen Moiren so, wie heutzutage Security-Agenturen Kampfhunde benutzen. Also wenn Kampfhunde so groß wie Wohnwagen wären. Früher züchteten Elfen die Moiren in Massen, ließen sie für sich kämpfen und gewannen mit ihrer Hilfe schließlich auch den jahrhundertealten Krieg gegen die Trolle. Geführt wurden die Moiren von Elfen-Kriegsfürstinnen, die, nachdem der Krieg vorbei war, Schwierigkeiten hatten in Friedenszeiten einen Platz für sich zu finden. Aber das ist lange her. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Moiren; halt an Orten wie diesem hier, weil alleine ihre Anwesenheit schon dafür sorgt, dass alle sich benehmen. Diese Moira hier im Schwimmbad döst jedenfalls.
Auf dem Weg zu unserem Liegeplatz müssen wir mit den Händen ein paar Drachen wegwedeln. Also, ja, damals gab es Drachen, dieses Vorurteil stimmt und das Wissen darum ist ja bis in unsere Zeit weitergetragen worden. Aber, was im Laufe der Jahrtausende in Vergessenheit geriet, ist, dass Drachen maximal zwei Zentimeter groß waren. Und eine Plage, besonders im Sommer. Die Drachen ernährten sich von Tropfen Blut. Ein Drachenbiss tat auch nicht weg, juckte nur und war nervig.
Während ich darüber nachdenke, kommen wir bei einer Stelle an, die genau an dem Sandweg liegt, der einmal durch das ganze Schwimmbad führt. Der Elfenpapa Zunna legt das Handtuch seines Sohnes sowie sein eigenes auf den Rasen und dann nimmt er meines, aber auf nette Weise, „Ich mach das mal eben“-mäßig und legt es so hin, dass der untere Rand ein bisschen auf dem Weg liegt. Wir setzen uns hin. Weil mein Handtuch so auf den Weg ragt, bleiben dauernd Elfen bei mir stehen, aber, eh, vielleicht würden sie das auch so tun und eigentlich ist egal, denn, yayyy, ich bin in einem Elfenschwimmbad.
Im Sitzen entdecke ich, dass auf den breiten Schmuckschnallen von Zunna und Phol ein Spruch eingraviert ist:
„Licht ist alles was ich fasse,
Wunder alles, was ich lasse,
Elfe bin ich s i c h e r l i c h “
Und das Wort „sicherlich“ glänzt ein bisschen, vielleicht ist es mit Silber unterlegt. Ich will Zunna nach der Bedeutung dieses Spruches fragen, da hält eine Gruppe Elfenfrauen bei mir an.
„Hmmh. Ein Mensch im Freibad“, sagt eine Elfe in einem kupferfarbenen Badeanzug und zeigt auf mich, „soweit ist es also schon. Immerhin kein Troll. Könnt Ihr Euch vorstellen“, fragt sie ihre Freundinnen, „dass in diesem Freibad ein Troll wäre?“
„Ooouh, ein Troll“, sagt ihre Freundin, „aufregend wäre das.“
Neben ihnen steht ein Pärchen. Der Elfmann schaut zu seiner Partnerin und sagt: „Du sagst ja manchmal, ich sei ein Troll im Bett.“
„Ich habe das noch nie gesagt“, sagt seine Elfenpartnerin.
„Naja, aber neulich hättest Du es ja fast gesagt, also wenn ich nur länger gemacht hätte, dann hättest Du das gesagt.“
„Ja, was schließt Du daraus?“
Es bildet sich schnell eine Elfentraube um uns herum und es entspannt sich eine Diskussion.
„Müssen die nicht einen Maulkorb tragen? Menschen beißen doch“, überlegt jemand.
„Nein, nicht Menschen beißen, sondern, hmmh“, überlegt ein anderer Elf, „hmmh, wie war das nochmal, ach ja, Schimpansen. Schimpansen beißen.“
„Ich dachte, das ist das gleiche“, wird von weiter hinten eingeworfen.
„Nein, das sind zwei verschiedene Gattungen.“
„Ist das nicht so, dass es die gleiche Gattung ist, aber es heißt ‚Schimpanse‘ wenn es ein Männchen ist und ‚Mensch‘ wenn es ein Weibchen ist?“
„Nee, nee, ein Schimpanse ist ein ausgewachsener Mensch, das kann man an der Behaarung sehen. Es ist ziemlich klar.“
„Jedenfalls beißen sie nicht“, sagt der Elf vom Anfang.
