Dante 2

Ich habe mir schon oft vorgenommen, mal zur Hölle zur fahren und mir dort alles anzusehen. Nie gemacht, immer zu faul, aber nachdem mir ein paarmal auffiel, dass ich schon wieder einen ganzen Tag auf der Couch lag und Youtube-Videos geschaut habe („In der Zeit hättest Du locker hinfahren, besichtigen und zurückfahren können und hättest dann trotzdem noch genug Zeit, um Dich abends zu betrinken“, dachte ich mir, unzufrieden), markierte ich mir im Kalender einen Samstag, wo ich es auf jeden Fall mache und als der kam, stand ich früh auf und fuhr los.

Ich habe schon fast alle an der Tanke geholten Snacks gegessen, als ich auf die Schnellstraße zur Hölle abbiege, aber von hier aus ist es nicht mehr weit.
Es sind vier Spuren auf beiden Seiten. Auf meiner Seite, also zur Hölle hin, fahre ich ganz alleine. Auf der anderen Seite, von der Hölle weg, ist alles voll und alle rasen wahnsinnig schnell. Ich fahre an einer digitalen Anzeige vorbei, auf der steht: „Momentan sind NULL Folterplätze belegt“. Null? Nicht ein einziger? Komisch.

Der Verkehr auf der Gegenspur wird immer zäher, ich habe aber auch mal gelesen, dass es Staus gibt, die sich (nicht nach hinten, sondern) nach vorne verlängern. Leute auf der Gegenfahrbahn winken mir zu, aber so „Kehr um!“-mäßig, wie wenn man jemandem deutlich machen will, dass er gerade falsch herum in eine Einbahnstraße fährt.
An mir fährt langsam ein Jeep mit Monstern vorbei. Eines derjenigen, die auf der Rückbank sitzen, kurbelt das Fenster herunter, ruft mir etwas zu, ich höre es nicht was, und verschränkt dann das-was-bei-einem-Menschen-an-dieser-Stelle-Unterarme-wären zu dem „Unmöglich“-Zeichen.

Ich bin ein bisschen vom Ziel entfernt, als der Verkehr auf dem von der Hölle wegführenden Fahrbereich ganz zum Stehen kommt. Dafür können dann Leute dazwischen laufen. In manchen Autos sitzt niemand mehr, was aber dumm ist, weil die dahinter dann erst recht nicht mehr voran kommen. Naja.

Diejenigen, denen die Beine abgeschnitten wurden, werden von denen getragen, die noch Beine haben. Für welche Sünde werden einem in der Hölle zur Strafe die Beine abgeschnitten? Vielleicht für Feigheit. Sowas wird ganz prima in dem „Reiseführer: Hölle“ beschrieben, der allerdings nicht so prima zu Hause vergessen wurde. Seltsam zu sehen, wie hier Peiniger und Gepeinigte zusammen rausgehen.

Eine Scheußlichkeit, viel größer als die Autos, schlängelt sich vorbei. Ich habe mal eine Doku über sie gesehen, ganz cool, schon ihren Namen auszusprechen gilt als Gotteslästerung und sie war seit kurz nach der Erschaffung der Welt angekettet. Nun zieht sie den Ketten, über deren lose Enden dauernd Leute stolpern, hinter sich her. Wie ist sie sie losgeworden? Ich bleibe kurz stehen, mitten auf der Schnellstraße, was aber egal ist, denn auf meiner Fahrbahn ist hinter mir eh niemand. Sie merkt, dass ich sie anstarre, grinst mir zu und entblößt dabei ein Maul voller langer Zähne, sie sind immer noch scharf und angsteinflößend, aber sie haben alle abgebrochene Spitzen. Hat sie etwas durchgebissen?

Ein schwarzer Drache fliegt dicht über die Autos hinweg. Er fliegt niedrig und als er an mir vorbeikommt, sehe ich, warum: Auf ihm sitzen Leute, dicht an dicht, auch andere kleinere Drachen. Andere steigen auf die Dächer ihrer Autos und versuchen seine Klauen und seinen Schwanz zu greifen, auf dass er sie mitnehme.
Habe ich etwas übersehen?
Ich würde gerne rechts ranfahren und auf dem Handy nachschauen, ob irgendetwas für die Hölle gerade angesagt wurde, ob es eine Warnmeldung gibt oder so. Gleichzeitig denke ich „Jetzt muss Du Dich aber auch beeilen, was auch immer es ist, wenn Du Dir die Hölle noch anschauen willst, gleich ist es wohl vorbei hiermit“ und habe ja auch schon vorhin bei der Scheußlichkeit angehalten. Also weiter.

