Keine Ahnung

Ich bin am Strand. Ein Ork-Pärchen sonnt sich neben mir. Sie haben leichte Lederschürzen um die Hüften. Die Stellen, an denen sie sonst Rüstung tragen, zeichnen sich als helles Negativbild auf ihrer dicken, dunkelgrünen Haut ab.
Am Wasser kniet ein Greif und baut eine Sandburg. Sie fällt dauernd zusammen, weil er zur Deko Steine an die Türme legt. Die Türme sind aber zu schmal dafür und fallen, be-Stein-t, zwangsläufig um und auf die Burg drauf. Er sollte stattdessen die Muscheln nehmen, die, anscheinend vorher gesammelt, in einem hübschen kleinen Haufen neben ihm liegen. Ich stehe auf und gehe auf ihn zu. Ich laufe an drei Elfen vorbei. Sie sind ausgesprochen hübsch, ganz nackt und haben sich so sehr mit Sonnencreme eingecremt, dass sie glänzen. Ich laufe ein bisschen langsamer und schiele zu ihnen rüber. Bei genauerer Betrachtung sind sie nicht ganz nackt, sondern tragen, jeweils links, eine breite goldene Knöchelkette. Vielleicht als Mode-Accossoire. Ich glaube, Gold wird in der Hitze nicht ganz so heiß. Andererseits: Ausgerechnet das, ausgerechnet hier? Vielleicht sind es Zauberketten, die einen die Gestalt wechseln lassen, solange man sie trägt. Ist es so was? Nein, Quatsch. Diese prätentiösen Prinzessinnen wollen nur auffallen.

Eine von ihnen kratzt sich die ganze Zeit am Knöchel. Vielleicht hat sie etwas gestochen. Sie kommt anscheinend wegen des Rings nicht an den Stich. Sie beugt sich vor und will die Schnalle der Kette lösen, da packt die Elfe neben ihr ihr böse an den Oberarm und zieht sie zurück. Die mit dem Stich wirkt ein bisschen jünger als die beiden anderen. Vielleicht mussten sie sie mitnehmen und wären lieber unter sich. Hmmh. Ich schaue zurück zum Greif. Seine Sandburg ist wieder kaputt und er setzt an, sie erneut aufzurichten. Ich werde ihm sagen, dass seine Sandburg scheiße aussieht und/oder dass er scheiße aussieht. Vielleicht prügeln wir uns dann, das wäre doch was. Ich fühle mich in letzter Zeit so fett und nutzlos und Schlägereien machen, dass man sich irgendwie lebendiger, frischer fühlt. Ich gehe auf ihn zu. „Ich werde gleich sagen“, denke ich mir, „die Sandburg passt ja prima zu Dir, denn sie sieht scheiße aus.“ Ich stelle mich zwischen ihn und die Sonne.

„Oh, ein Greif“, sagt der Greif.
„Was?“, sage ich.
„Ich dachte, Du würdest sagen, ‚oh, ein Greif‘. Das sagen die meisten. Aber das war es nicht. Du wolltest was anderes von mir. Vielleicht nach dieser Sandburg fragen?“
„Was?“ Ich bin ein bisschen aus dem Konzept geraten. Ich schaue wieder zu den Elfen. Die jüngere ist allein, die beiden anderen sind gerade am Kiosk und kaufen bei einem träge aussehenden Steintroll Eis. Die dritte dreht sich weg und greift nach ihrem Knöchelkettchen.
Der Greif folgt meinem Blick. „Möchtest Du wissen“, fragt er, „warum ich diese Sandburg so baue wie ich sie baue oder sehen in was sich die ‚Elfe‘ gleich zurückverwandeln wird?“

