Couple Goals

Ich fahre abends mit dem Fahrrad an einem Feld vorbei. Es gibt dem Himmel gerade großzügig ein Zeichen, dass es Nacht werden soll. „Du könntest Dich, wenn Du möchtest, jetzt auf mich legen.“ Es ist mir ein bisschen peinlich, das mitzubekommen. Sorrysorrysorry – ich bin gleich weg – macht nur weiter.
Die beiden lassen sich nicht stören.

San Jupitero

Für das Magazin, für das ich schreibe, verfasse ich in der Regel kurze Alltagsgeschichten, aber manchmal schicken sie mich auch auf kleine Reisen, falls es jemand interessantes zu interviewen gibt. Sie fragten mich, ob ich einen polnischen Porno-Star interviewen und dazu zu ihrem Heimatort, nach Pila (gesprochen: Piuh-ah), fahren würde. Klar. Von Berlin aus sind das gerade mal 304 Kilometer. Ich entscheide mich dafür, mit dem Zug hinzufahren, was idiotisch ist, weil es fast vier Stunden dauert und auch umsteigen muss. Egal. Ich komme an einem Julimittag an und nehme ein Taxi zu der vorher ermailten Adresse.

Die Porno-Darstellerin benutzt einen Künstlernamen, der klingt als sei es eine Duftkerzen-Marke. Bürgerlich heißt sie Aska (gesprochen: Asch-ki-ah), zumindest waren so ihre Mails unterschrieben. Mein Magazin hat mich hierher geschickt, weil sie, angeblich, die beste Pornodarstellerin sei, nicht nur ihrer Generation, sondern vielleicht sogar ever. Leute zu interviewen, die so Überflieger sind, klingt spannend, kann aber auch nach hinten losgehen. Vor einigen Jahren traf ich mich mal mit einer Spitzen-Mathematikerin, einem Mathe-Genie, und das war insofern ein bisschen enttäuschend als solche Leute nur für ihre Leidenschaft leben, sich ansonsten für nichts interessieren und auch nicht so aufregende Leben führen. Die Mathefrau war nett und offen, aber aus der war aber wenig herauszukriegen (Und was machst Du sonst noch so? „Nichts.“ Was hättest Du gemacht, wenn Du nicht Mathematikerin geworden wärst? „Keine Ahnung.“) Ihr war mit sechs Jahren klar, dass es in ihrem Leben genau ein Thema geben wird und dass alles andere entweder zu diesem Thema hinführen wird oder zwischen ihr und diesem Thema stehen wird.

Aska wohnt in einem sehr hellen, großen Apartment, ganz oben in einem der hier überall stehenden Hochhäuser. Sie führt mich in das Wohnzimmer. Auf einer der Couches sitzt eine Frau, ein bisschen älter als Aska, und blättert in einer Modezeitschrift. Sie erwidert meinen Gruß nicht und nimmt von mir auch sonst keine Notiz. Sofort fühle ich mich unwohl, was mich ärgert, ich habe mir schon mehrfach vorgenommen, mich nicht so schnell verunsichern lassen.
Wir beginnen mit dem Interview. Meine Recherche hat im Vorhinein ergeben, dass Aska tatsächlich der shooting star in ihrer Szene ist. In dem Interview erinnert sie mich ein bisschen an die Mathematikerin, aber vielleicht ist das einfach die Art wie sehr erfolgreiche Menschen halt so drauf sind. Im Unterschied zu der Mathematikerin hat Aska auch das Drum-Herum Ihres Themas ganz gut drauf, sie kennt die Regeln des Spiels. Das Porno-Business funktioniert anscheinend nach einem Doppelprinzip von „Konsument*innen geben, was sie bereits kennen“ und „sie überraschen“. Man kann, erklärt sie, relativ einfach auswerten, welche Videos gut laufen und welche nicht, herausfinden, was an die guten gut macht („Dieses Video wird ganz häufig angeklickt, aber Leute wechseln nach spätestens einer Minute zu einem anderen – das heißt, dass in der Überschrift oder in der Vorschau etwas ist, was eine positive Erwartung weckt, die aber dann in dem Video selbst nicht erfüllt wird“) und welche zeitliche Entwicklungen bestimmte Motive durchmachen („Das tauchte in einem Kinofilm auf, daraufhin suchten die Leute nach einer Pornoversion davon – hier siehst Du wie die Suchanfragen starten – dann haben mehrere Studio so was gedreht – und etwa ab hier ist das Bedürfnis wieder gestillt, das Interesse nimmt wieder ab“). Außerdem hat sie eine Reihe an Techniken, die ihr Schauspiel besonders machen („So nach zwei Dritteln mache ich eine Art nicht-aspiriertes ‚Ach‘.“ Erklär, bitte. „Wenn man ‚Ach‘ sagt, dann atmet man dabei aus. Mach das mal und halte Deine Hand vor den Mund. Merkst Du den Atem? Und jetzt sag ‚Ach‘ und atme dabei nicht aus, sondern ein. Man macht dabei automatisch einen Gesichtsausdruck, der als sehr erotisch wahrgenommen wird“). Außerdem sei es wichtig zu monitoren, welcher Regisseur gerade an welchem Projekt dran ist, wen man für gutes Licht-Design dazubuchen könnte und zu welchen Castings man nicht gehen sollte.
Ich frage sie, was die beste Entscheidung in ihrer bisherigen Karriere war. „Meine Agentin einzustellen.“ Die Frau auf der Couch hebt, ohne die Modezeitschrift abzusetzen, die Hand und winkt mir zu. Ok, sie hat also doch wahrgenommen, dass ich da bin.
Aska redet schnell, ich habe Mühe alles mitzuschreiben.
„Ich habe den Eindruck“, sagt sie, „das Du alles, was ich Dir erzähle ganz furchtbar missverstehst.“
„Wenn Du möchtest, kann ich Dir den Text zum Gegenlesen schicken, bevor er zur Endredaktion geht.“
„Nee, lass mal, so wichtig ist mir das auch nicht. No offence.“
„None taken“, lüge ich und schaue mich im Raum um. Vielleicht finde ich noch ein persönliches Detail, nach dem ich sie fragen könnte. Mein Blick fällt auf ein gerahmtes Foto, dass an der Wand hängt. Es zeigt ein kleines Mädchen in einem Erstkommunion-Kleid.
„Bist Du das?“, frage ich.
„Ja.“
Das Kleid ist schlicht-weiß, aber sie trägt an der rechten Hand einen auffällig geschmückten Handschuh. Schon damals hatte sie den wachen-wachsamen Blick, mit dem sie mich jetzt von der Seite anschaut.
„Was ist mit dem Handschuh?“
„Das ist ein San Jupitero-Handschuh.“
„Ah, ok.“
„Weißt Du, was das ist?“
„Nein.“
„Ich kann es nicht so gut erklären, aber in der Kirche hier hängt eine Erklärung. Willst Du sie sehen?“
„Ja, gerne.“ Ich glaube, wir sind hier eh durch, denn mehr kann ich nicht auf einmal aufnehmen. Wir stehen auf und gehen zur Tür. Die Agentin ruft ihr etwas auf polnisch zu. Aska antwortet ihr, ich deute es anhand der Melodie als ein „Ich bin gleich wieder da.“