Ich folge den Gesprächen so halb und schaue zur Moira. Die liegt da einfach nur herum. Ihr Betreuer bringt ihr hin und wieder eine ganz und lebendige Ziege, die sie in einem Happs verschlingt ohne dabei aufzustehen oder auch nur eines ihrer vielen Augen aufzumachen. Nur ganz kurz blitzen ihre spitzen, großen Zähne auf und dann ist die Ziege weg.
Die Gruppe um mich herum verläuft sich. Irgendwann hat die Tatsache, dass ein Mensch im Freibad ist halt ihren Reiz verloren und wir sind wieder alleine.
„So“, sagt der Zunna zu seinem Sohn als der letzte weg ist, „was willst Du jetzt machen?“
„SPRINGEN gehen!“, antwortet Phol.
„…. in Ordnung“, sagt sein Vater und dann zu mir, „komm mit, Mensch.“
Beim Sprungturm steht unten eine Gruppe Elfenjugendlicher und jugendlich-t vor sich hin in der Lautstärke und cooler Doofheit, wie Jugendliche aller Spezies so sind. Der Elfensohn Phol klettert gleich zu dem Dreimeterbrett hoch. Zunna schaut ein bisschen besorgt, aber noch nicht mal zu dem Dreimeterbrett hin, sondern zu den Jugendlichen. Sein Sohn wippt auf dem Brett hoch und runter und macht dann, nicht schlecht, beim Springen einen Zweifachsalto. Er taucht nach dem Sprung fröhlich wieder auf und die Jugendlichen klatschen höflich. „Da hat nicht viel gefehlt und hättest das dritte Salto auch geschafft“, ruft einer von ihnen. Zunna ko-freut sich und fängt an, erst vorsichtig und dann richtig heftig, auch für seinen Sohn zu klatschen.
Ich klatsche auch, das war wirklich ein super Sprung von Phol, und ich sehe aus den Augenwinklen wie der Moira-Betreuer mit der Moira seinen stündlichen Kontrollgang über das Freibadgelände beginnt. Ich will da nicht so hinstarren und es ist auch verwirrend, der Moira beim Laufen zuzusehen: Manche ihrer großen Tentakel benutzt sie zum Gehen, wie Beine, und manche wie Arme, aber das wechselt auch während sie sich bewegt. Unheimliches Biest. Zum Glück gibt es nicht mehr so viele von denen.
Auf dem Weg vom Sprungbrett zurück zu den Handtüchern falle ich ein bisschen zurück und pflücke – da sonst niemand tut – so viele Himbeeren wie ich nur kann. Sie sind richtig fett. Es ist ein schönes Gefühl, beide Hände so voller Himbeeren zu haben. Ich gehe zwei Schritte und ein Drache schwirrt um mich herum, dann noch einer und noch einer und dann ein ganzer Schwarm. So ein bisschen überfordert gehe ich zu Phol und Zunna, die bereits wieder auf dem Gras liegen, der Drachenscharm immer noch bei mir.
„Wirf bitte die Beeren weg“, herrscht Zunna mich und ja, sehe ich ein, ich werfe die weg und Zunna vertreibt die Drachen, so wie man heute Wespen vertreiben würde.
Bis auf einen. Der landet auf Phols Knie. Wir schauen ihn alle drei an. Seelenruhig läuft der Drache Phols Schienbein runter und krabbelt unter die goldene Knöchelschnalle. Und sticht zu. Phol wird richtig aufgeregt und versucht mit den Fingern unter die Schnalle zu kommen, um sich zu kratzen, aber dafür liegt die zu eng auf der Haut. Er setzt an, die Schnalle aufzumachen
und da packt ihn sein Vater am Handgelenk, zieht es weg – ziemlich ruppig, wie mir scheint – und formt mit dem Mund lautlos das Wort „Nicht!“.
Eine in der Nähe sitzender Elf hat den Stich mitbekommen und reicht eine kleine tönerne Flasche rüber. Darauf steht: „Salbe gegen Drachenbisse. Rein natürlich – kein Zaubermittel. Wohltuendes für Elfen“. Zunna dreht sich ein bisschen weg und lässt einen einzigen Tropfen aus der Flasche auf seinen Unterarm tropfen. Die Stelle wird sofort schwarz und sieht verbrannt aus. Zunna verzieht keine Miene.
