Dante 1

Der höchste Oberteufel hat sich erschossen. Ich sehe es, als ich ihn in seinem Büro besuche. Er sitzt an seinem Schreibtisch, der Kopf liegt auf der Tischplatte, neben sich ein Revolver. Würde ich mich umbringen, würde ich mir auch in den Kopf schießen, wie glücklich wäre man, wenn man bloß nicht die ganze Zeit denken müsste. Ich hebe sachte seinen schuppigen Körper an den Schultern hoch, aber, nein, keine Chance, der ist auf jeden Fall tot. Ich lege ihn zurück. In der Tür steht ein erschrockener junger Dämon. „Ich … ich habe nichts gesehen!, sagt er hastig, „ich gehe sofort wieder. Ich werde niemanden etwas sagen!“ Hinter ihm taucht ein höherrangiger Teufel auf und schlägt ihm auf den Kopf. „Dummkopf“, sagt er zu dem jungen Dämon und stößt ihn aus dem Weg. Er fixiert mich: „Das war ein großer Fehler.“ „Ich bin hier vielleicht zwei Minuten länger als Du da. Er war schon so, als ich hier ankam“, verteidige ich mich. „Lügen!“, sagter der Teufel, „Du warst mir schon immer ein Dorn im Auge. Du hättest nie hierher kommen sollen. Und jetzt wirst Du nicht mehr herauskommen.“ Er tritt auf mich zu, aber ich hebe die Waffe auf und richte sie auf ihn. Wie alle, die im innersten Kreis der Hölle arbeiten, hat er keine Rüstung an noch ist er bewaffnet – warum auch? Wenn man hier ist, braucht man keine. Er bleibt stehen. „Los, drück ab“, sagt er, „gleich wird hier der nächste hereinkommen. Wie viele Kugeln sind da noch drin?“
Leider hat er recht.
Mmmmh.
Was könnte man noch tun? Ich drücke einen in der Tischplatte eingelassenen Knopf und eine Bedienungskonsole klappt auf. „Es gibt eine Sache, die ich tun könnte“, sagte ich und klicke auf die Shut-Down-App. Ein neues Fenster geht auf. „This Action Can Not Be Undone. Are You Sure?“ Ja, bin ich. Der Teufel hat sofort begriffen, was ich vorhabe. „Wehe!, Du Schwein“, sagt er. Ein zweites Fenster geht auf: „This Will Set Hell Free. Do You Really Want To Do This?“ Ja, muss ich. Sonst komme ich hier nicht raus. Ein Passwort-Satz wird erfragt. Hmmmh. Wenn er sehr betrunken oder sehr traurig war, sang der Oberteufel manchmal eine Zeile aus einem obskuren Disco-Hit vor sich hin: My sign is vital, my hands are cold. Es passt – toll. Ein paar Sekunden lang passiert nichts, ich befürchte schon, dass es nicht geklappt hat und ich jetzt doch noch hier umkomme. Dann aber hören wir wie irgendwo ein Gatter hochgezogen wird sowie das Geräusch, dass aufspringende Türschlösser machen, so eine Art klack, klack, klack – immer schneller werdend.
„DU DÄMLICHER SCHWACHKOPF! DU WEIßT NICHT, WAS DU DA ANGERICHTET HAST!!!“, schreit er mir zu, kochend vor Wut, und rennt raus. Er wird wohl versuchen, den Schaden zu begrenzen, das kann er
aber vergessen, das wird zentral gesteuert und lässt sich jetzt eh nicht mehr ungeschehen machen.