Pila fällt als Stadt nicht unbedingt durch besondere Schönheit auf, aber die Kirche ist ganz cool. 1930 gebaut und im Bauhaus-Stil gehalten, das muss damals der heißeste Scheiß gewesen sein. Man merkt, wie sich der Architekt Mühe gegeben hat, mal was neues auszuprobieren, aber es trotzdem als Kirche erkennbar zu machen. Als wir dort ankommen, stehen da ein paar Leute, die aufgrund der schicken Kleidung vage als Hochzeitsgesellschaft zu erkennen sind. Wir gehen an ihnen vorbei und rein. Drinnen hören wir einen Chor singen. Sie fangen immer wieder von vorne ein, vielleicht proben sie noch schnell ein besonders schwieriges Stück. In dem Vorderbereich der Kirche hängen Texttafeln, die das Leben von Heiligen erzählen. Aska führt mich zu einer und ich fange an zu lesen:

„SAN JUPITERO: EIN JUNGE WAR SEHR DICK. Die Kinder riefen ihm „Du bist so fett!“ hinterher und „Du hast Deine eigene Schwerkraft!“ und nannten ihn schließlich den fetten Jupiter oder auch, einfach nur Jupiter (Jupitero). Seine Eltern starben früh. Als er erwachsen wurde, trat er einem Kloster bei. Es war Brauch, dass jeder Mönch in dem Kloster nach seiner Funktion angesprochen wurde: Bruder Schreiber, Bruder Sanitäter, Bruder Metzger et cetera. Da Spitznamen für gewöhnlich bei einem bleiben, ob man es will oder nicht, nannte man den nunmehr erwachsenen Jungen aber Bruder Jupiter, Fra Jupitero.

An einem Herbsttag waren seine Mitbrüder auf einem Ausflug. Jupitero blieb zurück, saß im Garten und passte auf das Kloster auf. Ein Mann kam zu ihm und setzte sich neben ihn.
„Fra …“
„Jupitero.“
„Fra Jupitero“, sagte der Mann, „ich brauche Ihren Rat. Ich bin die ganze Zeit so traurig. Außerdem schmeckt mir nichts mehr. Ich kann schlecht aufstehen und alles strengt mich an. Und ich kann nachts nicht schlafen.“
„Hmmh“, sagte Jupitero und dachte nach.
„Ja“, sagte der Mann.
„Gott mit Ihnen“, sagt Jupitero und legte ihm die linke Hand auf die Schulter.
Sie saßen noch eine Weile beisammen. Dann ging der Mann.

Ein paar Tage später kam beim Essen der Abt auf Jupitero zu.
„Du hast einen Brief bekommen“, sagte er und gab ihm das Schreiben.
„Lieber Fra Jupitero,
es geht mir besser. Ich bin wieder fröhlicher. Das lag an Ihrer Berührung. Ich danke Ihnen.
Herzliche Grüße“

Im folgenden Monat brachte Jupitero Früchte vom Feld zum Kloster als ihn jemand abfing und ansprach.
„Es hieß, sie hätten Luigi geheilt. Könnten Sie auch mir helfen? Ich bin immer so wütend. Neulich habe ich meinen Hund getreten. So bin ich doch nicht. Ich weiß nur nicht wohin mit meiner Wut.“

Im Dorf sprach sich bald herum, dass in dem Kloster ein Mönch wohnt, der durch Hand auflegen heilen kann und es kamen immer mehr Leute zu ihm. Bald auch aus den umliegenden Dörfern und schließlich aus dem ganzen Circondario. Die Leute begannen ihn den Heiligen Jupiter zu nennen, Sancto Jupitero – kurz: San Jupitero.

Als der Abt davon mitbekam, rief er ihn zu sich und sagte: „Das hört natürlich sofort auf, Fra Jupitero. Haben wir uns verstanden?“
Jupitero wies daraufhin Menschen ab, die tagsüber zu ihm kamen. Sie begannen daher nachts zu kommen, wenn die anderen Mönche und der Abt schliefen. Jupitero stand vor seiner Zelle und heilte jeden, die oder der kam. Die Schlange ging bald den ganzen Flur entlang, wenig später schon nach draußen und schließlich bis in den Kreuzgang, wo die Zelle des Abtes lag. Der Abt nahm das Ganze ein paar Tage hin, in der vergeblichen Hoffnung, dass der Spuk schnell von alleine weggehen würde. Eines Nachts hält er es nicht mehr aus, steht auf und geht zu Jupitero. Er ging an der Schlange vorbei, an ganz verschiedenen Menschen: Alten und Jungen, einzelnen und Gruppen, ein ärmlich aussehender Student wartete da und davor ein Geschäftsmann, der eine ältere Dame, vielleicht seine Mutter, stützte.
Die Wartenden sahen den Abt, buhten ihn aus und hielten ihn an seiner Kutte fest, aber der Abt riss sich frei und trat neben Jupitero.
„Könntest Du mir bitte mal sagen, was …“, setzte der Abt, da warf jemand aus der Menge ein Gesangsbuch nach ihm. Es traf den Abt mit dem Buchrücken an der Stirn. Ein Streifen Blut rann unter und tropfte ihm auf die Brille. Jupitero streckte die Hand aus, um die Wunde zu heilen. Doch bevor er den Abt berühren konnte, hielt der Geschäftsmann seine Hand fest. „Ich gebe Dir 100 Lire wenn Du ihn nicht heilst, San Jupitero.“
„Ich nehme kein Geld.“
„Ja. Klar. Ich ’spende Dir 100 Lire für Kerzen und Weihrauch‘. Nur heile ihn nicht.“
„Was mischen Sie sich eigentlich ein?“, fragte der Abt.
„Was ich mich hier einmische?“, der Geschäftsmann ließ Jupiteros Hand los und trat sehr nah an den Abt heran. „Ich kann es Ihnen gerne sagen. Ich bin auf ein Jungen-Internat gegangen. Ich kenne Leid, das von Typen wie Ihnen ausgeht und die Energie mit der Sie jedes kleine Glück verhindern.“
Der Abt richtete sich auf: „Sind Sie bescheuert?“ Er wandte sich an die Menge: „Seid Ihr alle bescheuert? Was glaubt Ihr Idioten denn, was passiert, wenn der Vatikan hiervon erfährt? Habt Ihr vergessen, dass es gar nicht so lange her ist, dass man schon mal Feuerholz sammeln ließ, wenn man Leute wie ihn traf? Und selbst wenn er nur aus dem Kloster geworfen wird – er ist ein Waise. Wo soll er dann hingehen? Was Ihr hier macht, ist egoistisch. Es ist für Fra Jupitero das Beste, wenn ihr ihn alle in Ruhe lasst und das ganz hier vergesst.“
Wieder warf ihm jemand ein Gesangsbuch an den Kopf.
„Das war richtig nah an meinem Auge!“, brüllte der Abt und lief weg.