„Ach, vielen Dank, so schlimm ist es nicht“, sagt er zu dem Handtuchnachbar und gibt die Flasche zurück. Dann schaut er sich um. Sei Blick landet bei ein paar Elfenkindern, die Eis essen, das ihnen dauernd auf die Hände tropft.
„Ich gehe jetzt zum Kiosk und hole Eis“, sagt Zunna, „bleibt hier. Tut nichts und redet mit niemandem“, sagt er und geht los. Phol hält vier Sekunden still und fängt dann wie wild wieder an zu kratzen. Es wirkt, als könnte er an die gebissene Stelle rankommen, wenn er nur seine Finger noch flacher machen könnte. Der Elfe, der uns die Creme gegeben hat, bemerkt das und sagt: „Nimm die Schnalle doch ab.“ Phol nimmt die Schnalle nicht ab. „Weißt Du nicht, wie?“ Dann ruft er in das Freibad hinein: „Weiß jemand wie man eine Schmuckschnalle abnimmt?“
Schnell versammelt sich wieder eine Traube Leute, wie vorhin, aber leider größer und diesesmal nicht um mich, sondern um Phol herum.
„Wenn man soetwas nicht aufkriegt, dann muss man es aufhebeln“, sagt jemand.
„Die Qualität der Sachen, die uns die Zwerge verkaufen wird immer schlechter – vor zwanzig Jahren hättest Du eine solche Schmuckschnalle aufbekommen, allein wenn Du sie anschaust.“
„Aber nützt eine Schnalle die jedesmal aufgeht, wenn jemand sie anschaut?“, wird gefragt.
„Ja, nichts, aber das war trotzdem halt besser.“
Einer der Elfen von vorhin ist auch wieder da, schaut sehr aufmerksam zu Phol und fragt dann mit gedämpfter Stimme: „Hat der Mensch Dich gebissen?“
Immer mehr Elfen kommen her, stellen sich um uns herum und geben Ratschläge in verschiedenen Graden der Hilfreichigkeit. Auch die Moira kommt mit ihrem Betreuerelfen, der sie an einer eher nur symbolischen Leine hält, ein bisschen in unsere Richtung.
Unter den Heranströmenden ist auch eine Elfe, die von ihren Klamotten und der Art wie sie elfenuntypisch ihre Haare trägt sehr Chef-ig aussieht. Sie stellt sich in den Halbkreis, der sich um Phol und mich herum gebildet hat. Sie schaut zu Phol, der sich die Stelle um die Schnalle herum bereits rotgekratzt hat. Dann zu Zunna, der an der anderen Seite des Freibads am Kiosk steht. Und dann zu mir. Ich fühle mich unwohl unter ihrem prüfenden Blick.
„Du. Mensch“, sagt die Chefelfe, „hast Du Dich so halb auf den Weg gesetzt oder hat Dir jemand gesagt, dass Du so sitzen sollst?“
„Also, hmmh“, antworte ich, „das ist ja jetzt aber auch schwer zu sagen, das sind ja irgendwie drei Fragen auf einmal …“
„War es der da? Der da gerade am Kiosk steht?“
Die Chefelfe sieht mich wortlos an und nickt und sagt dann zu Phol: „Nimm das ab. Jetzt.“
Der Trollpapa Zunna kommt zurück, mit jeweils drei Eistüten in beiden Händen. Er sieht die Gruppe, sieht die Chefelfe und wirkt als hätte man ihm eine Axt frontal ins Gesicht gerammt. Er fängt sich aber ganz schnell, kommt näher und meint: „Dieser Kiosk hat so viele tolle Sachen und heute ist so ein schöner Tag. Wisst ihr was: Lasst uns alle zusammen da nochmal hingehen und ich lade euch ein, Euch alle, jeder kann sich aussuchen, was sie oder er will.“
„Los geht’s“, sagt ein Elfe aus der Menge und kassiert dafür einen Schlag auf den Hinterkopf, von jemanden, der neben ihm steht.
