Dante 1

Der höchste Oberteufel hat sich erschossen. Ich sehe es, als ich ihn in seinem Büro besuche. Er sitzt an seinem Schreibtisch, der Kopf liegt auf der Tischplatte, neben sich ein Revolver. Würde ich mich umbringen, würde ich mir auch in den Kopf schießen, wie glücklich wäre man, wenn man bloß nicht die ganze Zeit denken müsste. Ich hebe sachte seinen schuppigen Körper an den Schultern hoch, aber, nein, keine Chance, der ist auf jeden Fall tot. Ich lege ihn zurück. In der Tür steht ein erschrockener junger Dämon. „Ich … ich habe nichts gesehen!, sagt er hastig, „ich gehe sofort wieder. Ich werde niemanden etwas sagen!“ Hinter ihm taucht ein höherrangiger Teufel auf und schlägt ihm auf den Kopf. „Dummkopf“, sagt er zu dem jungen Dämon und stößt ihn aus dem Weg. Er fixiert mich: „Das war ein großer Fehler.“ „Ich bin hier vielleicht zwei Minuten länger als Du da. Er war schon so, als ich hier ankam“, verteidige ich mich. „Lügen!“, sagter der Teufel, „Du warst mir schon immer ein Dorn im Auge. Du hättest nie hierher kommen sollen. Und jetzt wirst Du nicht mehr herauskommen.“ Er tritt auf mich zu, aber ich hebe die Waffe auf und richte sie auf ihn. Wie alle, die im innersten Kreis der Hölle arbeiten, hat er keine Rüstung an noch ist er bewaffnet – warum auch? Wenn man hier ist, braucht man keine. Er bleibt stehen. „Los, drück ab“, sagt er, „gleich wird hier der nächste hereinkommen. Wie viele Kugeln sind da noch drin?“
Leider hat er recht.
Mmmmh.
Was könnte man noch tun? Ich drücke einen in der Tischplatte eingelassenen Knopf und eine Bedienungskonsole klappt auf. „Es gibt eine Sache, die ich tun könnte“, sagte ich und klicke auf die Shut-Down-App. Ein neues Fenster geht auf. „This Action Can Not Be Undone. Are You Sure?“ Ja, bin ich. Der Teufel hat sofort begriffen, was ich vorhabe. „Wehe!, Du Schwein“, sagt er. Ein zweites Fenster geht auf: „This Will Set Hell Free. Do You Really Want To Do This?“ Ja, muss ich. Sonst komme ich hier nicht raus. Ein Passwort-Satz wird erfragt. Hmmmh. Wenn er sehr betrunken oder sehr traurig war, sang der Oberteufel manchmal eine Zeile aus einem obskuren Disco-Hit vor sich hin: My sign is vital, my hands are cold. Es passt – toll. Ein paar Sekunden lang passiert nichts, ich befürchte schon, dass es nicht geklappt hat und ich jetzt doch noch hier umkomme. Dann aber hören wir wie irgendwo ein Gatter hochgezogen wird sowie das Geräusch, dass aufspringende Türschlösser machen, so eine Art klack, klack, klack – immer schneller werdend.
„DU DÄMLICHER SCHWACHKOPF! DU WEIßT NICHT, WAS DU DA ANGERICHTET HAST!!!“, schreit er mir zu, kochend vor Wut, und rennt raus. Er wird wohl versuchen, den Schaden zu begrenzen, das kann er
aber vergessen, das wird zentral gesteuert und lässt sich jetzt eh nicht mehr ungeschehen machen.

Ich spaziere ein bisschen umher. Überall sind die Tore und Türen auf, bis auf eine, die letzte, die noch innerhalb des innersten Kreises ist. Ich gehe rein. Dort ist eine Dunkelelfe, die sich von einem Oger lieben lässt. Als er mich reingehen sieht, lässt er von ihr ab.
„Habe ich gesagt, dass Du aufhören sollst?“, fragt die Elfe und sticht ihm mit ihren langen, schönen Fingern in die Augen, worauf er vor Schmerzen aufheult. Sie wendet sich zu mir: „Ach, Du bist es. Was willst Du, Mensch?“
„Der Oberteufel ist tot. Die Auflösung der Hölle wurde eingeleitet. Ihr könnt gehen“, sage ich.
„Ich bin hier noch nicht fertig“, sagt sie.
„Ich finde es übrigens scheiße, dass Ihr immer ‚Mensch‘ zu mir sagt. Ich habe auch einen Namen.“
„Kennst Du meinen?“
„… nein“, gebe ich zu.
„Na also.“
Wir hören, wie draußen etwas großes runterfällt.
„Willst Du hier einsteigen?“, fragt die Elfe.
„Mit Dir oder mit ihm?“
Sie schaut mich kurz verwirrt an, denkt, ich hätte einen Witz gemacht und lacht schallend auf.