Eine Woche später, nachts, während er wieder die Hand auflegte und Menschen heilte, fiel Jupitero auf, dass ganz am Ende der Schlange eine kleine Familie, Vater, Mutter, Kind, stand. Das Kind trug einen Kartoffelsack über dem Kopf, mit kleinen Öffnungen für die Augen. Es hielt die Hand seiner Mutter. Sie ließen immer wieder Leute vor, so lange bis sie mit dem Mönch allein waren. Er ging zu ihnen.

„Wir haben schon so viel probiert“, begann der Vater, „es heißt, dass Sie Wunder tun, San Jupitero. Vielleicht können sie uns helfen.“ Er nahm dem Kind den Sack vom Kopf. Dessen Gesichtsknochen waren schief zusammengewachsen und außerdem war er über und über mit eitrigem Ausschlag übersät. Jupitero stieß unwillkürlich einen Schrei aus und erschreckte sich darüber. Er drehte sich um. Er nahm einen tiefen Atemzug, drehte sich wieder zurück, sah das Kind an und schrie erneut. Er hielt sich die Hand vor den Mund und schrie in die Hand hinein. Dann drehte er sich weg um und bibberte. Der Vater setzte dem Kind wieder den Kartoffelsack auf den Kopf. Das Kind ließ seine Mutter los und ging einen Schritt auf Jupitero zu, der das Gesicht in den Händen vergraben hat. „San Jupitero“, sagte es, „es ist in Ordnung.“ Das Kind legte ihm die Hand auf den Rücken: „So ist es im Leben. Wir können nicht alles schaffen. Weine nicht. Danke, dass Du es versucht hast.“
Der Vater des Kindes überlegte, was man in solchen Situationen zu Kirchenmännern sagt:
„Friede auf Erden.“
Jupitero antwortete nicht.
„Und den Menschen ein Wohlgefallen“, antwortete die Mutter des Jungen für Jupitero und die Familie ging. Als sie an der Pforte waren, hörten sie ihn vor sich hin sprechen: „Es tut mir leid. Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid. Es tut mir leid. Ich bin schwach. Es tut mir leid.“

Eines Abends fiel dem Abt auf, dass es im Kloster beunruhigend ruhig ist. Er erwartete, dass im Kreuzgang wieder geheilt wird und ging dort hin. Da war nichts. Auch in der Bibliothek und im Gemeinschaftsraum war niemand. Schließlich ging er zur Küche. Er öffnete die Tür. Alle Mönche des Klosters waren dort versammelt. Jupitero saß auf einem Stuhl, die linke Hand auf dem Tisch. Neben ihm standen zwei Mönche. Bruder Koch rieb das große Schneidebrett mit Alkohol ein.
„Was …?“, fragte der Abt.
Nachdem er mit dem Schneidebrett durch war, holte Bruder Metzger ein Beil heraus. Er übergoss es mit Alkohol und rieb es ab. Er machte das länger als er müsste. In solchen Situationen sagt normalerweise immer jemand etwas wie „Ist gut jetzt!“ oder „Das reicht – wir machen das doch nicht.“ Aber es passierte nicht. Alle schauen ihm einfach zu und warteten, bis er fertig ist. Also dann. Er legte Jupiteros Hand zärtlich auf das Schneidebrett. Die beiden anderen Mönche hielten Jupitero fest. Bruder Metzger hebte das Beil und hieb Jupitero in den Unterarm. Einmal reichte nicht. Nochmal, und noch einmal, dann war die Hand ab. Bruder Metzger machte Bruder Sanitäter Platz, der verband den Armstumpf. Bruder Schreiber faltete ein neues, großes, leeres Pergament auf, wickelte die Hand darin ein und gab das Paket dem Abt.
„Aber …“, sagte der Abt, „… ich weiß doch gar nicht, wo die wohnen?! Und selbst wenn ich sie finde, wird es vielleicht nicht funktionieren, wenn ich es mache? Wo soll ich ihn überhaupt damit berühren?“
Dem Abt fiel auf, dass sich das Paket in seiner Hand überhaupt nicht wie ein toter Gegenstand anfühlte, eher so wie wenn man etwas lebendiges hält.

Das schief zusammengewachsene Gesicht blieb schief zusammengewachsen. Aber der Ausschlag ging weg. Nicht sofort, aber nach einer Woche war er vollständig abgeheilt. Das Kind sah nun aus wie jemand nach einem Unfall. Zwar nicht ansehnlich, aber nicht mehr zum Erschrecken und Weglaufen.

Jupitero bekam eine Prothese und die Familie des Kindes schenkte ihm dafür einen mit Schmuck bestickten Handschuh. Jupitero ließ den Handschuh verkaufen und das Geld spenden. Daraus entstand eine Tradition. NOCH HEUTE WIRD BEI ERSTKOMMUNIONEN EIN SOLCHER HANDSCHUH GETRAGEN.“

Damit endet die Texttafel. Darunter ist ein Foto des Heiligen. Zwei Dinge fallen mir auf:
1. Er ist nicht fett. Vielleicht ein bisschen rundlich, aber auf keinen Fall, jedenfalls nicht nach den Maßstäben der Gegenwart, fett.
2. Es ist ein Farbfoto. Beim Lesen dachte ich dauernd, dass das alles im Mittelalter war, aber es ist gar nicht so lange her. Auf dem Foto sieht man, dass er eine Handprothese trägt. Er sieht ganz zufrieden aus.

„Hätten nicht alle mehr davon gehabt, wenn er die Hand behalten und dafür mehr Menschen geholfen hätte? Jetzt hat er ein bestimmtes Kind geheilt aber dafür seine Fähigkeit für immer aufgegeben. Das ist doch dumm“, sage ich.
Aska zuckt mit den Schultern. „Weiß ich nicht. Vielleicht.“

Und jetzt lohnt es sich doch, dass ich den Zug nach Pila genommen und mir kein Auto geliehen habe, denn ich nutze die Zugfahrt zurück, um zu ergoogeln, was sich noch über ihn herausfinden lässt. Es ist nicht so richtig viel. Der Vatikan hat sich zu Jupiteros Lebzeiten nicht dazu geäußert. In Polen wurde er zu einer Art Lieblingsheiligen. Es wurde zu einem Brauch, dass reiche Menschen aufwendige Handschuhe machen lassen, die verkauft werden. Das Geld wird dann für wohltätige Zwecke, etwa für Krankenhäuser und Waisenheime benutzt. Ein polnisches Glamour-Girl, das in den 90ern Teil der US-Musikszene wurde, brachte den Brauch für kurze Zeit dort ein und so trug auch ein Pop-King manchmal auf der Bühne einen Jupitero-Handschuh.