Ich spaziere ein bisschen umher. Überall sind die Tore und Türen auf, bis auf eine, die letzte, die noch innerhalb des innersten Kreises ist. Ich gehe rein. Dort ist eine Dunkelelfe, die sich von einem Oger lieben lässt. Als er mich reingehen sieht, lässt er von ihr ab.
„Habe ich gesagt, dass Du aufhören sollst?“, fragt die Elfe und sticht ihm mit ihren langen, schönen Fingern in die Augen, worauf er vor Schmerzen aufheult. Sie wendet sich zu mir: „Ach, Du bist es. Was willst Du, Mensch?“
„Der Oberteufel ist tot. Die Auflösung der Hölle wurde eingeleitet. Ihr könnt gehen“, sage ich.
„Ich bin hier noch nicht fertig“, sagt sie.
„Ich finde es übrigens scheiße, dass Ihr immer ‚Mensch‘ zu mir sagt. Ich habe auch einen Namen.“
„Kennst Du meinen?“
„… nein“, gebe ich zu.
„Na also.“
Wir hören, wie draußen etwas großes runterfällt.
„Willst Du hier einsteigen?“, fragt die Elfe.
„Mit Dir oder mit ihm?“
Sie schaut mich kurz verwirrt an, denkt, ich hätte einen Witz gemacht und lacht schallend auf.

Es ist überall ganz leer. Ich gehe gerne durch diese leeren Räume. Woher kommt dieses tiefe Grummel-Geräusch, das ich dauernd höre? Egal. Ich gehe in einen anderen Raum. Hier ist ein Troll angekettet. Er hat wohl gemerkt, dass alle Türen auf sind und weil er die Kette nicht loskriegt, ist er gerade dabei, sich die Arme abzubeißen. Einen hat er schon ab, der andere hängt nur noch an einem dünnen Stück Fleisch. Ein Biss noch, nein, doch nicht, nochmal beißen, jetzt ist er ab. Er beachtet mich nicht und will zur Tür, bleibt aber erschrocken stehen, als darin ein Engel auftaucht. „Keine Sorge“, sagt der zu dem Troll, „ich tue Dir nichts.“ Der Engel berührt ihn an den blutigen Stummeln und dem Troll wachsen die Arme nach. „Danke“, sagt er mit der seiner Art eigenen seltsam tiefen Stimme und läuft weg.
„Ich bin der Botschafter Edens in der Hölle“, stellt sich der Engel mir vor. Ich erinnere mich, dass der Oberteufel ihn mal erwähnt hat. Gibt es auch einen Botschafter der Hölle im Himmel?
„Ich weiß nicht was passiert ist“, fährt er fort, „aber die Käfige sind aufgegangen. Alle sind zum Ausgang gerannt. Sie hätten bei mir vorbeikommen sollen. Ich hätte ihre Wunden geheilt.“
„Du hättest ja auch zum Eingang gehen können.“
Der Engel sagt nichts dazu. Vielleicht ist ihm bislang wirklich einfach nicht eingefallen. Stattdessen sagt er: „Du bist bitter. Ich könnte Dein Herz heilen“, streckt seine Hand nach mir aus. „Nein!“, ich weiche zurück. Ich will das nicht.
„Hier in der Nähe des innersten Kreises sind eh nur die außergewöhnlichen Fälle. Ich gehe mal zu den Lagern, da gibt es mehr, was ich tun kann“, sagt er und verschwindet.

Ich gehe in die entgegengesetzte Richtung. Ich stoße auf eine große Halle, wo ein Tentakelmonster alleine dasitzt und alles kaputthaut. Systematisch und ruhig: Folterbänke und Waffen, aber auch Stühle und Deko. Es nimmt sich einen Gegenstand und schmettert ihn so lange gegen den Boden bis nur noch Splitter übrig sind.
Das Geräusch, dass schon die ganze Zeit zu hören war, schwillt an und jetzt begreife ich was es ist: Es sind die Schritte von den Tausenden und Abertausenden, die sich auf den Weg gemacht haben. Es spaziert sich ganz angenehm durch diese sich leerende, leere Hölle. Ich komme schließlich zu der Mauer, gehe hoch und laufe zwischen den Zinnen umher. Unten auf dem Parkplatz steht nur ein einziges Auto.
Ich könnte auch einfach hier bleiben.

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Dante 2

Ich habe mir schon oft vorgenommen, mal zur Hölle zur fahren und mir dort alles anzusehen. Nie gemacht, immer zu faul, aber nachdem mir ein paarmal auffiel, dass ich schon wieder einen ganzen Tag auf der Couch lag und Youtube-Videos geschaut habe („In der Zeit hättest Du locker hinfahren, besichtigen und zurückfahren können und hättest dann trotzdem noch genug Zeit, um Dich abends zu betrinken“, dachte ich mir, unzufrieden), markierte ich mir im Kalender einen Samstag, wo ich es auf jeden Fall mache und als der kam, stand ich früh auf und fuhr los.