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im Juni, jeden Juni

Es ist tief nachts, als ich durch eine Wüste gehe. Der Mond hebt sich klar vom blauschwarzen Himmel ab. Ich komme zu einem mesopotamischen Tempel. Er leuchtet von innen, in einem seltsam unwirklichen, stetig die Farbe wechselnden Licht. Ich trete ein. Dort sitzt ein … ja, was? Idol? Eine Gottheit? Ein Götze? Jedenfalls jemand Durchtrainiertes. Er trägt einen knöchellangen Rock aus festem Stoff und Ledersandalen und hat den Kopf eines Vogels, vielleicht den eines Adlers. Es gibt so eine Ehr-Erbietungsformel, mit der man Leute wie ihn begrüßt. Wie ging die nochmal? Sa … Satakun … Satakun-irgendwas. Um das Handgelenk hat er eine auffallend schöne Blume gebunden. Wo hat er die, hier in der Wüste, her? Als er mich sieht, steht er auf und wirft dabei einen Korb aus Schilfrohr um, der zu seinen Füßen stand. Lauter Tannzapfen fallen heraus. Ich fange an, sie aufzuheben. Krass, wie viele es sind, man hätte gar nicht gedacht, dass die alle in diesen kleinen Korb passen. Wo ist der Korb eigentlich? Der Boden scheint größer geworden zu sein. Beim Einsammeln der Zapfen fällt mir auf, dass der Boden über und über mit Text in Keilschrift bedeckt ist. Manche Glyphen sind fast einen Zentimeter tief in den Stein geritzt. Jemandem war es anscheinend sehr wichtig, etwas festzuhalten. Jetzt kann es allerdings niemand mehr entziffern, schade.

Erst als fast alle eingesammelt sind, fällt mir auf, dass ich die letzten paar zwischen den Beinen von Tanzenden aufgelesen habe und dass, wohl schon eine ganze Weile, Musik läuft. Ich stehe auf. Um mich herum sind viele Menschen, die alle aufhören zu tanzen als sie mich sehen. Sie sind ganz jung und wirken, auf mich, irgendwie zerbrechlich. Das Licht, das ich am Anfang unwirklich fand, ist jetzt harmlos-neonfarben. Alle schauen mich ausgesprochen überrascht an, aber nicht unfreundlich, im Gegenteil: Sie scheinen mir sehr zugewandt zu sein. „Satakun alshams maeak“, sagt jemand zu mir. Während ich zur Tür gehe, sagen es alle, denen ich begegne. Was antwortet man darauf? Ich nicke ihnen zu. Ich trete durch die Ausgangstür, das ist die, durch die ich auch gekommen bin, aber etwas hat sich verändert, denn diese hier führt zu einem Flur, wo Jacken und Taschen hängen. Eine weitere Tür führt zu einer Toilette.

Ich gehe zum Waschbecken, trinke eine Handvoll Wasser und bemerke, dass ich an meinem linken Handgelenk eine Blume habe. Ich traue mich nicht, in den Spiegel zu schauen.

Dante 3

Ich fahre eine Weile über Landstraßen, an riesigen Rapsfeldern vorbei, hin und wieder durch Baumalleen und zwischen Wiesen mit entspannt zu mir blickenden Kühen.
Ich komme schließlich bei einer Brauerei an, zu der ein Biergarten gehört. Ich parke und gehe rüber. Die meisten Tische sind unbesetzt, aber nicht alle. Ich setze mich an einen ganz am Rande. Von hier aus kann man eine Burgruine sehen, die in Sichtweite, auf einem kleinen Hügel, steht. Während ich dasitze, entruiniert sie sich. Es steigen Steinblöcke und Ziegel auf und formen Mauern, Fenster, Dächer. Das passiert ganz langsam, aber unaufhörlich. Es ist als würde man einen Minutenzeiger beobachten. Ein Kellner kommt und bringt mir ein großes Bier.
„Ich wurde als Botschafter hergeschickt“, sage ich, „ich habe einen Ausweis dabei“ und greife in meine Tasche, doch der Kellner winkt ab.
„Schon ok“, sagt er.
„Ich könnte eine Waffe dabei haben. Haben Sie keine Angst?“
„Nein“, antwortet er, lächelt mir zu und geht.
Ich weine ein bisschen, zünde mir eine Kippe an und schaue zu, wie deren blauer Rauch in den noch viel, viel blaueren – und dabei vollkommen wolkenlosen – Himmel steigt.