Dauernd werde ich vom dem Schaffner angemeckert, weil ich den Mund-Nase-Schutz nicht trage. Schließlich bleibt er bei mir stehen und sagt: „Zum letzten Mal: Setzen Sie Ihre Maske auf!“ Ja, ja, ich weiß die Maske. Ich nehme sie auch nicht absichtlich ab, sondern friemel sie mir unbewusst runter, während ich im Internet rumklicke.

Aufwachen

Ich sitze an einem Autobahn-McDonalds, im Norden. Ich sitze draußen, um beim Essen rauchen zu können. Nicht vergessen: Anschließend noch tanken. Autobahn-Fastfood-Restaurants sind mein Happy Place, Essen macht glücklich und hier will niemand was von mir. Nachdem ich das kostenlos herumliegende Kino-Magazin komplett ausgelesen habe, öffne ich die „All Worlds Spirituality“-App auf dem Handy. Dort steht so der übliche Kram, aber ganz oben läuft auf rotem Hintergrund ein Laufband:

„AUFRUF Drei kriminelle Exilanten sind auf der Flucht. Sie sind vermutlich auf einer der Zwischenwelten, vielleicht auf der Erde. Auf keinen Fall ansprechen. Falls Sie Informationen haben, die zur Ergreifung führen, wenden Sie bitte dringend an übliche Nummer. Belohnung nach eigenem Wunsch.“

Mir fällt auf, dass ein paar Tische weiter ein Dämon, eine Dämonin und ein Engel sitzen. Das sieht man in Raststätten-McDonalds sonst eher selten. Der Dämon und die Dämonin sehen sich ein bisschen ähnlich, vielleicht sind es Geschwister. Die Dämonin und der Engel halten Händchen.
Ich rufe die Nummer von dem Bannertext an. Vielleicht wird man mir ja im Gegenzug Reichtum anbieten, das wäre doch ganz schön. Jemand nimmt ab.
„Ich habe Information zu den Exilanten, nach denen Sie suchen“, sage ich.
An der anderen Seite Schweigen. Dann: „Du bist ein Mensch, nicht wahr?“
„Nun … ja. Aber ich habe trotzdem …“
„Woher hast Du diese Nummer?“
„Von den …“
Er lässt mich nicht ausreden: „Immer wieder ruft Ihr hier an und wollt Euch mit irgendwas wichtig machen. Bitte lasst das bleiben. Ihr wisst überhaupt nichts. Ihr habt überhaupt keine Ahnung, in was Ihr Euch da einmischen würdet.“
Ich fühle mich gekränkt. „Aber … vielleicht weiß ich ja wirklich, wo die Exilanten gerade sind.“
„Mmmh-hmmmh, ganz sicher. Ich werde jetzt auflegen“, sagt er und tut es.

Wenn ich in der Raucherecke am Bahnhof stehe, bin ich immer derjenige, auf den Leute zukommen und nach Kippen fragen. Es muss irgendwas mit meinem Gesicht sein. Und als ich sehe, dass die Gruppe am Nebentisch aufsteht, weiß ich schon, dass die gleich auf mich zukommen werden.

Als sie näher kommen, bemerke ich, dass die beiden Dämonen Löcher in der Kleidung haben, an den Stellen, wo sonst Rangabzeichen sind.
„Du wirst uns fahren“, sagt die Dämonin zu mir und macht die Hypnose-Bewegung mit der Hand.
„Ich nehme so viele Endorphin-Blocker, ich bin überhaupt nicht hypnotisierbar.“
Das verunsichert die drei ein bisschen. Verwirrt schauen sie mich an und überlegen anscheinend, wie sie mich einordnen sollen.
Schließlich fragt die Dämonin: „Bist Du einer von den Menschen, die damals für die Eisriesen gearbeitet haben?“ Exakt.
Daher weiß ich um solche Sachen. In die Eisriesen-Geschichte bin ich indes so reingerutscht und dann war es halt irgendwann vorbei. Damals dachte ich, dass bestimmt bald die nächste coole Sache kommen würde, es kam aber nichts. Rückblickend denke ich, es wäre sogar besser, wenn ich die Eisriesen nie getroffen hätte, weil ich dann gar nicht um diesen Teil der Welt wüsste und es mir jetzt nicht fehlen würde. Naja.
„Ich fahre nach Kassel“, sage ich, „wohin wollt ihr?

Ich bringe das Tablett weg. Wir gehen zu meinem Auto. Sie steigen ein, der Engel und der Dämon hinten, die Dämonin neben mir. Ich tippe die Adresse, die sie mir genannt haben – ein Parkplatz, irgendwo im Harz – in das Navi ein und wir fahren los.

„Wenn das hier schief geht, gehe ich zurück, setze mich an meinen Schreibtisch und schieße mir in den Kopf. Meine Hände sind schon ganz kalt“, sagt der Dämon sachlich.
„Ach Du, Drama-Queen“, lacht seine Schwester und schlägt ihm fröhlich auf die Stirn. Der Engel lehnt sich vor und sagt zu ihr: „Wenn das in die Grütze geht, dann ist das halt so. Es wäre mir egal. Ich hab Dich einfach so lieb. Wenn das die letzten Augenblicke sind, dann will ich sie mit Dir verbringen.“
„Das sagt er nur, weil Du so große Titten hast“, rutscht mir raus. Warum sage ich immer so etwas?
Der Engel greift nach der Hand der Dämonin: „Du weißt, dass ich Dich auch lieben würde, wenn …“
Sie dreht sich zu ihm und schmunzelt: „Ja, natürlich weiß ich das.“ Dann gibt er ihr seine andere Hand, sie dreht sich wieder nach vorne und legt seine Arme um sich, so wie man sich einen Samtschal umlegen würde.

Bei Hannover muss ich tanken, denn selbstverständlich habe ich es vorhin vergessen. Ich stehe in der Schlange zur Kasse und sehe, dass ich siebzehn verpasste Anrufe auf meinem Handy habe. Ich rufe meine Mailbox ab: „Mein Kollege war vorhin ein bisschen voreilig“, höre ich eine unheimlich zugewandte und wertschätzend klinge Stimme sagen, „unserer Akte zufolge sehnen Sie sich nach Reichtum. Das ließe sich problemlos einrichten. Aber wir wissen, dass Sie auch gerne nicht mehr rauchen würden, doch sich diesen Wunsch nicht eingestehen können. Wir könnten Sie zu einem Nichtraucher machen. Zusätzlich. Sie müssen nichts tun, außer uns zu sagen, was Sie über die Exilanten wissen. Bitte denken Sie daran, die Exilanten nicht anzusprechen und zu ignorieren, was sie sagen, sollten sie Sie ansprechen. Wir können Sie telepathisch nicht erreichen. Könnten Sie sich vorstellen, für ein paar Stunden keine Endorphin-Blocker zu nehmen – nur solange bis wir eine Verbindung aufgebaut haben? Dann könnten wir Ihr Gedächtnis direkt auslesen – das wäre für uns einfacher und für Sie bequemer.“
Ich bin gleich mit Bezahlen dran, daher lege ich auf und schalte das Handy aus.