„Nimm Deine Schmuckschnalle ab“, sagt die Chefelfe zu Zunna, „oder wir holen die Moira und die beißt sie Dir ab. Und hört dann entweder auf zu beißen. Oder eben nicht.“
„Nein. Ich lasse sie an. Es ist einfach nur Schmuck, Deko“, antwortet Zunna während das Eis in seinen Händen schmilzt, „Du trägst doch auch Schmuck.“ Und zeigt auf ihre Ohrringe.
„Diesen hier?“, fragt sie, nimmt sich die Ohrringe raus und wirft sie ihm hin.
„Wenn das bei Dir auch nur Schmuck ist, dann kannst Du ihn doch abnehmen. Du kannst es auch so sehen“, sagt die Chef-Elfe und tritt einen Schritt zurück, „ich lade Dich ein, Du selbst zu sein. Du kennst doch das Lied.“ Und dann singt sie ein Lied, dass man früher sehr oft hörte, als die Welt noch jung war.
„Und ob Du steigst und ob Du fällst,
sei Du selbst, sei Du selbst.
Denn als Du selbst dann bist Du gut
und als Du selbst, bist Du genug.“
Sie singt so schön, ich könnte ihr stundenlang zuhören.
Zunna tritt einen Schritt auf sie zu: „Dieses Lied. Ich hasse es.“
„Warum? Ein Lied wie jedes andere. Und es hat eine gute Botschaft.“
„Ich hasse es, weil es verdammt leicht ist, zu singen ‚Sei Du selbst!‘ man als Elfe geboren wurde.“
Sie schaut ihn direkt an: „Das heißt Du wurdest nicht als Elfe geboren?“
Zunna wird am ganzen Körper rot vor Scham. Dann beuget er sich runter und reißt sich die Schmuckschnalle von seinem Knöchel ab. So wie man einen Faden zerreißen würde, die Schnalle ist zwar aus Gold, aber er ist stark und noch während er sie abreißt, verwandelt er sich zurück in einen Troll.
Durch die Elfenmenge geht ein Schaudern, ein paar sehen aus, als würden sie sich gleich übergeben Ich habe mal gelesen, dass es für Elfen ist, als würde man ihnen mit einer Nadel ins Auge stechen, wenn sie einen Troll sehen. Mich stört es gar nicht so sehr. Elfen sind so, so, so unendlich viel schöner und edler als Menschen, aber, scheint mir, Trolle sind gar nicht so viel hässlicher als Menschen.
Nur die Chef-Elfe ist davon völlig unberührt: „Jetzt ist es kaputt. Hättest Du es aufgemacht und abgenommen, hättest Du es in einem anderen Freibad nochmal probieren können. Das war bestimmt nicht billig. Und an Trolle werden solche Zauberdinge schon mal sowieso nicht verkauft. Du musst die Zwerge ja in Gold gebadet haben, dass sie Dir das schmiedeten. Du musst ja reich sein wie der Trollkönig selbst.“
Zunna schaut auf den Boden.
„Ah“, sagt die Chef-Elfe und tritt wieder einen Schritt zurück, „verstehe. Du bist der Trollkönig. Eure Majestät.“
„Den Menschen habt Ihr doch auch reingelassen!“, sagt Zunna vorwurfsvoll, tritt zwei Schritte vor und zeigt auf mich.
„Die Menschen sind uns so fremd und von denen gibt es so wenig. Es ist völlig egal, was mit denen ist. Ihr“, sie zeigt auf Zunna, „seid das Problem. Denn Ihr seid fast wie wir.“ Ich verstehe nicht, wie das meint, denn Elfen sind ja überhaupt nicht wie Trolle. Die anderen verstehen das auch nicht, glaube ich, denn durch die Menge geht ein Raunen.
„Du überlegt, ob Du Dich auf mich stürzten sollst, nicht wahr? Mach das ruhig, Troll. Vielleicht schaffst Du es sogar, Deine Klauen um meinen Hals zu legen, bevor die Moira Dich erreicht. Vielleicht. Nur wärst Du halt nicht vor der Moira bei Deinem Sohn.“ Die Chefelfe nickt zu Phol hin. Zunna schaut sich um und begreift, dass er der Elfe hinterhergelaufen ist ohne es zu merken. Die Moira steht nah bei seinem Sohn und mir. Ich frage mich, ob die Moira eigentlich den Unterschied zwischen Trollen und Menschen kennt oder alle frisst, was keine Elfe ist.
