Ich weiß nicht, was ich jetzt mit mir anfangen soll.

Der Krieg der Eisriesen gegen, naja, so ziemlich alle anderen hat sich lange abgezeichnet. Von dem Krieg bekomme ich nur mit, weil ein paar Tage lang die Sonne nicht aufgeht. Als die Eisriesen verlieren, mache ich mir Sorgen, wie man mit den Menschen umgehen wird, die, wie ich, für sie gearbeitet haben. Hauptsächlich um die Pferde kümmern und die Wahrheitskugeln polieren – Sachen für die man halt warme Hände haben muss. Aber es kommt nichts; es wird allgemein angenommen, dass wir gezwungen wurden (was nicht stimmt). Nach der Niederlage arbeiten wir noch eine Weile, die Kälteminen laufen ebenfalls weiter und man sieht die Eisriesen einmal im Monat den Vollmond anheulen. Es sind aber weniger als vorher und irgendwann sind nur noch Menschen in den Frostfestungen. Eines Tages wird uns gesagt, dass wir nicht zu kommen brauchen und Bescheid bekommen, wenn es weitergeht. Wir suchen uns neue Jobs und vergessen nach und nach.
Nur wenn ich an verschneiten Bergen vorbeifahre, denke ich noch daran.

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Wach bleiben wollen, nicht wach bleiben können, alpträumen.

Ich sitze in einem leeren, großen Raum, auf einem Sofa. Die Wände sind kahl, der Boden in einem rot-weißen Schachbrettmuster gekachelt. Neben mir sitzt eine Frau, die ich nicht kenne. Sie wirkt abwesend und schaut ins Leere. Wie lange sitze ich hier schon? Der leichte Staub, der in der Luft hängt, verdichtet sich. Erst langsam, dann immer schneller, bis er sich schließlich zu einem Mann zusammengezogen hat, der auf einem schlichten Holzstuhl sitzt. Er ist elegant angezogen, aber ganz in grau. Vielleicht wirkt es auch nur so, weil er aus Staub besteht. Ich merke, dass sein Blick aufmerksam auf mich gerichtet ist.
„Und wie lange fühlen Sie sich schon so?“, fragt er mich. Ich bin überrascht, dass er sprechen kann.
„Wie bitte?“, frage ich.
„Wen haben Sie heute mitgebracht?“, fragt er und zeigt auf die Frau neben mir.
Ich drehe mich zu ihr um. Sie schaut ins Leere, als sei sie in tiefer Trance.
„Ich sehe diese Frau gerade zum ersten Mal.“
Sie bewegt die Lippen. Sie spricht nicht, sondern es kommt Rauch aus ihrem Mund, der ein Bild formt: Das eines Rades. Sie haucht es an und es beginnt, sich zu drehen.
Der Graue lächelt mir, Mut machend?, zu und fragt: „Erinnern Sie sich?“
Ich würde gerne etwas beipflichtendes sagen, denn ich finde den Grauen sympathisch, aber ich weiß wirklich nicht, was er meint.
Er sieht mir das an und ergänzt: „Sie haben bereits alle Teile. Sie müssen sie nur richtig zusammenlegen.“

Augen

Mir wird in einem 24-Stunden-offenen Esoterik-Shop eine out-of-body-Erfahrung angeboten. Der Preis ist ganz oK, ich stimme zu.
Ich will mich nachts schlafen sehen und gehe, out-of-body, nur als Seele, in mein Zimmer. Ich sehe, wie ich dort auf dem Bett liege, in zwei Hälften aufgerissen; halbiert wie einer der Hirsche, die von Jägern aufgeschnitten werden, um sie auszuweiden, bevor man ihnen die Haut abzieht. Mehr oder weniger sauber aufgerissen an einer Linie, die am Bauchnabel beginnt, über das Brustbein geht und auf der Stirn endet. Ich gehe um das Bett herum und schaue auf mich. Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, wie nachlässig dieser Körper in zwei Teile gerissen wurde; so als hätte es jemand gemacht, der in großer Eile war.

Warum lernst Du nichts daraus?