„Was genau habt ihr gemacht, dass die so wütend auf Euch sie sind?“, frage ich als ich wieder im Auto sitze, „denn dass Ihr beiden vögelt war doch bestimmt nicht der einzige Grund?“
Sie sagen nichts.
Schließlich fragt mich die Dämonin: „Hast Du die gerade angerufen?“
„Nein! Neinneinnein. Sie haben versucht mich anzurufen, ich habe nur die Mailbox abgehört.“

Wir kommen an dem Parkplatz an, den sie mir genannt haben. Dort steht, nicht ans Auto gelehnt, sondern davor stehend, die Hände auf die Hüften gestützt und uns böse anfunkelnd, eine kurzhaarige Hexe.
Sie wartet bis wir ausgestiegen sind und sagt dann: „Oh, ja – ‚lass uns doch zur Hexe fahren!‘. Tolle Idee, wirklich ganz toll. Was glaubt ihr Schwachköpfe denn, wo sie als allererstes nach Euch suchen werden?“
Ich finde es irgendwie ungerecht, dass die Hexe so gemein zu ihnen ist. Sie scheint mich jetzt erst zu bemerken. „Und diesen Idioten hier habt Ihr noch nicht mal richtig hypnotisiert!“ Der Dämon winkt ab und fragt sie:
„Wann ist denn der nächste Abflug?“ Dabei schaut er in Richtung des Berges, in dessen Schatten dieser Ort hier liegt.
„Aber auf keinen Fall werde ich Euch dahin mitnehmen und damit nicht nur mich, sondern noch meine Schwestern gefährden. Überlegt Euch was anderes.“

Sie beschließen, erstmal zu der Hexe nach Hause zu fahren. Der Engel küsst mich zum Abschied auf die Lippen. Ich weiß, dass Engel das untereinander so machen. Vielleicht bin ich der erste Mensch, den er kennengelernt hat und er weiß nicht, wie er sich mir gegenüber sonst verhalten soll. Die Dämonin, vielleicht weil sie es ihm nachmacht, vielleicht einfach so, küsst mich ebenfalls.

Danach ist das Auto irgendwie leer. Ich fahre alleine zurück zur Autobahn, an diesen halb kitschigen, halb niedlichen winzigen Harz-Städten vorbei. Doch jetzt nicht, Mann, ey, jetzt nicht weinen, komm schon, was bist Du denn gerade so emotional? Ich krame im Handschuhfach nach der Schachtel mit den Endorphin-Blockern und versuche gleichzeitig das Auto auf der Straße zu halten.

Herbst

Ich stehe spätabends mit einer Vampirin im Garten ihres Schlosses, wir rauchen. Vor einer Weile hat sie den größten Teil des Gebäudes verkauft, jetzt ist da ein, recht teures aber beliebtes, Restaurant. Von oben hören wir Musik und Geselligkeitsgeräusche. Gedämpftes Licht scheint zu uns runter. Sie drückt ihre Kippe an ihrem Ballerina-Schuh aus – das hinterlässt sicher einen Fleck – und zündet sich eine neue an. Um den Hals trägt sie ein auffallend schönes Amulett. Ich würde es mir gerne anschauen, will ihr aber nicht so in den Ausschnitt starren. Sie bemerkt meinen Blick: „Sag doch: ‚Nimm es bitte ab und zeig es mir'“.
„Nimm es bitte ab und zeig es mir“, sage ich. Sie schmunzelt ein bisschen und tut es. Das Amulett ist grob, man kann die Stellen sehen, an denen es gelötet wurde, und trotzdem auf zärtliche Weise hübsch, wie eine Träne aus Eisen. Als ich es halte, wird mein Brustwarzenpiercing ganz warm. Das macht es manchmal, wenn es mich auf etwas hinweisen will. Es wurde zum Beispiel warm, als ich die Ausschreibung für meine jetzige Stelle sah. Das war gut, denn ich habe mich daraufhin beworben und den Job auch bekommen. Ich halte ihr Amulett ganz nah an mir und gebe es ihr erst, widerwillig, zurück als sie die zweite Kippe aufgeraucht hat.
„Woher hast Du es?“
Sie nennt den Namen eines Zwerges und einen Ort im Wendland, wo er seine Werkstatt hat. Dann gibt sie mir ihr Feuerzeug und ihre restlichen Zigaretten und wir gehen rein. Sie zieht den einen Schuh aus, setzt sich auf ihren Sarg, kickt mit dem schuhlosen Fuß den anderen runter, legt sich hin und auf einmal weicht jede Farbe aus ihr. Ich brauche eine Weile bis ich merke, was gerade passiert ist. Obwohl sie sich eben erst hingelegt hat, sieht sie aus als läge sie seit Jahrhunderten hier. Sogar eine Staubschicht bedeckt sie. War das ein Unfall? Wollte sie, dass das passiert? Ich gehe zu ihr rüber und berühre sie vorsichtig am Ärmel. Auch ihre Klamotten sind gealtert, das Amulett aber nicht. Ich könnte es mir jetzt einfach nehmen. Nein, lieber nicht, das wäre nicht fair.
Ich warte eine Weile, aber sie verwandelt sich nicht zurück.

Am Samstag drauf fahre ich ins Wendland. Ich mag so Ausflüge. Es ist mir eigentlich auch egal wohin, ich genieße es einfach, mit dem Auto übers Land zu fahren und einen Vorwand zu haben, mir an Tankstellen Süßzeug und Snacks zu holen. Schade nur, dass es die ganze Zeit regnet. Ich komme in dem Ort an. Er ist so klein, dass ich die Werkstatt auch ohne konkrete Adresse nach kurzem Rumfahren finde. Eine Glocke bimmelt, als ich eintrete. Ein Zwerg sieht von einer Werkbank zu mir rüber, steht aber nicht auf. Er ist offensichtlich ein Zwerg (klein, gedrungen, kurze Stummelfinger), aber kein typischer. Er hat kurze Haare, feine, dünne Kleidung und ihm leuchtet eine distanzierte Intelligenz aus den Augen. Ich hole ein bisschen Geld heraus und zeige es ihm, Zwerge wollen immer erst sehen, dass man Geld hat, bevor sie mit einem sprechen. Er winkt ab. Ein Zwerg, der nicht von Gold besessen ist? Noch etwas, das nicht zu Zwergen passt, zu meinem Bild von Zwergen. Die Vampirin war auch keine typische Vampirin. Vielleicht ziehen sich so Leute ja an. In der Werkstatt ist lauter Schmuck, der wie ihr Amulett aussieht. Mein Piercing wird aber nicht warm. Was war denn beim Rauchen am Schloss so anders, dass es da warm wurde? Ich will nichts kaufen, will ihm aber trotzdem etwas dalassen und sehe mich nach einer Kaffeekasse um. Es gibt keine. Ich lege ein paar Münzen auf den Tisch. Der Zwerg gibt mir zu verstehen, dass ich sie nicht hierlassen soll. Er ist dabei nicht streng oder mahnend. Eher so wie Leute, die selbst keinen Alkohol trinken, einem am Ende einer Party sagen, dass man das übrige Bier mit nach Hause nehmen kann.