Dante 1

Der höchste Oberteufel hat sich erschossen. Ich sehe es, als ich ihn in seinem Büro besuche. Er sitzt an seinem Schreibtisch, der Kopf liegt auf der Tischplatte, neben sich ein Revolver. Würde ich mich umbringen, würde ich mir auch in den Kopf schießen, wie glücklich wäre man, wenn man bloß nicht die ganze Zeit denken müsste. Ich hebe sachte seinen schuppigen Körper an den Schultern hoch, aber, nein, keine Chance, der ist auf jeden Fall tot. Ich lege ihn zurück. In der Tür steht ein erschrockener junger Dämon. „Ich … ich habe nichts gesehen!, sagt er hastig, „ich gehe sofort wieder. Ich werde niemanden etwas sagen!“ Hinter ihm taucht ein höherrangiger Teufel auf und schlägt ihm auf den Kopf. „Dummkopf“, sagt er zu dem jungen Dämon und stößt ihn aus dem Weg. Er fixiert mich: „Das war ein großer Fehler.“ „Ich bin hier vielleicht zwei Minuten länger als Du da. Er war schon so, als ich hier ankam“, verteidige ich mich. „Lügen!“, sagter der Teufel, „Du warst mir schon immer ein Dorn im Auge. Du hättest nie hierher kommen sollen. Und jetzt wirst Du nicht mehr herauskommen.“ Er tritt auf mich zu, aber ich hebe die Waffe auf und richte sie auf ihn. Wie alle, die im innersten Kreis der Hölle arbeiten, hat er keine Rüstung an noch ist er bewaffnet – warum auch? Wenn man hier ist, braucht man keine. Er bleibt stehen. „Los, drück ab“, sagt er, „gleich wird hier der nächste hereinkommen. Wie viele Kugeln sind da noch drin?“
Leider hat er recht.
Mmmmh.
Was könnte man noch tun? Ich drücke einen in der Tischplatte eingelassenen Knopf und eine Bedienungskonsole klappt auf. „Es gibt eine Sache, die ich tun könnte“, sagte ich und klicke auf die Shut-Down-App. Ein neues Fenster geht auf. „This Action Can Not Be Undone. Are You Sure?“ Ja, bin ich. Der Teufel hat sofort begriffen, was ich vorhabe. „Wehe!, Du Schwein“, sagt er. Ein zweites Fenster geht auf: „This Will Set Hell Free. Do You Really Want To Do This?“ Ja, muss ich. Sonst komme ich hier nicht raus. Ein Passwort-Satz wird erfragt. Hmmmh. Wenn er sehr betrunken oder sehr traurig war, sang der Oberteufel manchmal eine Zeile aus einem obskuren Disco-Hit vor sich hin: My sign is vital, my hands are cold. Es passt – toll. Ein paar Sekunden lang passiert nichts, ich befürchte schon, dass es nicht geklappt hat und ich jetzt doch noch hier umkomme. Dann aber hören wir wie irgendwo ein Gatter hochgezogen wird sowie das Geräusch, dass aufspringende Türschlösser machen, so eine Art klack, klack, klack – immer schneller werdend.
„DU DÄMLICHER SCHWACHKOPF! DU WEIßT NICHT, WAS DU DA ANGERICHTET HAST!!!“, schreit er mir zu, kochend vor Wut, und rennt raus. Er wird wohl versuchen, den Schaden zu begrenzen, das kann er
aber vergessen, das wird zentral gesteuert und lässt sich jetzt eh nicht mehr ungeschehen machen.

Ich spaziere ein bisschen umher. Überall sind die Tore und Türen auf, bis auf eine, die letzte, die noch innerhalb des innersten Kreises ist. Ich gehe rein. Dort ist eine Dunkelelfe, die sich von einem Oger lieben lässt. Als er mich reingehen sieht, lässt er von ihr ab.
„Habe ich gesagt, dass Du aufhören sollst?“, fragt die Elfe und sticht ihm mit ihren langen, schönen Fingern in die Augen, worauf er vor Schmerzen aufheult. Sie wendet sich zu mir: „Ach, Du bist es. Was willst Du, Mensch?“
„Der Oberteufel ist tot. Die Auflösung der Hölle wurde eingeleitet. Ihr könnt gehen“, sage ich.
„Ich bin hier noch nicht fertig“, sagt sie.
„Ich finde es übrigens scheiße, dass Ihr immer ‚Mensch‘ zu mir sagt. Ich habe auch einen Namen.“
„Kennst Du meinen?“
„… nein“, gebe ich zu.
„Na also.“
Wir hören, wie draußen etwas großes runterfällt.
„Willst Du hier einsteigen?“, fragt die Elfe.
„Mit Dir oder mit ihm?“
Sie schaut mich kurz verwirrt an, denkt, ich hätte einen Witz gemacht und lacht schallend auf.