Es ist überall ganz leer. Ich gehe gerne durch diese leeren Räume. Woher kommt dieses tiefe Grummel-Geräusch, das ich dauernd höre? Egal. Ich gehe in einen anderen Raum. Hier ist ein Troll angekettet. Er hat wohl gemerkt, dass alle Türen auf sind und weil er die Kette nicht loskriegt, ist er gerade dabei, sich die Arme abzubeißen. Einen hat er schon ab, der andere hängt nur noch an einem dünnen Stück Fleisch. Ein Biss noch, nein, doch nicht, nochmal beißen, jetzt ist er ab. Er beachtet mich nicht und will zur Tür, bleibt aber erschrocken stehen, als darin ein Engel auftaucht. „Keine Sorge“, sagt der zu dem Troll, „ich tue Dir nichts.“ Der Engel berührt ihn an den blutigen Stummeln und dem Troll wachsen die Arme nach. „Danke“, sagt er mit der seiner Art eigenen seltsam tiefen Stimme und läuft weg.
„Ich bin der Botschafter Edens in der Hölle“, stellt sich der Engel mir vor. Ich erinnere mich, dass der Oberteufel ihn mal erwähnt hat. Gibt es auch einen Botschafter der Hölle im Himmel?
„Ich weiß nicht was passiert ist“, fährt er fort, „aber die Käfige sind aufgegangen. Alle sind zum Ausgang gerannt. Sie hätten bei mir vorbeikommen sollen. Ich hätte ihre Wunden geheilt.“
„Du hättest ja auch zum Eingang gehen können.“
Der Engel sagt nichts dazu. Vielleicht ist ihm bislang wirklich einfach nicht eingefallen. Stattdessen sagt er: „Du bist bitter. Ich könnte Dein Herz heilen“, streckt seine Hand nach mir aus. „Nein!“, ich weiche zurück. Ich will das nicht.
„Hier in der Nähe des innersten Kreises sind eh nur die außergewöhnlichen Fälle. Ich gehe mal zu den Lagern, da gibt es mehr, was ich tun kann“, sagt er und verschwindet.

Ich gehe in die entgegengesetzte Richtung. Ich stoße auf eine große Halle, wo ein Tentakelmonster alleine dasitzt und alles kaputthaut. Systematisch und ruhig: Folterbänke und Waffen, aber auch Stühle und Deko. Es nimmt sich einen Gegenstand und schmettert ihn so lange gegen den Boden bis nur noch Splitter übrig sind.
Das Geräusch, dass schon die ganze Zeit zu hören war, schwillt an und jetzt begreife ich was es ist: Es sind die Schritte von den Tausenden und Abertausenden, die sich auf den Weg gemacht haben. Es spaziert sich ganz angenehm durch diese sich leerende, leere Hölle. Ich komme schließlich zu der Mauer, gehe hoch und laufe zwischen den Zinnen umher. Unten auf dem Parkplatz steht nur ein einziges Auto.
Ich könnte auch einfach hier bleiben.

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Dante 2

Ich habe mir schon oft vorgenommen, mal zur Hölle zur fahren und mir dort alles anzusehen. Nie gemacht, immer zu faul, aber nachdem mir ein paarmal auffiel, dass ich schon wieder einen ganzen Tag auf der Couch lag und Youtube-Videos geschaut habe („In der Zeit hättest Du locker hinfahren, besichtigen und zurückfahren können und hättest dann trotzdem noch genug Zeit, um Dich abends zu betrinken“, dachte ich mir, unzufrieden), markierte ich mir im Kalender einen Samstag, wo ich es auf jeden Fall mache und als der kam, stand ich früh auf und fuhr los.

Ich habe schon fast alle an der Tanke geholten Snacks gegessen, als ich auf die Schnellstraße zur Hölle abbiege, aber von hier aus ist es nicht mehr weit.
Es sind vier Spuren auf beiden Seiten. Auf meiner Seite, also zur Hölle hin, fahre ich ganz alleine. Auf der anderen Seite, von der Hölle weg, ist alles voll und alle rasen wahnsinnig schnell. Ich fahre an einer digitalen Anzeige vorbei, auf der steht: „Momentan sind NULL Folterplätze belegt“. Null? Nicht ein einziger? Komisch.