Ich habe schon fast alle an der Tanke geholten Snacks gegessen, als ich auf die Schnellstraße zur Hölle abbiege, aber von hier aus ist es nicht mehr weit.
Es sind vier Spuren auf beiden Seiten. Auf meiner Seite, also zur Hölle hin, fahre ich ganz alleine. Auf der anderen Seite, von der Hölle weg, ist alles voll und alle rasen wahnsinnig schnell. Ich fahre an einer digitalen Anzeige vorbei, auf der steht: „Momentan sind NULL Folterplätze belegt“. Null? Nicht ein einziger? Komisch.

Der Verkehr auf der Gegenspur wird immer zäher, ich habe aber auch mal gelesen, dass es Staus gibt, die sich (nicht nach hinten, sondern) nach vorne verlängern. Leute auf der Gegenfahrbahn winken mir zu, aber so „Kehr um!“-mäßig, wie wenn man jemandem deutlich machen will, dass er gerade falsch herum in eine Einbahnstraße fährt.
An mir fährt langsam ein Jeep mit Monstern vorbei. Eines derjenigen, die auf der Rückbank sitzen, kurbelt das Fenster herunter, ruft mir etwas zu, ich höre es nicht was, und verschränkt dann das-was-bei-einem-Menschen-an-dieser-Stelle-Unterarme-wären zu dem „Unmöglich“-Zeichen.

Ich bin ein bisschen vom Ziel entfernt, als der Verkehr auf dem von der Hölle wegführenden Fahrbereich ganz zum Stehen kommt. Dafür können dann Leute dazwischen laufen. In manchen Autos sitzt niemand mehr, was aber dumm ist, weil die dahinter dann erst recht nicht mehr voran kommen. Naja.

Diejenigen, denen die Beine abgeschnitten wurden, werden von denen getragen, die noch Beine haben. Für welche Sünde werden einem in der Hölle zur Strafe die Beine abgeschnitten? Vielleicht für Feigheit. Sowas wird ganz prima in dem „Reiseführer: Hölle“ beschrieben, der allerdings nicht so prima zu Hause vergessen wurde. Seltsam zu sehen, wie hier Peiniger und Gepeinigte zusammen rausgehen.

Eine Scheußlichkeit, viel größer als die Autos, schlängelt sich vorbei. Ich habe mal eine Doku über sie gesehen, ganz cool, schon ihren Namen auszusprechen gilt als Gotteslästerung und sie war seit kurz nach der Erschaffung der Welt angekettet. Nun zieht sie den Ketten, über deren lose Enden dauernd Leute stolpern, hinter sich her. Wie ist sie sie losgeworden? Ich bleibe kurz stehen, mitten auf der Schnellstraße, was aber egal ist, denn auf meiner Fahrbahn ist hinter mir eh niemand. Sie merkt, dass ich sie anstarre, grinst mir zu und entblößt dabei ein Maul voller langer Zähne, sie sind immer noch scharf und angsteinflößend, aber sie haben alle abgebrochene Spitzen. Hat sie etwas durchgebissen?

Ein schwarzer Drache fliegt dicht über die Autos hinweg. Er fliegt niedrig und als er an mir vorbeikommt, sehe ich, warum: Auf ihm sitzen Leute, dicht an dicht, auch andere kleinere Drachen. Andere steigen auf die Dächer ihrer Autos und versuchen seine Klauen und seinen Schwanz zu greifen, auf dass er sie mitnehme.
Habe ich etwas übersehen?
Ich würde gerne rechts ranfahren und auf dem Handy nachschauen, ob irgendetwas für die Hölle gerade angesagt wurde, ob es eine Warnmeldung gibt oder so. Gleichzeitig denke ich „Jetzt muss Du Dich aber auch beeilen, was auch immer es ist, wenn Du Dir die Hölle noch anschauen willst, gleich ist es wohl vorbei hiermit“ und habe ja auch schon vorhin bei der Scheußlichkeit angehalten. Also weiter.