Es ist überall ganz leer. Ich gehe gerne durch diese leeren Räume. Woher kommt dieses tiefe Grummel-Geräusch, das ich dauernd höre? Egal. Ich gehe in einen anderen Raum. Hier ist ein Troll angekettet. Er hat wohl gemerkt, dass alle Türen auf sind und weil er die Kette nicht loskriegt, ist er gerade dabei, sich die Arme abzubeißen. Einen hat er schon ab, der andere hängt nur noch an einem dünnen Stück Fleisch. Ein Biss noch, nein, doch nicht, nochmal beißen, jetzt ist er ab. Er beachtet mich nicht und will zur Tür, bleibt aber erschrocken stehen, als darin ein Engel auftaucht. „Keine Sorge“, sagt der zu dem Troll, „ich tue Dir nichts.“ Der Engel berührt ihn an den blutigen Stummeln und dem Troll wachsen die Arme nach. „Danke“, sagt er mit der seiner Art eigenen seltsam tiefen Stimme und läuft weg.
„Ich bin der Botschafter Edens in der Hölle“, stellt sich der Engel mir vor. Ich erinnere mich, dass der Oberteufel ihn mal erwähnt hat. Gibt es auch einen Botschafter der Hölle im Himmel?
„Ich weiß nicht was passiert ist“, fährt er fort, „aber die Käfige sind aufgegangen. Alle sind zum Ausgang gerannt. Sie hätten bei mir vorbeikommen sollen. Ich hätte ihre Wunden geheilt.“
„Du hättest ja auch zum Eingang gehen können.“
Der Engel sagt nichts dazu. Vielleicht ist ihm bislang wirklich einfach nicht eingefallen. Stattdessen sagt er: „Du bist bitter. Ich könnte Dein Herz heilen“, streckt seine Hand nach mir aus. „Nein!“, ich weiche zurück. Ich will das nicht.
„Hier in der Nähe des innersten Kreises sind eh nur die außergewöhnlichen Fälle. Ich gehe mal zu den Lagern, da gibt es mehr, was ich tun kann“, sagt er und verschwindet.

Ich gehe in die entgegengesetzte Richtung. Ich stoße auf eine große Halle, wo ein Tentakelmonster alleine dasitzt und alles kaputthaut. Systematisch und ruhig: Folterbänke und Waffen, aber auch Stühle und Deko. Es nimmt sich einen Gegenstand und schmettert ihn so lange gegen den Boden bis nur noch Splitter übrig sind.
Das Geräusch, dass schon die ganze Zeit zu hören war, schwillt an und jetzt begreife ich was es ist: Es sind die Schritte von den Tausenden und Abertausenden, die sich auf den Weg gemacht haben. Es spaziert sich ganz angenehm durch diese sich leerende, leere Hölle. Ich komme schließlich zu der Mauer, gehe hoch und laufe zwischen den Zinnen umher. Unten auf dem Parkplatz steht nur ein einziges Auto.
Ich könnte auch einfach hier bleiben.

Dante 2

Ich habe mir schon oft vorgenommen, mal zur Hölle zur fahren und mir dort alles anzusehen. Nie gemacht, immer zu faul, aber nachdem mir ein paarmal auffiel, dass ich schon wieder einen ganzen Tag auf der Couch lag und Youtube-Videos geschaut habe („In der Zeit hättest Du locker hinfahren, besichtigen und zurückfahren können und hättest dann trotzdem noch genug Zeit, um Dich abends zu betrinken“, dachte ich mir, unzufrieden), markierte ich mir im Kalender einen Samstag, wo ich es auf jeden Fall mache und als der kam, stand ich früh auf und fuhr los.

Ich habe schon fast alle an der Tanke geholten Snacks gegessen, als ich auf die Schnellstraße zur Hölle abbiege, aber von hier aus ist es nicht mehr weit.
Es sind vier Spuren auf beiden Seiten. Auf meiner Seite, also zur Hölle hin, fahre ich ganz alleine. Auf der anderen Seite, von der Hölle weg, ist alles voll und alle rasen wahnsinnig schnell. Ich fahre an einer digitalen Anzeige vorbei, auf der steht: „Momentan sind NULL Folterplätze belegt“. Null? Nicht ein einziger? Komisch.

Der Verkehr auf der Gegenspur wird immer zäher, ich habe aber auch mal gelesen, dass es Staus gibt, die sich (nicht nach hinten, sondern) nach vorne verlängern. Leute auf der Gegenfahrbahn winken mir zu, aber so „Kehr um!“-mäßig, wie wenn man jemandem deutlich machen will, dass er gerade falsch herum in eine Einbahnstraße fährt.
An mir fährt langsam ein Jeep mit Monstern vorbei. Eines derjenigen, die auf der Rückbank sitzen, kurbelt das Fenster herunter, ruft mir etwas zu, ich höre es nicht was, und verschränkt dann das-was-bei-einem-Menschen-an-dieser-Stelle-Unterarme-wären zu dem „Unmöglich“-Zeichen.

