Endlich Klarheit

Es ist Nacht. Ich wache davon auf, dass ich höre, dass jemand in meiner Wohnung ist. Ich wohne alleine und niemand außer mir hat einen Schlüssel. Ich höre, wie sich jemand im Flur bewegt. Kopfmäßig weiß ich, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach ein Einbrecher ist, der Fernseher, Geld etc. sucht und dann seiner Wege geht. Trotzdem habe ich Angst, Bauchangst, dass es etwas schlimmeres sein könnte, ein Mörder oder etwas furchtbareres als ein Mörder. Das Wort „Gräuel“ kommt mir in den Sinn. Ich höre, wie sich der Eindringling auf mein Schlafzimmer zubewegt. Er öffnet die Tür. Ich stelle mich schlafend. Bitte geh‘ weg. Bitte, bitte, bitte geh‘ weg. Er bewegt sich nicht laut, aber er gibt sich auch keine Mühe, besonders leise zu sein. Er beobachtet mich anscheinend.
Als mir auffällt, wie kühl, sachlich neugierig er ist, fange ich unwillkürlich an vor Angst zu zittern.

Augen

Mir wird in einem 24-Stunden-offenen Esoterik-Shop eine out-of-body-Erfahrung angeboten. Der Preis ist ganz oK, ich stimme zu.
Ich will mich nachts schlafen sehen und gehe, out-of-body, nur als Seele, in mein Zimmer. Ich sehe, wie ich dort auf dem Bett liege, in zwei Hälften aufgerissen; halbiert wie einer der Hirsche, die von Jägern aufgeschnitten werden, um sie auszuweiden, bevor man ihnen die Haut abzieht. Mehr oder weniger sauber aufgerissen an einer Linie, die am Bauchnabel beginnt, über das Brustbein geht und auf der Stirn endet. Ich gehe um das Bett herum und schaue auf mich. Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, wie nachlässig dieser Körper in zwei Teile gerissen wurde; so als hätte es jemand gemacht, der in großer Eile war.

Carpe Faucium

In einer Strandbar, im Urlaub. Die Jungs sind auf der Tanzfläche. Mich nervt die Lasershow. Ich gehe zur Bar und setze mich neben eine Frau in einem dunklen Kleid.
„Noch zwei von diesen hier, bitte“, sage ich zum Barmann und zeige auf das weiße Getränk vor ihr.
„Nicht interessiert“, sagt sie, ohne zu mir zu blicken. Die Getränke werden gebracht.
„Kein Problem“, sage ich und schiebe ihr eines der Gläser ‘rüber, „nimm den Drink und ich bin verschwunden.“
Sie greift nach dem Glas und schaut mich an. Sie hat große, kluge Augen.
„Du bist eine Katze“, stelle ich fest. Sie nimmt einen Schluck.
„Ist das so offensichtlich?“, fragt sie und fügt hinzu, „nein. Ist es nicht.“
Sie denkt einen Moment nach.
„Du bist selbst ein Tier.“
Ich nicke.
„Welches?“, fragt sie.
Ich sage es ihr.
„Ich dachte, Euch gäbe es nicht mehr“.
„Es gibt immer noch viele. Wir haben uns nur … angepasst“, sage ich und zeige ihr, wo der Reißverschluss meiner Menschen-Verkleidung zugeht. Sie schmunzelt.
„Willst Du tanzen?“, frage ich.
Sie zeigt zu den Party-People-n. „Unter diesen …“, fängt sie an, sucht nach einem Wort, findet es nicht und macht stattdessen die ‚Unbeweglich‘-Geste.
„Willst Du morgen mit zum Strand kommen?“
„Ich habe noch keinen Bikini gefunden, der alle meine Nippel verdeckt.“
Ich finde, das klingt aufregend und greife nach ihrer Tatze. Sie dreht sie weg und entblößt dabei ein Tattoo auf ihrem Unterarm.
„Du bist … markiert?“
„Ja“, sagt sie, „das hier“, sie zeigt auf das Tattoo, „ist allerdings etwas anderes. Ein Schmetterling.“

Lebendig nicht zu greifen:
Meine Farben 

fliegen auch.

Sie nimmt meinen Arm, fährt eine Kralle aus und beginnt, eine Nummer in meine Haut zu ritzen.
„Ich ruf‘ Dich an“, sage ich, als sie fertig ist und hole das Handy raus.
„Noch nicht jetzt“, erwidert sie. Sie trinkt das Glas aus, das bereits vor ihr stand, das, welches ich ihr bestellt habe und meines auch.