Noch so viel zu tun

Ich housesitte für meinen Kumpel Bert. Er ist mit Webprogrammierung reich geworden und hat ein riesiges Haus am Waldrand. Manchmal kommen Rehe in seinen Garten und schauen neugierig zur Terrasse. Zu seiner eigenen Unterhaltung hat er einen Roboter mit einer künstlichen Intelligenz gebaut. Der Roboter kümmert sich darum, dass die Fenster bei Regen zu sind. Die regelmäßig kommende fröhliche Polin (Kroatin? Bulgarin?) putzt und bügelt. Ich muss also nichts tun, außer vielleicht aufzupassen, dass nicht eingebrochen wird. In der ersten Nacht rollt der Roboter zu mir und beschwert sich, dass das Traum-Programm aus ist. Ich rufe Bert an und erfahre, dass er für den Roboter einen Algorithmus programmiert hat, der zufällige Träume ausgibt. Das muss allerdings von Hand angeschaltet werden.
‚Ausgeschlossen‘, denke ich und lasse den Roboter traumlos. Es ist ein warmer Sommer. Am nächsten Tag rufe ich Juli an. Wir kennen uns seit Jahren und knutschen so seit einem Jahr. Ich weiß nicht, wie sie wirklich heißt, vielleicht heißt sie ja tatsächlich „Juli“, und als sie ankommt, fragt sie mich auch nicht, warum ich gerade in diesem Haus bin. Wir knutschen ein bisschen auf dem Sofa herum.

Anschließend dreht sie sich einen Joint. Ich erzähle ihr von dem Traumprogramm des Roboters.
„Gönn ihm das doch“, sagt Juli.
Dass ausgerechnet Juli, die nach dem Knutschen nie kuscheln will und bislang jedes Angebot, auch mal etwas anderes zu tun (Essen gehen, Kino, Freibad) abgelehnt hat, von Gönnen redet, ärgert mich: „Ausgerechnet Du redest vom Gönnen?“
„Das ist eine sehr erwachsene Bemerkung“, entgegnet sie und werkelt weiter an der Tüte herum.
Wir schweigen ein bisschen. Ich höre den Roboter im ersten Stock irgendetwas machen.
„Schschsch…“, sage ich.
„Schoschoschoscho…“, sagt sie.
„Schonschonschonschon…“, sage ich.
„Schon gut“, sagt sie.
Ich bin dankbar, dass wir dieses Versöhnungsritual haben. Seitdem wir das eingeführt haben, geraten wir nicht mehr in so Sackgassen-Streite.

Sie zündet sich den Joint an, zieht ein paar Mal daran und hält ihn mir hin. Ich lehne mich vor, greife danach und werde sofort aufgeregt als sich unsere Finger berühren. Wie kann es sein, dass man sich den krassesten Perversionen hingibt und es dann trotzdem tausendfach heißer ist, wenn sich beim den-Joint-rüberreichen die Hände, nein, noch nicht mal die Hände, nur die Fingerspitzen, zufällig berühren? Juli schielt mir in den Schritt und fragt: „Oh, nächste Runde?“ Aber nein, nein, ich will jetzt nicht.

Anschließend bingen wir die neue Stranger Things-Staffel. Juli wirkt überhaupt nicht bekifft. Ihr scheint die Serie ganz gut zu gefallen; das Kinn auf das hochgestellte Knie gestützt schaut sie aufmerksam zu. Ich dagegen bin zu breit, um der Handlung zu folgen und schlafe immer wieder ein. Wir sind immer noch nackt. Hätte ich auf der Couch etwas unterlegen sollen? Jetzt ist es eh zu spät. Die Polin wird sich darum kümmern (als sie heute morgen kam und das Chaos sah, sagte sie „Du Schwajnchen!“ zu mir, lachte dabei aber).

Keine Ahnung

Ich bin am Strand. Ein Ork-Pärchen sonnt sich neben mir. Sie haben leichte Lederschürzen um die Hüften. Die Stellen, an denen sie sonst Rüstung tragen, zeichnen sich als helles Negativbild auf ihrer dicken, dunkelgrünen Haut ab.
Am Wasser kniet ein Greif und baut eine Sandburg. Sie fällt dauernd zusammen, weil er zur Deko Steine an die Türme legt. Die Türme sind aber zu schmal dafür und fallen, be-Stein-t, zwangsläufig um und auf die Burg drauf. Er sollte stattdessen die Muscheln nehmen, die, anscheinend vorher gesammelt, in einem schönen kleinen Haufen neben ihm liegen. Ich stehe auf und gehe auf ihn zu. Ich laufe an drei Elfen vorbei. Sie sind ausgesprochen hübsch, ganz nackt und haben sich so sehr mit Sonnencreme eingecremt, dass sie glänzen. Ich laufe ein bisschen langsamer und schiele zu ihnen rüber. Bei genauerer Betrachtung sind sie nicht ganz nackt, sondern tragen, jeweils links, eine breite goldene Knöchelkette. Vielleicht als Mode-Accossoire. Ich glaube, Gold wird in der Hitze nicht ganz so heiß. Andererseits: Ausgerechnet das, ausgerechnet hier? Vielleicht sind es Zauberketten, die einen die Gestalt wechseln lassen, solange man sie trägt. Ist es so was? Nein, Quatsch. Diese prätentiösen Prinzessinnen wollen nur auffallen.