Ich erreiche den Parkplatz der Hölle und jeder einzige Platz ist frei. Ich halte mich erst an die Wegmarkierung, dann fällt mir auf, dass ich das ja nicht machen muss und fahre quer über die leeren Parkplätze, in gerader Linie aus das Höllentor zu. Ich parke direkt davor. Aus dem Tor kommen dauernd, ununterbrochen und hektisch Leute heraus gerannt. Daneben steht ein uralter Fährmann und verteilt T-Shirts mit der Aufschrift „I went to hell and all I’ve got is this lousy T-shirt“. Kaum jemand nimmt es, obwohl er immer dazu sagt, dass es gratis ist. Ein Dämon kommt heraus. Vermutlich steht er in der Höllenhierarchie weit oben, denn er trägt eine bronzene Rüstung und bewegt sich zwar schnell, rennt aber nicht. Der Fährmann hält ihm ein Tshirt hin, der Dämon schubst ihn aus dem Weg und geht wortlos weiter. Dabei fallen dem Alten die Tshirts herunter. Stoisch sammelt er sie wieder ein. Ich hebe selbst ein paar auf und gebe sie ihm. Er tut mir ein bisschen leid.
„Na, Sie halten noch Stellung?“, frage ich.
„Ich bin zu alt, um noch wegzugehen. Ich bleibe hier. Nimm ein Tshirt“, sagt er. Ich schaue auf das Tshirt, das er mir hinhält. Zu meiner Überraschung steht darauf nicht der idiotische „I went to hell …“-Spruch, sondern: „Look at my eyes“. Ich schaue auf und blicke den Fährmann an. Was ist mit seinen Augen los? Um sie herum drehen sich tiefrot glühende Kreise. Ich will mich nicht hypnotisieren lassen und konzentriere mich darauf, direkt in seine Pupillen zu sehen, aber er hat keine, es ist als würde man in ein Kaleidoskop blicken.

Nijinsky

Ich fahre mit meinem Bruder von einem Klamotten-Outlet zurück. Er sitzt am Steuer, ich liege auf der Rückbank.
„Ich habe für morgen einen Job angenommen“, erzähle ich.
„An einem Sonntag?“, fragt mein Bruder.
„Ja. Ich weiß nicht so richtig, worum es geht. Und auch nicht, wann ich den überhaupt angenommen habe. Aber ich hatte einen Reminder in meinem Kalender. Und eine Email von denen, in der sie den Termin bestätigten.“
„Aber Du weißt nicht, wann Du das angenommen hast und für wen Du – und was Du – tun sollst?“
„Nein“, sage ich.
„Warst Du betrunken?“, fragt mein Bruder und lacht.

