Dante 3

Ich fahre eine Weile über Landstraßen, an riesigen Rapsfeldern vorbei, hin und wieder durch Baumalleen und zwischen Wiesen mit entspannt zu mir blickenden Kühen.
Ich komme schließlich bei einer Brauerei an, zu der ein Biergarten gehört. Ich parke und gehe rüber. Die meisten Tische sind unbesetzt, aber nicht alle. Ich setze mich an einen ganz am Rande. Von hier aus kann man eine Burgruine sehen, die in Sichtweite, auf einem kleinen Hügel, steht. Während ich dasitze, entruiniert sie sich. Es steigen Steinblöcke und Ziegel auf und formen Mauern, Fenster, Dächer. Das passiert ganz langsam, aber unaufhörlich. Es ist als würde man einen Minutenzeiger beobachten. Ein Kellner kommt und bringt mir ein großes Bier.
„Ich wurde als Botschafter hergeschickt“, sage ich, „ich habe einen Ausweis dabei“ und greife in meine Tasche, doch der Kellner winkt ab.
„Schon ok“, sagt er.
„Ich könnte eine Waffe dabei haben. Haben Sie keine Angst?“
„Nein“, antwortet er, lächelt mir zu und geht.
Ich weine ein bisschen, zünde mir eine Kippe an und schaue zu, wie deren blauer Rauch in den noch viel, viel blaueren – und dabei vollkommen wolkenlosen – Himmel steigt.

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Ab jetzt wird’s ein bisschen leichter

Genervt von einer Job-Sache kommend und den Anzug tragend, in dem ich mich unwohl fühle, warte ich am Flughafen auf den verspäteten Flieger nach Hause. Für meine Verhältnisse ist es wahnsinnig sonnig und warm, aber in diesem kleinen Land ist es, glaube ich, immer so sonnig und warm, es regnet nur ganz, ganz selten. Auf denjenigen Bildschirmen, auf denen keine Arrvials und Depatures angezeigt werden, ist ein Nachrichtensender eingestellt und zwar in der Landessprache, die ich nicht verstehe. Was soll’s.
Ich gehe ein bisschen zwischen den Schaltern und Wartebereichen herum und finde einen Bildschirm, auf dem ein Livestream aus dem Zoo läuft. Dieses Land hat nur einen einzigen großen Zoo, der ist in der Hauptstadt. Der Livestream zeigt das Pandagehege. Eine Pandamama ist darauf zu sehen, groß, still, vage optimistisch. Sie hat ein Pandakind, das herumtollt, wie ein Welpe. Die Pändin isst, Bambus und Gemüse, spielt und kuschelt mit dem Kleinen und chillt ansonsten. Hin und wieder kommen Wärter herein, sie tragen Pandakleidung und räumen ein bisschen auf oder bringen mehr zu essen, das Kleine stolpert ihnen dauernd vor die Beine.

Ich weiß, was Du sagen wirst

Ich wache davon auf, dass ich merke, dass neben mir im Bett niemand liegt.
Ich gehe durch das Haus. Die beiden Hunde liegen aneinander gekuschelt auf der Couch (wo sie im Übrigen nur nachts drauf dürfen). Ich folge einem sanften Windzug und trete schließlich auf die Terrasse, wo meine Frau barfuß auf den Stufen sitzt und zu den Sternen schaut. Ich setze mich neben sie und blicke zu dem Brachland, das genau da beginnt, wo der Sprinkler nicht mehr hinreicht. Etwas weiter entfernt wachsen wilde Kakteen. Ich frage mich, warum es hier nicht viel mehr Kakteen gibt, als mir klar wird, dass ich nicht verheiratet bin und auch nicht in einem warmen Land wohne und somit wohl wahrscheinlich immer noch im Bett liege und träume. Doch ich genieße diesen Moment und ich will dass er dauert. Wacht man nicht auf, wenn einem klar wird, dass man träumt? Schade, dass man gute Träume nicht absichtlich länger träumen kann.

Sie legt ihren Kopf auf meine Schulter. „Ich“, sage ich, „wollte nach Dir schauen. Ich kann Dir Deinen Rooibos machen und Dir rausbringen, wenn Du möchtest.“
„Du bist nur rollig“, sagt sie, schmunzelt, und hat absolut, absolut recht.
„Ich kann aber rollig sein und Dir trotzdem Tee machen“, wende ich ein.
Sie legt ihre Beine über meinen Schoss, setzt sich ein bisschen quer hin und stützt sich nach hinten mit den Armen ab. „Streichle mich“, bittet sie und ich lege meine Hand auf ihre schönen, glatten, vertrauten Beine, kleine Narben vom Schneiden an immer den gleichen Stellen und bemalte Zehennägel, deren bunte Fröhlichkeit man nun, nachts, nicht sieht.
„Sie sind so weit weg“, sagt sie zum Nachthimmel.
„Da ist Pegasus“, sage ich und zeige auf ein Sternbild.
„Nein“, sie lacht, „das ist noch nicht einmal annähernd richtig“, sie nimmt meinen Zeigefinger und zeigt damit auf die korrekte Position. Ich lache mit, wir küssen uns, dann sitzen wir wieder schweigend nebeneinander.
„Ist … alles ok bei Dir?“, frage ich schließlich. Sie möchte mir etwas sagen oder vielleicht sagen-nichtsagen. Sie guckt eine Weile von mir weg. Dann dreht sie sich zu mir und schaut mir direkt in die Augen.