Ich bin ein bisschen vom Ziel entfernt, als der Verkehr auf dem von der Hölle wegführenden Fahrbereich ganz zum Stehen kommt. Dafür können dann Leute dazwischen laufen. In manchen Autos sitzt niemand mehr, was aber dumm ist, weil die dahinter dann erst recht nicht mehr voran kommen. Naja.

Diejenigen, denen die Beine abgeschnitten wurden, werden von denen getragen, die noch Beine haben. Für welche Sünde werden einem in der Hölle zur Strafe die Beine abgeschnitten? Vielleicht für Feigheit. Sowas wird ganz prima in dem „Reiseführer: Hölle“ beschrieben, der allerdings nicht so prima zu Hause vergessen wurde. Seltsam zu sehen, wie hier Peiniger und Gepeinigte zusammen rausgehen.

Eine Scheußlichkeit, viel größer als die Autos, schlängelt sich vorbei. Ich habe mal eine Doku über sie gesehen, ganz cool, schon ihren Namen auszusprechen gilt als Gotteslästerung und sie war seit kurz nach der Erschaffung der Welt angekettet. Nun zieht sie den Ketten, über deren lose Enden dauernd Leute stolpern, hinter sich her. Wie ist sie sie losgeworden? Ich bleibe kurz stehen, mitten auf der Schnellstraße, was aber egal ist, denn auf meiner Fahrbahn ist hinter mir eh niemand. Sie merkt, dass ich sie anstarre, grinst mir zu und entblößt dabei ein Maul voller langer Zähne, sie sind immer noch scharf und angsteinflößend, aber sie haben alle abgebrochene Spitzen. Hat sie etwas durchgebissen?

Ein schwarzer Drache fliegt dicht über die Autos hinweg. Er fliegt niedrig und als er an mir vorbeikommt, sehe ich, warum: Auf ihm sitzen Leute, dicht an dicht, auch andere kleinere Drachen. Andere steigen auf die Dächer ihrer Autos und versuchen seine Klauen und seinen Schwanz zu greifen, auf dass er sie mitnehme.
Habe ich etwas übersehen?
Ich würde gerne rechts ranfahren und auf dem Handy nachschauen, ob irgendetwas für die Hölle gerade angesagt wurde, ob es eine Warnmeldung gibt oder so. Gleichzeitig denke ich „Jetzt muss Du Dich aber auch beeilen, was auch immer es ist, wenn Du Dir die Hölle noch anschauen willst, gleich ist es wohl vorbei hiermit“ und habe ja auch schon vorhin bei der Scheußlichkeit angehalten. Also weiter.

Ich erreiche den Parkplatz der Hölle und jeder einzige Platz ist frei. Ich halte mich erst an die Wegmarkierung, dann fällt mir auf, dass ich das ja nicht machen muss und fahre quer über die leeren Parkplätze, in gerader Linie aus das Höllentor zu. Ich parke direkt davor. Aus dem Tor kommen dauernd, ununterbrochen und hektisch Leute heraus gerannt. Daneben steht ein uralter Fährmann und verteilt T-Shirts mit der Aufschrift „I went to hell and all I’ve got is this lousy T-shirt“. Kaum jemand nimmt es, obwohl er immer dazu sagt, dass es gratis ist. Ein Dämon kommt heraus. Vermutlich steht er in der Höllenhierarchie weit oben, denn er trägt eine bronzene Rüstung und bewegt sich zwar schnell, rennt aber nicht. Der Fährmann hält ihm ein Tshirt hin, der Dämon schubst ihn aus dem Weg und geht wortlos weiter. Dabei fallen dem Alten die Tshirts herunter. Stoisch sammelt er sie wieder ein. Ich hebe selbst ein paar auf und gebe sie ihm. Er tut mir ein bisschen leid.
„Na, Sie halten noch Stellung?“, frage ich.
„Ich bin zu alt, um noch wegzugehen. Ich bleibe hier. Nimm ein Tshirt“, sagt er. Ich schaue auf das Tshirt, das er mir hinhält. Zu meiner Überraschung steht darauf nicht der idiotische „I went to hell …“-Spruch, sondern: „Look at my eyes“. Ich schaue auf und blicke den Fährmann an. Was ist mit seinen Augen los? Um sie herum drehen sich tiefrot glühende Kreise. Ich will mich nicht hypnotisieren lassen und konzentriere mich darauf, direkt in seine Pupillen zu sehen, aber er hat keine, es ist als würde man in ein Kaleidoskop blicken.