Der Verkehr auf der Gegenspur wird immer zäher, ich habe aber auch mal gelesen, dass es Staus gibt, die sich (nicht nach hinten, sondern) nach vorne verlängern. Leute auf der Gegenfahrbahn winken mir zu, aber so „Kehr um!“-mäßig, wie wenn man jemandem deutlich machen will, dass er gerade falsch herum in eine Einbahnstraße fährt.
An mir fährt langsam ein Jeep mit Monstern vorbei. Eines derjenigen, die auf der Rückbank sitzen, kurbelt das Fenster herunter, ruft mir etwas zu, ich höre es nicht was, und verschränkt dann das-was-bei-einem-Menschen-an-dieser-Stelle-Unterarme-wären zu dem „Unmöglich“-Zeichen.

Ich bin ein bisschen vom Ziel entfernt, als der Verkehr auf dem von der Hölle wegführenden Fahrbereich ganz zum Stehen kommt. Dafür können dann Leute dazwischen laufen. In manchen Autos sitzt niemand mehr, was aber dumm ist, weil die dahinter dann erst recht nicht mehr voran kommen. Naja.

Diejenigen, denen die Beine abgeschnitten wurden, werden von denen getragen, die noch Beine haben. Für welche Sünde werden einem in der Hölle zur Strafe die Beine abgeschnitten? Vielleicht für Feigheit. Sowas wird ganz prima in dem „Reiseführer: Hölle“ beschrieben, der allerdings nicht so prima zu Hause vergessen wurde. Seltsam zu sehen, wie hier Peiniger und Gepeinigte zusammen rausgehen.

Eine Scheußlichkeit, viel größer als die Autos, schlängelt sich vorbei. Ich habe mal eine Doku über sie gesehen, ganz cool, schon ihren Namen auszusprechen gilt als Gotteslästerung und sie war seit kurz nach der Erschaffung der Welt angekettet. Nun zieht sie den Ketten, über deren lose Enden dauernd Leute stolpern, hinter sich her. Wie ist sie sie losgeworden? Ich bleibe kurz stehen, mitten auf der Schnellstraße, was aber egal ist, denn auf meiner Fahrbahn ist hinter mir eh niemand. Sie merkt, dass ich sie anstarre, grinst mir zu und entblößt dabei ein Maul voller langer Zähne, sie sind immer noch scharf und angsteinflößend, aber sie haben alle abgebrochene Spitzen. Hat sie etwas durchgebissen?

Ein schwarzer Drache fliegt dicht über die Autos hinweg. Er fliegt niedrig und als er an mir vorbeikommt, sehe ich, warum: Auf ihm sitzen Leute, dicht an dicht, auch andere kleinere Drachen. Andere steigen auf die Dächer ihrer Autos und versuchen seine Klauen und seinen Schwanz zu greifen, auf dass er sie mitnehme.
Habe ich etwas übersehen?
Ich würde gerne rechts ranfahren und auf dem Handy nachschauen, ob irgendetwas für die Hölle gerade angesagt wurde, ob es eine Warnmeldung gibt oder so. Gleichzeitig denke ich „Jetzt muss Du Dich aber auch beeilen, was auch immer es ist, wenn Du Dir die Hölle noch anschauen willst, gleich ist es wohl vorbei hiermit“ und habe ja auch schon vorhin bei der Scheußlichkeit angehalten. Also weiter.

Ich erreiche den Parkplatz der Hölle und jeder einzige Platz ist frei. Ich halte mich erst an die Wegmarkierung, dann fällt mir auf, dass ich das ja nicht machen muss und fahre quer über die leeren Parkplätze, in gerader Linie aus das Höllentor zu. Ich parke direkt davor. Aus dem Tor kommen dauernd, ununterbrochen und hektisch Leute heraus gerannt. Daneben steht ein uralter Fährmann und verteilt T-Shirts mit der Aufschrift „I went to hell and all I’ve got is this lousy T-shirt“. Kaum jemand nimmt es, obwohl er immer dazu sagt, dass es gratis ist. Ein Dämon kommt heraus. Vermutlich steht er in der Höllenhierarchie weit oben, denn er trägt eine bronzene Rüstung und bewegt sich zwar schnell, rennt aber nicht. Der Fährmann hält ihm ein Tshirt hin, der Dämon schubst ihn aus dem Weg und geht wortlos weiter. Dabei fallen dem Alten die Tshirts herunter. Stoisch sammelt er sie wieder ein. Ich hebe selbst ein paar auf und gebe sie ihm. Er tut mir ein bisschen leid.
„Na, Sie halten noch Stellung?“, frage ich.
„Ich bin zu alt, um noch wegzugehen. Ich bleibe hier. Nimm ein Tshirt“, sagt er. Ich schaue auf das Tshirt, das er mir hinhält. Zu meiner Überraschung steht darauf nicht der idiotische „I went to hell …“-Spruch, sondern: „Look at my eyes“. Ich schaue auf und blicke den Fährmann an. Was ist mit seinen Augen los? Um sie herum drehen sich tiefrot glühende Kreise. Ich will mich nicht hypnotisieren lassen und konzentriere mich darauf, direkt in seine Pupillen zu sehen, aber er hat keine, es ist als würde man in ein Kaleidoskop blicken.