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Ich stehe am Rande eines sehr großen Feldes, zwischen Kameratürmen und hohen Lautsprecherboxen. Ganz früher war das, glaube ich, mal ein Flugplatz. Momentan findet hier hektische Aktivität statt – viele Menschen, alleine oder in Gruppen, die irgendetwas tun; es ist richtig schwarz vor Bewegung und sieht ein bisschen so aus als würden mehrere Jahrmärkte gleichzeitig aufgebaut werden. Weiter draußen werden Zuschauertribünen errichtet.
Auf mich kommt ein kleiner Mann in einem schlecht sitzenden Sakko zu, der mir sagt, er sei Kurt, der Regieassistent, alles sei schon viel zu spät und man könne jetzt nur noch nach vorne fallen. „Morgen ist Generalprobe“, sagt er und wirkt, als würde er gleich schreien. Er zieht mich auf das Feld, in die Menge, in Richtung der Mitte, hinein und wir gehen an etwas vorbei, dass ich von hinten für Steinhaufen hielt. Erst als wir sie hinter uns lassen, sehe ich im Umdrehen, dass es geduldig dastehende Bergtrolle sind. In den Händen halten sie riesige Bottiche. Wenn sie sich bewegen, schwappt Wasser heraus. Wozu sind sie da? Ich will davon ein Foto machen und hole mein Handy raus. Der Regieassistent glaubt, ich würde telefonieren wollen und sagt: „Hier ist kein Netz. Wir haben einen Netzblocker auf voller Stärker laufen. Ansonsten hätten wir Dich auch einfach angerufen. Komm jetzt.“
Wir gehen an Kindern vorbei, irre viel, anscheinend hat man eine ganze Grundschule rekrutiert, die Konfetti in Kanonen schütten und an alten Menschen, die in Gruppen zusammensitzen und Kränze flechten. „Ihr seid immer noch nicht fertig?!?!“, ruft Kurt ihnen entgeistert zu. Er würde, scheint mir, noch ausfallender werden, wenn nicht genau daneben streng dreinblickende, kurzhaarige Amazonen stünden. Wir reichen ihnen nur bis zur Hüfte; sie halten verschiedene Percussion-Instrumente in den Händen. Wir huschen an ihnen vorbei. Irgendwie erwarte ich, dass hier noch eine Bühne ist und wir laufen auch bald an einer vorbei. An zwei Seiten der Bühne sind frei stehende Kameras, an den beiden anderen zwei große Käfige. In dem ist einen ein ganz friedlich wirkender Lindwurm, in dem anderen ist ein Drache, der mit Kopf dauernd gegen die Streben schlägt. Drachen erinnern mich an stets Pferde: Hübsch, aber schon im Normalzustand fast wahnsinnig. Der hier ist kocht vor Wut und wartet offensichtlich darauf, dass jemand einen Fehler macht. Dazwischen läuft auf der Bühne ein Ansager gedankenverloren hin und her und übt anscheinend seinen Text:
„Was tut einem Drachen der Biss einer Schlange?“
Er probiert verschiedene Betonungen aus:
„Was TUT einem Drachen der Biss einer Schlange?
Was tut EINEM DRACHEN der Biss einer Schlange?
Was tut einem Drachen der Biss EINER SCHLANGE?“
„Warum bleibst Du dauernd stehen?!“, sagt Kurt vorwurfsvoll zu mir und drückt mich weiter nach vorne, in die Richtung einer Gruppe von entweder Elfen oder krass schöner Frauen. Dass es hier kein Netz gibt, trifft sie, glaube ich, stärker als die anderen Darsteller: Manche der Elfen blicken ostentativ gelangweilt; aber nicht alle, andere unterhalten sich auch fröhlich. Sie tragen kurze Kleider aus weißem, grobem Stoff und haben bunte Bänder um die Knöchel gebunden. Der Regieassistent schiebt mich weiter und nach einer Weile – dauernd muss man jemanden ausweichen oder aufpassen, dass man nicht auf etwas drauftritt – sind wir anscheinend da. Auf einem abgesteckten freien Platz liegt auf dem Boden ein langes, weißes Banner, daneben sitzt jemand. Er steht auf, als er uns kommen sieht und greift nach einem Rollpinsel.
„So“, sagt Kurt zu mir, „dann sag mal, welchen Text Du mitgebracht hast“
Ah. Ok, das war also die Aufgabe. Ich habe es irgendwie komplett vergessen.
„Du wirst auf jeden Fall einen Text vorlegen, jetzt gleich, sonst beiße ich Dich. Ich bin in einer halben Stunde wieder hier und dann möchte ich sehen, wie ihr mit dem Banner bereits angefangen habt.“
Der Arbeiter mit dem Pinsel sieht mich geduldig an.
Welcher Text würde hierzu passen?
Ich schaue mich um. In der Nähe ist eine ebenfalls freigesteckte Gasse. Zur einen Seite führt sie zu einem Holzstoß, so einem wie sie für Osterfeuer aufgebaut werden. Auf der anderen Seite steht ein junger muskulöser Fakelträger. Er hat lediglich einen, wirklich sehr knappen, Lendenschurz an und ist komplett in grellem, fast neonfarbenem Rot bemalt.
Hmmh. „Keine Hoffnung für Hunde“? Nein. „Hoffnung für Hunde“, vielleicht? „Tanz mit mir!“? „Sonne, neide uns!“?
„Schreib“, sage ich zu dem Mann mit dem Rollpinsel, „‚Das kann man nicht erklären – man kann es nur zeigen.‘
Er schaut auf das noch leere Banner und überlegt, vermutlich, wie groß er die Buchstaben machen kann. Hmmh. Naja. Schon ziemlich groß.