Eine von ihnen kratzt sich die ganze Zeit am Knöchel. Vielleicht hat sie etwas gestochen. Sie kommt anscheinend wegen der Kette nicht an den Stich. Sie beugt sich vor und will die Schnalle lösen, da packt die Elfe neben ihr ihr böse an den Oberarm, formt mit den Lippen das Wort „Wehe!“ und zieht sie zurück. Die mit dem Stich wirkt ein bisschen jünger als die beiden anderen. Vielleicht mussten sie sie mitnehmen und wären lieber unter sich. Hmmh. Ich schaue zurück zum Greif. Seine Sandburg ist wieder kaputt und er setzt an, sie erneut aufzurichten. Ich werde ihm sagen, dass seine Sandburg scheiße aussieht und/oder dass er scheiße aussieht. Vielleicht prügeln wir uns dann, das wäre doch was. Ich fühle mich in letzter Zeit so fett und nutzlos und Schlägereien machen, dass man sich irgendwie lebendiger, frischer fühlt. Ich gehe auf ihn zu. „Ich werde gleich sagen“, denke ich mir, „die Sandburg passt ja prima zu Dir, denn sie sieht scheiße aus.“ Ich stelle mich zwischen ihn und die Sonne.

„Oh, ein Greif“, sagt der Greif.
„Was?“, sage ich.
„Ich dachte, Du würdest sagen, ‚oh, ein Greif‘. Das sagen die meisten. Aber das war es nicht. Du wolltest was anderes von mir. Vielleicht nach dieser Sandburg fragen?“
„Was?“ Ich bin ein bisschen aus dem Konzept geraten. Ich schaue wieder zu den Elfen. Die jüngere ist allein, die beiden anderen sind gerade am Kiosk und kaufen bei einem träge aussehenden Steintroll Eis. Die dritte dreht sich weg und greift nach ihrem Knöchelkettchen.
Der Greif folgt meinem Blick. „Möchtest Du wissen“, fragt er, „warum ich diese Sandburg so baue wie ich sie baue oder sehen in was sich die ‚Elfe‘ gleich zurückverwandeln wird?“

im Juni, jeden Juni

Es ist tief nachts, als ich durch eine Wüste gehe. Der Mond hebt sich klar vom blauschwarzen Himmel ab. Ich komme zu einem mesopotamischen Tempel. Er leuchtet von innen, in einem seltsam unwirklichen, stetig die Farbe wechselnden Licht. Ich trete ein. Dort sitzt ein … ja, was? Idol? Eine Gottheit? Ein Götze? Jedenfalls jemand Durchtrainiertes. Er trägt einen knöchellangen Rock aus festem Stoff und Ledersandalen und hat den Kopf eines Vogels, vielleicht den eines Adlers. Es gibt so eine Ehr-Erbietungsformel, mit der man Leute wie ihn begrüßt. Wie ging die nochmal? Sa … Satakun … Satakun-irgendwas. Um das Handgelenk hat er eine auffallend schöne Blume gebunden. Wo hat er die, hier in der Wüste, her? Als er mich sieht, steht er auf und wirft dabei einen Korb aus Schilfrohr um, der zu seinen Füßen stand. Lauter Tannzapfen fallen heraus. Ich fange an, sie aufzuheben. Krass, wie viele es sind, man hätte gar nicht gedacht, dass die alle in diesen kleinen Korb passen. Wo ist der Korb eigentlich? Der Boden scheint größer geworden zu sein. Beim Einsammeln der Zapfen fällt mir auf, dass der Boden über und über mit Text in Keilschrift bedeckt ist. Manche Glyphen sind fast einen Zentimeter tief in den Stein geritzt. Jemandem war es anscheinend sehr wichtig, etwas festzuhalten. Jetzt kann es allerdings niemand mehr entziffern, schade.

Erst als fast alle eingesammelt sind, fällt mir auf, dass ich die letzten paar zwischen den Beinen von Tanzenden aufgelesen habe und dass, wohl schon eine ganze Weile, Musik läuft. Ich stehe auf. Um mich herum sind viele Menschen, die alle aufhören zu tanzen als sie mich sehen. Sie sind ganz jung und wirken, auf mich, irgendwie zerbrechlich. Das Licht, das ich am Anfang unwirklich fand, ist jetzt harmlos-neonfarben. Alle schauen mich ausgesprochen überrascht an, aber nicht unfreundlich, im Gegenteil: Sie scheinen mir sehr zugewandt zu sein. „Satakun alshams maeak“, sagt jemand zu mir. Während ich zur Tür gehe, sagen es alle, denen ich begegne. Was antwortet man darauf? Ich nicke ihnen zu. Ich trete durch die Ausgangstür, das ist die, durch die ich auch gekommen bin, aber etwas hat sich verändert, denn diese hier führt zu einem Flur, wo Jacken und Taschen hängen. Eine weitere Tür führt zu einer Toilette.

Ich gehe zum Waschbecken, trinke eine Handvoll Wasser und bemerke, dass ich an meinem linken Handgelenk eine Blume habe. Ich traue mich nicht, in den Spiegel zu schauen.

Dante 3

Ich fahre eine Weile über Landstraßen, an riesigen Rapsfeldern vorbei, hin und wieder durch Baumalleen und zwischen Wiesen mit entspannt zu mir blickenden Kühen.
Ich komme schließlich bei einer Brauerei an, zu der ein Biergarten gehört. Ich parke und gehe rüber. Die meisten Tische sind unbesetzt, aber nicht alle. Ich setze mich an einen ganz am Rande. Von hier aus kann man eine Burgruine sehen, die in Sichtweite, auf einem kleinen Hügel, steht. Während ich dasitze, entruiniert sie sich. Es steigen Steinblöcke und Ziegel auf und formen Mauern, Fenster, Dächer. Das passiert ganz langsam, aber unaufhörlich. Es ist als würde man einen Minutenzeiger beobachten. Ein Kellner kommt und bringt mir ein großes Bier.
„Ich wurde als Botschafter hergeschickt“, sage ich, „ich habe einen Ausweis dabei“ und greife in meine Tasche, doch der Kellner winkt ab.
„Schon ok“, sagt er.
„Ich könnte eine Waffe dabei haben. Haben Sie keine Angst?“
„Nein“, antwortet er, lächelt mir zu und geht.
Ich weine ein bisschen, zünde mir eine Kippe an und schaue zu, wie deren blauer Rauch in den noch viel, viel blaueren – und dabei vollkommen wolkenlosen – Himmel steigt.

