Sternsteppe

Die kalte Nacht schmiegt sich an den spärlich bewachsenen Boden, der von der Tagessonne noch ganz warm ist. Das Lager schläft, jemand hält Wache und vertreibt sich die Zeit, indem er beim Schein eines kleines Dochtes schnitzt. Winde flüstern sich in ihrer kaum verständlichen Sprache Geheimnisse zu. Langsam, ganz langsam, dreht sich die Milchstraße von der Steppe weg und macht anderen Bildern Platz.

 

Endlich Klarheit

Es ist Nacht. Ich wache davon auf, dass ich höre, dass jemand in meiner Wohnung ist. Ich wohne alleine und niemand außer mir hat einen Schlüssel. Ich höre, wie sich jemand im Flur bewegt. Kopfmäßig weiß ich, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach ein Einbrecher ist, der Fernseher, Geld etc. sucht und dann seiner Wege geht. Trotzdem habe ich Angst, Bauchangst, dass es etwas schlimmeres sein könnte, ein Mörder oder etwas furchtbareres als ein Mörder. Das Wort „Gräuel“ kommt mir in den Sinn. Ich höre, wie sich der Eindringling auf mein Schlafzimmer zubewegt. Er öffnet die Tür. Ich stelle mich schlafend. Bitte geh‘ weg. Bitte, bitte, bitte geh‘ weg. Er bewegt sich nicht laut, aber er gibt sich auch keine Mühe, besonders leise zu sein. Er beobachtet mich anscheinend.
Als mir auffällt, wie kühl, sachlich neugierig er ist, fange ich unwillkürlich an vor Angst zu zittern.

Die Erleichterung

Viele Archäologen, und vor ihnen Konquistadoren, haben schon nach dem Armreif von Palenque gesucht, einem Maya-Schatz, der dem Träger, so die Legende, übermenschliche Kraft verleiht. Nach mühsamer Suche findet das Team, dem ich als Übersetzer angehöre, im Dschungel von Guatemala endlich den Tempel, in dem sich der Armreif befindet soll. Im Innersten des Heiligtums steht eine Stele, beschrieben im örtlichen Dialekt des Mayan. Ich lese und übersetze sie. Darauf steht in der quadratischen Schrift, die die alten Maya benutzten, dass es keinen Armreif gibt und die Priester zu Zeiten der Erbauung des Tempels auch nicht wissen, woher diese Legende stammt. Nachdem ich das letzte Wort vorgelesen habe, fangen wir alle zu lachen an und sind irgendwie erleichtert.

Dahinter Kälte

eisfestung

Eine Forschungsstation, weit im Norden. Es schneit ununterbrochen. Drinnen ist es sauber und aufgeräumt, aber es ist keiner da. Die Luft ist so kalt, dass man beim Ausatmen Wolken bildet. Wo sind alle? Ist es überhaupt eine Forschungsstation? Es wirkt von außen wie eine Festung. In den Fluren hängen Schilder mit Diagrammen und langen Erläuterungen, geschrieben in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Ich habe den Eindruck, dass mich aus den verschneiten, kalten Bergen heraus etwas beobachtet.

Zurückhalten

Ich habe oft versucht, mit dem Rauchen aufzuhören und bin immer wieder rückfällig geworden. Diesmal habe ich allen erzählt, dass ich nicht mehr rauche und habe nun den sozialen Druck auch wirklich nicht zu rauchen, wenn ich in Gegenwart von Freunden, Familie oder Kollegen bin. Das heißt, ich rauche nur noch heimlich. Mittlerweile habe ich auch meinen Nachbarn stolz erzählt, dass ich nicht mehr rauche, sodass es nicht mehr reicht, hinters Haus zu gehen, weil die mich dann dort sehen könnten und dann wäre ich jemand, der es nicht geschafft hat, mit dem Rauchen aufzuhören – und das will ich nicht. Abends gehe ich auf lange Spaziergänge am Rande der Stadt, da kenne ich niemanden. Meine Runden werden immer größer, weil ich während eines Spaziergangs ja so viel rauchen muss wie vorher den ganzen Tag über. Meine neue Strecke führt mich an einem Umspannwerk vorbei. Hier stehen ganz viele Strommasten, im Herbst sah es aus, als würden sie ganz oben miteinander reden, jetzt im Winter so, als würden sie gleich umfallen. Ich stelle mich darunter und rauche, es ist spät nachts. Auf einmal kommt aus dem Dunkel von unterhalb eines der Masten jemand. Er trägt eine große Säge, war gerade dabei, sich im Gehen Arbeitshandschuhe auszuziehen und erschreckt sich, als er mich sieht. Nervös schaut er sich um. „Ich rauche nicht mehr“, sage ich, die Kippe in der Hand. moonlight_scene