 

Warum nutzt Du das nicht?

Ich sterbe und komme in die Hölle, was mich überhaupt nicht wundert. Ich trete durch ein schweres Tor und stehe eine Weile so da, bis irgendwann ein Dämon zu mir kommt. Er bietet mir an, mir meine Sünden vorzulesen, aber ich lehne ab; ich kann mir schon denken, warum ich hier bin und will es nicht vorgehalten bekommen.
Die Hölle ist im wesentlichen eine rotglühende Steinwüste.
In der Hölle sind wahnsinnig viele Menschen, aber die Hölle ist auch unendlich groß, daher verläuft es sich. Man darf sich aussuchen, ob man sichtbar gequält wird (in Flammen steht, auf einer Folterbank etc.) oder ob man einfach die Schmerzen hat, ohne dass diese auf ein ein konkretes Instrument zurückzuführen sind. Ich entscheide mich für Letzteres, es scheint mir als würde ich damit Zeit sparen, aber wozu?

Egal. Ich freunde mich im Laufe der Zeit mit einem Jesuiten an, der im frühen 18. Jahrhundert in Belgien gelebt hat und spiele regelmäßig Schach mit ihm. Manchmal gehen wir spazieren. Bei einem der Spaziergänge bleiben wir an einem der Höllentore stehen. Daran sind schwere, massive Schlösser.
„Schon krass, dass wir hier so für immer eingesperrt sind“, sage ich zu dem Jesuiten.
„Sag‘ nochmal?“
„Ich meinte, dass es krass ist, dass wir hier so eingesperrt sind. Wie Tiere in einem Zoo, den nie jemand besuchen kommt.“
Er schaut mich verwirrt an, dann begreift er, was ich meine. Er zeigt auf das Tor.
„Was siehst Du da?“
Ich folge seinem Blick. „Ich sehe das härteste Schloss des Universums.“
„Und von welcher Seite?“
„Wie – ‚von welcher Seite‘?“
„Von welcher Seite ist die Hölle verschlossen?“
Ich schaue nochmal hin. Und nochmal. Und nochmal. Und kann es nicht glauben.

Gerne in Deiner Nähe

Ich bin immer noch auf der Suche nach dem Drachen, seiner Höhle und, vor allen Dingen, dem Goldschatz, den er beschützt.
Ich koche vor Wut, hasse diese schwere Rüstung, hasse es, dass ich den Drachen nicht finde und somit nicht schnell ermorden kann und hasse diese ewigen Dreckswälder. Jetzt gerade dämmert es allerdings schon und mir ist nach einer Rast. Ich setze mich an einen See, er ist ruhig und ich mag  wie die Bäume einen respektvollen Abstand zu ihm halten.
Ich will schlafen, kann aber vor Wut nicht die Augen zumachen. Wasser spritzt mir ins Gesicht. Ich schaue auf und sehe, dass etwas im Seerand schwimmt. Ein Wels? Ein großer Karpfen? Ich ziehe mein Schwert und habe vor, es, egal was es ist, zu töten, einfach um genügend zu ent-spannen, um heute Nacht schlafen zu können.
Aus dem Wasser taucht der Kopf einer Frau auf, was mich einen Moment innehalten lässt. Sie sagt nichts. Die Licht der Abendsonne bricht farbig in den Wassertropfen auf ihren nackten Schultern. Entspannt lässt sie sich zurückfallen und spritzt mir mit ihrer Hinterflosse erneut Wasser ins Gesicht.
„Lass das!“, rufe ich ihr zu, „ich bin ein Ritter.“
Sie lacht, hell und fröhlich. „Ein Ritter. So, so. Was machst Du hier, Ritter?“
Ich sage es ihr.
„Schätze, Schätze. Ach, warum bindet Euch Sterbliche Gold so sehr?“
„Nenn‘ mich nicht ‚Sterblicher‘, als seist Du selbst keine. Ich weiß um Meerjungfrauen.“
„Bitter, bitter, Du bist bitter“, sagt sie, schwimmt näher heran und setzt sich auf, ihre obere, menschliche Hälfte ganz aus dem Wasser hebend.
Ich möchte das nicht, aber ich kann nicht wegschauen. Sie ist schön. Unglaublich schön.
„Schwimm‘ mit mir!“, fordert sie mich auf.
Ich versuche, an ihr vorbeizuschielen, zeige auf meine Rüstung und sage: „Ich kann nicht. Ich gehe unter.“