Dante 1

Der höchste Oberteufel hat sich erschossen. Ich sehe es, als ich ihn in seinem Büro besuche. Er sitzt an seinem Schreibtisch, der Kopf liegt auf der Tischplatte, neben sich ein Revolver. Würde ich mich umbringen, würde ich mir auch in den Kopf schießen, wie glücklich wäre man, wenn man bloß nicht die ganze Zeit denken müsste. Ich hebe sachte seinen schuppigen Körper an den Schultern hoch, aber, nein, keine Chance, der ist auf jeden Fall tot. Ich lege ihn zurück. In der Tür steht ein erschrockener junger Dämon. „Ich … ich habe nichts gesehen!, sagt er hastig, „ich gehe sofort wieder. Ich werde niemanden etwas sagen!“ Hinter ihm taucht ein höherrangiger Teufel auf und schlägt ihm auf den Kopf. „Dummkopf“, sagt er zu dem jungen Dämon und stößt ihn aus dem Weg. Er fixiert mich: „Das war ein großer Fehler.“ „Ich bin hier vielleicht zwei Minuten länger als Du da. Er war schon so, als ich hier ankam“, verteidige ich mich. „Lügen!“, sagter der Teufel, „Du warst mir schon immer ein Dorn im Auge. Du hättest nie hierher kommen sollen. Und jetzt wirst Du nicht mehr herauskommen.“ Er tritt auf mich zu, aber ich hebe die Waffe auf und richte sie auf ihn. Wie alle, die im innersten Kreis der Hölle arbeiten, hat er keine Rüstung an noch ist er bewaffnet – warum auch? Wenn man hier ist, braucht man keine. Er bleibt stehen. „Los, drück ab“, sagt er, „gleich wird hier der nächste hereinkommen. Wie viele Kugeln sind da noch drin?“
Leider hat er recht.
Mmmmh.
Was könnte man noch tun? Ich drücke einen in der Tischplatte eingelassenen Knopf und eine Bedienungskonsole klappt auf. „Es gibt eine Sache, die ich tun könnte“, sagte ich und klicke auf die Shut-Down-App. Ein neues Fenster geht auf. „This Action Can Not Be Undone. Are You Sure?“ Ja, bin ich. Der Teufel hat sofort begriffen, was ich vorhabe. „Wehe!, Du Schwein“, sagt er. Ein zweites Fenster geht auf: „This Will Set Hell Free. Do You Really Want To Do This?“ Ja, muss ich. Sonst komme ich hier nicht raus. Ein Passwort-Satz wird erfragt. Hmmmh. Wenn er sehr betrunken oder sehr traurig war, sang der Oberteufel manchmal eine Zeile aus einem obskuren Disco-Hit vor sich hin: My sign is vital, my hands are cold. Es passt – toll. Ein paar Sekunden lang passiert nichts, ich befürchte schon, dass es nicht geklappt hat und ich jetzt doch noch hier umkomme. Dann aber hören wir wie irgendwo ein Gatter hochgezogen wird sowie das Geräusch, dass aufspringende Türschlösser machen, so eine Art klack, klack, klack – immer schneller werdend.
„DU DÄMLICHER SCHWACHKOPF! DU WEIßT NICHT, WAS DU DA ANGERICHTET HAST!!!“, schreit er mir zu, kochend vor Wut, und rennt raus. Er wird wohl versuchen, den Schaden zu begrenzen, das kann er
aber vergessen, das wird zentral gesteuert und lässt sich jetzt eh nicht mehr ungeschehen machen.

Ich spaziere ein bisschen umher. Überall sind die Tore und Türen auf, bis auf eine, die letzte, die noch innerhalb des innersten Kreises ist. Ich gehe rein. Dort ist eine Dunkelelfe, die sich von einem Oger lieben lässt. Als er mich reingehen sieht, lässt er von ihr ab.
„Habe ich gesagt, dass Du aufhören sollst?“, fragt die Elfe und sticht ihm mit ihren langen, schönen Fingern in die Augen, worauf er vor Schmerzen aufheult. Sie wendet sich zu mir: „Ach, Du bist es. Was willst Du, Mensch?“
„Der Oberteufel ist tot. Die Auflösung der Hölle wurde eingeleitet. Ihr könnt gehen“, sage ich.
„Ich bin hier noch nicht fertig“, sagt sie.
„Ich finde es übrigens scheiße, dass Ihr immer ‚Mensch‘ zu mir sagt. Ich habe auch einen Namen.“
„Kennst Du meinen?“
„… nein“, gebe ich zu.
„Na also.“
Wir hören, wie draußen etwas großes runterfällt.
„Willst Du hier einsteigen?“, fragt die Elfe.
„Mit Dir oder mit ihm?“
Sie schaut mich kurz verwirrt an, denkt, ich hätte einen Witz gemacht und lacht schallend auf.

Es ist überall ganz leer. Ich gehe gerne durch diese leeren Räume. Woher kommt dieses tiefe Grummel-Geräusch, das ich dauernd höre? Egal. Ich gehe in einen anderen Raum. Hier ist ein Troll angekettet. Er hat wohl gemerkt, dass alle Türen auf sind und weil er die Kette nicht loskriegt, ist er gerade dabei, sich die Arme abzubeißen. Einen hat er schon ab, der andere hängt nur noch an einem dünnen Stück Fleisch. Ein Biss noch, nein, doch nicht, nochmal beißen, jetzt ist er ab. Er beachtet mich nicht und will zur Tür, bleibt aber erschrocken stehen, als darin ein Engel auftaucht. „Keine Sorge“, sagt der zu dem Troll, „ich tue Dir nichts.“ Der Engel berührt ihn an den blutigen Stummeln und dem Troll wachsen die Arme nach. „Danke“, sagt er mit der seiner Art eigenen seltsam tiefen Stimme und läuft weg.
„Ich bin der Botschafter Edens in der Hölle“, stellt sich der Engel mir vor. Ich erinnere mich, dass der Oberteufel ihn mal erwähnt hat. Gibt es auch einen Botschafter der Hölle im Himmel?
„Ich weiß nicht was passiert ist“, fährt er fort, „aber die Käfige sind aufgegangen. Alle sind zum Ausgang gerannt. Sie hätten bei mir vorbeikommen sollen. Ich hätte ihre Wunden geheilt.“
„Du hättest ja auch zum Eingang gehen können.“
Der Engel sagt nichts dazu. Vielleicht ist ihm bislang wirklich einfach nicht eingefallen. Stattdessen sagt er: „Du bist bitter. Ich könnte Dein Herz heilen“, streckt seine Hand nach mir aus. „Nein!“, ich weiche zurück. Ich will das nicht.
„Hier in der Nähe des innersten Kreises sind eh nur die außergewöhnlichen Fälle. Ich gehe mal zu den Lagern, da gibt es mehr, was ich tun kann“, sagt er und verschwindet.

Ich gehe in die entgegengesetzte Richtung. Ich stoße auf eine große Halle, wo ein Tentakelmonster alleine dasitzt und alles kaputthaut. Systematisch und ruhig: Folterbänke und Waffen, aber auch Stühle und Deko. Es nimmt sich einen Gegenstand und schmettert ihn so lange gegen den Boden bis nur noch Splitter übrig sind.
Das Geräusch, dass schon die ganze Zeit zu hören war, schwillt an und jetzt begreife ich was es ist: Es sind die Schritte von den Tausenden und Abertausenden, die sich auf den Weg gemacht haben. Es spaziert sich ganz angenehm durch diese sich leerende, leere Hölle. Ich komme schließlich zu der Mauer, gehe hoch und laufe zwischen den Zinnen umher. Unten auf dem Parkplatz steht nur ein einziges Auto.
Ich könnte auch einfach hier bleiben.