Ich erreiche den Parkplatz der Hölle und jeder einzige Platz ist frei. Ich halte mich erst an die Wegmarkierung, dann fällt mir auf, dass ich das ja nicht machen muss und fahre quer über die leeren Parkplätze, in gerader Linie aus das Höllentor zu. Ich parke direkt davor. Aus dem Tor kommen dauernd, ununterbrochen und hektisch Leute heraus gerannt. Daneben steht ein uralter Fährmann und verteilt T-Shirts mit der Aufschrift „I went to hell and all I’ve got is this lousy T-shirt“. Kaum jemand nimmt es, obwohl er immer dazu sagt, dass es gratis ist. Ein Dämon kommt heraus. Vermutlich steht er in der Höllenhierarchie weit oben, denn er trägt eine bronzene Rüstung und bewegt sich zwar schnell, rennt aber nicht. Der Fährmann hält ihm ein Tshirt hin, der Dämon schubst ihn aus dem Weg und geht wortlos weiter. Dabei fallen dem Alten die Tshirts herunter. Stoisch sammelt er sie wieder ein. Ich hebe selbst ein paar auf und gebe sie ihm. Er tut mir ein bisschen leid.
„Na, Sie halten noch Stellung?“, frage ich.
„Ich bin zu alt, um noch wegzugehen. Ich bleibe hier. Nimm ein Tshirt“, sagt er. Ich schaue auf das Tshirt, das er mir hinhält. Zu meiner Überraschung steht darauf nicht der idiotische „I went to hell …“-Spruch, sondern: „Look at my eyes“. Ich schaue auf und blicke den Fährmann an. Was ist mit seinen Augen los? Um sie herum drehen sich tiefrot glühende Kreise. Ich will mich nicht hypnotisieren lassen und konzentriere mich darauf, direkt in seine Pupillen zu sehen, aber er hat keine, es ist als würde man in ein Kaleidoskop blicken.

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Der Gulp

Wenn das Abendbrot nicht aufgegessen, das Bad verweigert oder der Hund nicht ausgeführt wurde, warnten meine Eltern mich immer, dass der Gulp mich fressen würde.  Der „Gulp“, das war eine Gestalt aus einem Kinderbuch, ein Monster, groß wie ein Haus und einäugig. Außerdem besaß er die Fähigkeit, nach Belieben die Gestalt zu ändern und fraß gerne kleine Kinder. Das Buch stand in meinem Regal und meine Eltern fanden es, für mich irritierend, total witzig. Als Kind fürchtete ich mich vor den Illustrationen darin, gleichzeitig fand ich die Protagonisten – sie wurden ausnahmslos gefressen – doof. Wie konnten die Kinder in dem Buch auf die offensichtlichen Fallen, die ihnen der Gulp stellte, hereinfallen? Heute kommt es mir vor, als seien Kinderbücher früher grundsätzlich unnötig brutal gewesen.

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Nach einem fröhlichen Abend auf Achse in Hamburg laufe ich nun vom Bahnhof nach Hause und bin wie immer genervt, dass es so lange dauert. Und, zugegebenermaßen, gleichzeitig zu geizig, um mir ein Taxi zu nehmen. Auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Zuhause hat anscheinend eine neue Kneipe aufgemacht.

RAUCHER WILLKOMMEN

steht drauf (in blinkenden, etwas kruden Buchstaben) zu meiner Begeisterung. Ich würde gerne eine Rauchen und tue es nur ungerne allein. Andererseits bin ich dann noch später zu Hause.

GROßER KAFFEE – VERSCHIEDENE SORTEN – SINNVOLLE PREISE

leuchtet darunter ge-LED-t auf. Naja, was soll’s. Ich gehe rein.
Die Kneipe muss wirklich neu sein, denn ich laufe diesen Weg seit Jahren und habe sie noch nie vorher gesehen. Dafür sieht sie aber ein bisschen abgerockt aus. Egal, es riecht nach Zigaretten und über verborgene Lautsprecher läuft eine Art Unterwassermusik. Außer mir ist hier niemand. Ich gehe an die Bar und will nach einem Menü greifen, das da zu liegen scheint, tatsächlich aber nur auf die Theke aufgemalt ist. Die Theke selbst fühlt sich warm und pulsierend an. Ich lege meine Hand an die Wand. Dasselbe. Als würde sie leben. Ich merke, dass mich etwas beobachtet.
Wie weit ist es bis zur Tür?
Jetzt losrennen?
Wir warten beide darauf, dass der andere den ersten Schritt macht.