Carpe Faucium

In einer Strandbar, im Urlaub. Die Jungs sind auf der Tanzfläche. Mich nervt die Lasershow. Ich gehe zur Bar und setze mich neben eine Frau in einem dunklen Kleid.
„Noch zwei von diesen hier, bitte“, sage ich zum Barmann und zeige auf das weiße Getränk vor ihr.
„Nicht interessiert“, sagt sie, ohne zu mir zu blicken. Die Getränke werden gebracht.
„Kein Problem“, sage ich und schiebe ihr eines der Gläser ‘rüber, „nimm den Drink und ich bin verschwunden.“
Sie greift nach dem Glas und schaut mich an. Sie hat große, kluge Augen.
„Du bist eine Katze“, stelle ich fest. Sie nimmt einen Schluck.
„Ist das so offensichtlich?“, fragt sie und fügt hinzu, „nein. Ist es nicht.“
Sie denkt einen Moment nach.
„Du bist selbst ein Tier.“
Ich nicke.
„Welches?“, fragt sie.
Ich sage es ihr.
„Ich dachte, Euch gäbe es nicht mehr“.
„Es gibt immer noch viele. Wir haben uns nur … angepasst“, sage ich und zeige ihr, wo der Reißverschluss meiner Menschen-Verkleidung zugeht. Sie schmunzelt.
„Willst Du tanzen?“, frage ich.
Sie zeigt zu den Party-People-n. „Unter diesen …“, fängt sie an, sucht nach einem Wort, findet es nicht und macht stattdessen die ‚Unbeweglich‘-Geste.
„Willst Du morgen mit zum Strand kommen?“
„Ich habe noch keinen Bikini gefunden, der alle meine Nippel verdeckt.“
Ich finde, das klingt aufregend und greife nach ihrer Tatze. Sie dreht sie weg und entblößt dabei ein Tattoo auf ihrem Unterarm.
„Du bist … markiert?“
„Ja“, sagt sie, „das hier“, sie zeigt auf das Tattoo, „ist allerdings etwas anderes. Ein Schmetterling.“

Lebendig nicht zu greifen:
Meine Farben 

fliegen auch.

Sie nimmt meinen Arm, fährt eine Kralle aus und beginnt, eine Nummer in meine Haut zu ritzen.
„Ich ruf‘ Dich an“, sage ich, als sie fertig ist und hole das Handy raus.
„Noch nicht jetzt“, erwidert sie. Sie trinkt das Glas aus, das bereits vor ihr stand, das, welches ich ihr bestellt habe und meines auch.

Entschleierung

Das Ende der Welt ist gekommen, ausgelöst durch ein Attentat, nur wenige Meter von dem Café, in dem ich gerade sitze. Anschließend geht alles sehr schnell, Militärfahrzeuge fahren vorbei, anscheinend standen sie schon vorher bereit (wie wären sie sonst so schnell hierher gekommen?). Menschen laufen in die entgegengesetzte Richtung, manche gefasst, manche panisch.
Ich würde diese Szene gerne nochmal erleben, aber aus einer anderen Perspektive
und
diese Bitte
wird mir gewährt.
Ich schließe die Augen und als ich sie wieder öffne, stehe ich auf dem Dach einer Villa. Ein wohlhabender Geschäftsmann, der hier wohnt, hat sich einen kleinen Zoo eingerichtet. Ich gehe zum Rand des Daches und finde bestätigt, das die Schüsse von diesem Ort aus gekommen sein mussten. Die Tiere, fast alles Großkatzen, wirken aufgeregt und bewegen sich unnatürlich. Ein Tierwärter kommt und will sie füttern. Ich will ihn auf die Situation hinweisen, aber er schaut er mich voller Unverständnis an.