Mit aus meiner Perspektive geradezu olypmpischer Selbstbeherrschung – solcher, die nötig wäre, um während man schon niest, mit dem Niesen noch aufzuhören – sagt Zunna: „Nein, das wird nicht nötig sein. Wir gehen jetzt einfach.“
Wir packen unsere Sachen zusammen und gehen ins Richtung Ausgang. Zunna als erstes dann Phol und ich.
„Was genau habe ich gesagt, dass Dich so wütend macht?“, ruft die Chef-Elfe uns hinterher, „dass Du Du selbst sein sollst? Ist es eine Beleidung, zu sagen, was Du bist – ein Troll? Zu dem Menschen kann ich sagen ‚Du Mensch!‘. Und wenn die Moira sprechen könnte, könnte ich zu ihr sagen ‚Du Moira!‘. Wenn ich zu Dir nicht sagen kann ‚Du Troll!‘, dann liegt das Problem ja eher bei Euch als bei uns.“
Ich laufe hinter Zunna. Er bleibt stehen und ich sehe wie sich in seinem Nacken alle Stacheln aufstellen. Und auch nicht so, wie man das heutzutage manchmal in Fantasy-Filmen sieht, so ein Stachel nach dem anderen, klack-klack-klack, sondern alle auf einmal.
Ich nehme Phol bei der Hand und gehe mit ihm einfach weiter. Nicht aus Geistesgenwart und erst nicht aus Schlauheit, sondern weil ich ein Mensch bin und weil Menschen so unplausibel lang überlebt haben, weil wir ein Gespür dafür entwickelt haben, wann es richtig ist, die Klappe zu halten, nicht hochzublicken und schnell zu verschwinden.
Für Zunna scheint das auch ok zu sein, wir gehen einfach weiter, aber an der Kasse versperrt uns ein Aufpasserelfe den Weg. „Nein, nein. Entweder ihr geht alle oder keiner von Euch.“
Ich schaue zu Zunna. Sein Gesicht sieht aus, wie eine Backsteinwand, bei der die Backsteine von oben nach unten alle einmal durchgebrochen sind. Er setzt sich wieder in Bewegung, wir werden auch rausgelassen, verlassen das Freibad, gehen über die Wiese und in Richtung des Waldes.
Wir gehen auf den Waldrand zu und hinter den Bäumen, aus dem Halbdunkel, hinter Steinen treten auf einmal ganz viele Trolle hervor, hunderte, die anscheinend hier gewartet haben. Sie haben alle Waffen und sind ein bisschen aufgedreht: „Na, wie war’s?“, fragt ein Troll mit einer riesigen Nase.
„Haben Sie’s geglaubt?“, fragt ein anderer.
„Stimmt es, dass die da nackt sind?“, kommt da als Frage und mehrere andere Trolle bekunden ihr Interesse an der Antwort.
Zunna sagt aber nichts und nach und nach breitet sich Stille aus. Die Trolle gehen auf ein bisschen Abstand zu Zunna. Wie man das auch machen sollte, wenn der Vorgesetzte gerade einen Misserfolg hatte und nun vor Wut kocht. In diese Stille tritt ein Troll mit einer Brille, der ohne auf die anderen zu achten auf ein Klemmbrett schaut. „Ah, Zunna, da bist Du ja wieder“, sagt er, „letzte Woche meintest Du ja, ich solle 1000 todbringe Äxte bestellen. In der Liste, die die Zwerge uns geschickt haben, stand gleich unter der Zeile ‚todbringende Äxte‘ ein Feld mit ‚sehr schrill klingende Blockflöten‘. Und, zu meiner Verteidigung ist das ja immer alles in dieser idiotischen Zwergenschrift geschrieben, die kein Troll lesen kann. Jedenfalls haben wir jetzt 1000 Blo …“ und dann merkt er, dass er ihn alle stumm anstarren. „Oder … oder wir machen das einfach wannanders. Gar kein Problem.“
Ein älterer Troll kommt auf Zunna zu. Er hat lange Haare und trägt als einziger keine Waffe.
„Na, nicht so gut?“, fragt der alte Troll.
Zunna sagt nichts.
„Zunna. Zunna, kleiner Krieger. Es ist egal. Raste jetzt nicht aus. Es ist wirklich egal.“