Apokalypse

Maik, der attraktive Maik, bat mich, mit ihm an einem Adventssamstag auf den Weihnachtsmarkt in der Innenstadt zu gehen. Er wollte mir etwas Cooles zeigen. Ich bin gerne mit Maik befreundet, obwohl ich ihn eigentlich mehr begehre als mag und er zudem die Angewohnheit hat, mich immer in seine Probleme mit ’reinzuziehen.
Auf dem Weihnachtsmarkt ist es fröhlich-voll, voll-fröhlich. Trotzdem habe ich von dem Moment an, als wir den Markt betreten, ein schlechtes Gefühl. Es wird noch dadurch verschlechtert, dass Maik mir nicht sagt, was genau er mir zeigen will. Wir quetschen uns zwischen Menschenmassen hindurch als auf einmal ein süßer Geruch in der Luft liegt, der immer stechender wird. Ich sehe, dass die Menschen um uns herum langsamer werden, dann stehen bleiben und mit leerem Blick zum Himmel schauen. Nach meiner letzten Trennung habe ich beschlossen, mich nie, nie, nie, nie wieder zu verlieben und nehme seitdem, also seit so zwei Jahren, Dopamin-Blocker. Das hat viele Nachteile, aber den Vorteil, dass ich nicht hypnotisierbar bin. Es ertönt eine Stimme, klar und durchdringend wie eine Bronzeglocke, von oben: „Alle auf die Knie!“, woraufhin alle um mich herum auf die Knie fallen, auch Maik. Ich sehe in seinen Augen, wie er immer tiefer in Trance gerät. Er steht auch sonst sehr auf alle möglichen Arten krasser Erfahrungen; ich kann mir also nicht vorstellen, dass er jetzt dagegen ankämpft. Ich schüttel ihn:
„Das hättest Du mir sagen müssen! Ich wäre nicht mitgekommen, wenn ich gewusst hätte, was hier heute passiert!“
„Habe ich das nicht?“, sagt er, schläfrig-abwesend, „ich glaube, ich habe es“,  und dreht seine Handflächen nach oben. Alle anderen tun es ebenfalls. Gab es dafür wieder einen Befehl oder hat es vorne jemand gemacht und alle anderen machen es nach?
Ich schaue nach vorne und sehe, wie sich dort ein Portal zu den Kerkerdimensionen öffnet, langsam, aber stetig. Aha, ok. Wenn das der Moment ist, an dem ich in die Hölle eingehen werde, dann ist das halt so, aber ich will nicht aus dem Leben scheiden, ohne vorher noch endlich, zumindest einmal, Maik geküsst zu haben. Ich nehme sein Gesicht in beide Hände und küsse ihn auf die Lippen. Das löst ihn ein bisschen aus seiner Trance und er schaut mich mit seinen großen, blendend schönen, silberblickenden Augen an. War das jetzt übergriffig von mir, das Küssen? Nein, wenn wir gleich sterben, ist eh alles egal. Maik sieht mir an, was ich denke und sagt: „Nein, Dummerchen. Das ist nicht das Ende. Das ist nur ein Cut; die Abfrage des momentanen Standes. Gleich wird es normal weitergehen. Entspanne Dich und … genieß‘ es doch.“ Das ist für ihn leicht zu sagen; er immer entspannt und genießend. Ich gar nicht. Ich schaue wieder nach vorne und sehe, wie  das Portal sich jetzt vollständig geöffnet hat.

Eine unendliche Vergangenheit geht zu Ende.