Ich spaziere nur, um ungestört-unbeobachtet rauchen zu können. Meine Runden werden weiter und führen mich in neue Teile meines Wohnviertels.
Ich merke erst, dass ich in einem Park bin, als ich anscheinend schon eine ganze Weile darin herumgehe. Ich nehme die Kopfhörer ab und schaue zu den Lichtern der Hochhäuser, die sich in naher Ferne abzeichnen. Wo bin ich hier? Der Park ist mir zu gleichen Teilen fremd und vertraut. Soweit ich das im schwachen Licht ausmachen kann, wachsen hier ausgesprochen exotische Pflanzen; sie haben große, dicke Blätter und die Bäume eine Rinde, die wie geriffelt aussieht. Ich gehe weiter und merke, dass zwei Menschen hinter mir laufen. Recht schnell anscheinend, denn ich höre ihre Schritte immer deutlicher. Es kommt mir unwahrscheinlich vor, dass sie mich überfallen wollen, aber, sicher ist sicher, an einer dunkleren Stelle des Weges biege ich ab und stelle mich hinter einen Baum. Ich höre, wie sie an mir vorbei gehen. Nach weiteren zehn Metern fällt ihnen auf, dass sie mich aus den Augen verloren haben.
„Jetzt können wir ihn gar nicht warnen“, höre ich einen von ihnen sagen.

Entschleierung

Das Ende der Welt ist gekommen, ausgelöst durch ein Attentat, nur wenige Meter von dem Café, in dem ich gerade sitze. Anschließend geht alles sehr schnell, Militärfahrzeuge fahren vorbei, anscheinend standen sie schon vorher bereit (wie wären sie sonst so schnell hierher gekommen?). Menschen laufen in die entgegengesetzte Richtung, manche gefasst, manche panisch.
Ich würde diese Szene gerne nochmal erleben, aber aus einer anderen Perspektive
und
diese Bitte
wird mir gewährt.
Ich schließe die Augen und als ich sie wieder öffne, stehe ich auf dem Dach einer Villa. Ein wohlhabender Geschäftsmann, der hier wohnt, hat sich einen kleinen Zoo eingerichtet. Ich gehe zum Rand des Daches und finde bestätigt, das die Schüsse von diesem Ort aus gekommen sein mussten. Die Tiere, fast alles Großkatzen, wirken aufgeregt und bewegen sich unnatürlich. Ein Tierwärter kommt und will sie füttern. Ich will ihn auf die Situation hinweisen, aber er schaut er mich voller Unverständnis an.

Zurückhalten

Ich habe oft versucht, mit dem Rauchen aufzuhören und bin immer wieder rückfällig geworden. Diesmal habe ich allen erzählt, dass ich nicht mehr rauche und habe nun den sozialen Druck auch wirklich nicht zu rauchen, wenn ich in Gegenwart von Freunden, Familie oder Kollegen bin. Das heißt, ich rauche nur noch heimlich. Mittlerweile habe ich auch meinen Nachbarn stolz erzählt, dass ich nicht mehr rauche, sodass es nicht mehr reicht, hinters Haus zu gehen, weil die mich dann dort sehen könnten und dann wäre ich jemand, der es nicht geschafft hat, mit dem Rauchen aufzuhören – und das will ich nicht. Abends gehe ich auf lange Spaziergänge am Rande der Stadt, da kenne ich niemanden. Meine Runden werden immer größer, weil ich während eines Spaziergangs ja so viel rauchen muss wie vorher den ganzen Tag über. Meine neue Strecke führt mich an einem Umspannwerk vorbei. Hier stehen ganz viele Strommasten, im Herbst sah es aus, als würden sie ganz oben miteinander reden, jetzt im Winter so, als würden sie gleich umfallen. Ich stelle mich darunter und rauche, es ist spät nachts. Auf einmal kommt aus dem Dunkel von unterhalb eines der Masten jemand. Er trägt eine große Säge, war gerade dabei, sich im Gehen Arbeitshandschuhe auszuziehen und erschreckt sich, als er mich sieht. Nervös schaut er sich um. „Ich rauche nicht mehr“, sage ich, die Kippe in der Hand. moonlight_scene