Man liest immer wieder vom Kampf oder vom Krieg der Götter gegen die Titanen. Aber das trifft es nicht. Es war kein Kampf, zumindest nicht im Sinne eines mehr oder weniger gleichberechtigten Ringens. Es stand von vorherein fest, dass die Götter gewinnen werden. Es ging eher um das Aushandeln der Kapitulationsbedingungen für die Titanen (ich war als Zeuge eingeladen). Was da vor sich ging, war, zumindest für unsere gegenwärtiges und menschliches Gerechtigkeitsempfinden, krass ungerecht. Einzelne Titanen traten hervor und zeigten Sachen vor, die für sie sprachen, so Zeug. Einer von ihnen brachte einen Sternenhimmel, erhaben-besternt, kalt-geheimnisvoll. Wie auch bei den Titanen, die vor ihm dran waren, zeichnete sich ab, dass sein Angebot achtlos, nur mit einer abwinkenden Handbewegung, abgelehnt werden würde. Als mir das auffiel, drehte ich mich zu dem Gott, der neben mir stand, um und sagte:
„Was er vorzuzeigen hat, ist wirklich schön. Habt doch Mitleid!“
Ich glaube, der Gott war ein bisschen pissig, dass ich ihn so direkt angesprochen habe, aber er antwortete mir trotzdem:
„Wir haben Mitleid. Mitleid ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Mitleid nicht genug ist.“
Daraufhin sah ich, wie die Titanen, mitsamt ihrer Welt, ge-stürzt wurden, in den Tartaros geworfen und von dort in die Dunkelheit, wo sie zu schwarz verblassen und schließlich vergessen werden.
Ich wollte weinen, aber ich hatte nicht genügend Tränen, um so weinen zu können, wie das, was ich hier sah, traurig war.

 

Wach bleiben wollen, nicht wach bleiben können, alpträumen.

Ich sitze in einem leeren, großen Raum, auf einem Sofa. Die Wände sind kahl, der Boden in einem rot-weißen Schachbrettmuster gekachelt. Neben mir sitzt eine Frau, die ich nicht kenne. Sie wirkt abwesend und schaut ins Leere. Wie lange sitze ich hier schon? Der leichte Staub, der in der Luft hängt, verdichtet sich. Erst langsam, dann immer schneller, bis er sich schließlich zu einem Mann zusammengezogen hat, der auf einem schlichten Holzstuhl sitzt. Er ist elegant angezogen, aber ganz in grau. Vielleicht wirkt es auch nur so, weil er aus Staub besteht. Ich merke, dass sein Blick aufmerksam auf mich gerichtet ist.
„Und wie lange fühlen Sie sich schon so?“, fragt er mich. Ich bin überrascht, dass er sprechen kann.
„Wie bitte?“, frage ich.
„Wen haben Sie heute mitgebracht?“, fragt er und zeigt auf die Frau neben mir.
Ich drehe mich zu ihr um. Sie schaut ins Leere, als sei sie in tiefer Trance.
„Ich sehe diese Frau gerade zum ersten Mal.“
Sie bewegt die Lippen. Sie spricht nicht, sondern es kommt Rauch aus ihrem Mund, der ein Bild formt: Das eines Rades. Sie haucht es an und es beginnt, sich zu drehen.
Der Graue lächelt mir, Mut machend?, zu und fragt: „Erinnern Sie sich?“
Ich würde gerne etwas beipflichtendes sagen, denn ich finde den Grauen sympathisch, aber ich weiß wirklich nicht, was er meint.
Er sieht mir das an und ergänzt: „Sie haben bereits alle Teile. Sie müssen sie nur richtig zusammenlegen.“

Augen

Mir wird in einem 24-Stunden-offenen Esoterik-Shop eine out-of-body-Erfahrung angeboten. Der Preis ist ganz oK, ich stimme zu.
Ich will mich nachts schlafen sehen und gehe, out-of-body, nur als Seele, in mein Zimmer. Ich sehe, wie ich dort auf dem Bett liege, in zwei Hälften aufgerissen; halbiert wie einer der Hirsche, die von Jägern aufgeschnitten werden, um sie auszuweiden, bevor man ihnen die Haut abzieht. Mehr oder weniger sauber aufgerissen an einer Linie, die am Bauchnabel beginnt, über das Brustbein geht und auf der Stirn endet. Ich gehe um das Bett herum und schaue auf mich. Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, wie nachlässig dieser Körper in zwei Teile gerissen wurde; so als hätte es jemand gemacht, der in großer Eile war.