Aufwachen

Ich sitze an einem Autobahn-McDonalds, im Norden. Ich sitze draußen, um beim Essen rauchen zu können. Nicht vergessen: Anschließend noch tanken. Autobahn-Fastfood-Restaurants sind mein Happy Place, Essen macht glücklich und hier will niemand was von mir. Nachdem ich das kostenlos herumliegende Kino-Magazin komplett ausgelesen habe, öffne ich die „All Worlds Spirituality“-App auf dem Handy. Dort steht so der übliche Kram, aber ganz oben läuft auf rotem Hintergrund ein Laufband:

„AUFRUF Drei kriminelle Exilanten sind auf der Flucht. Sie sind vermutlich auf einer der Zwischenwelten, vielleicht auf der Erde. Auf keinen Fall ansprechen. Falls Sie Informationen haben, die zur Ergreifung führen, wenden Sie bitte dringend an übliche Nummer. Belohnung nach eigenem Wunsch.“

Mir fällt auf, dass ein paar Tische weiter ein Dämon, eine Dämonin und ein Engel sitzen. Das sieht man in Raststätten-McDonalds sonst eher selten. Der Dämon und die Dämonin sehen sich ein bisschen ähnlich, vielleicht sind es Geschwister. Die Dämonin und der Engel halten Händchen.
Ich rufe die Nummer von dem Bannertext an. Vielleicht wird man mir ja im Gegenzug Reichtum anbieten, das wäre doch ganz schön. Jemand nimmt ab.
„Ich habe Information zu den Exilanten, nach denen Sie suchen“, sage ich.
An der anderen Seite Schweigen. Dann: „Du bist ein Mensch, nicht wahr?“
„Nun … ja. Aber ich habe trotzdem …“
„Woher hast Du diese Nummer?“
„Von den …“
Er lässt mich nicht ausreden: „Immer wieder ruft Ihr hier an und wollt Euch mit irgendwas wichtig machen. Bitte lasst das bleiben. Ihr wisst überhaupt nichts. Ihr habt überhaupt keine Ahnung, in was Ihr Euch da einmischen würdet.“
Ich fühle mich gekränkt. „Aber … vielleicht weiß ich ja wirklich, wo die Exilanten gerade sind.“
„Mmmh-hmmmh, ganz sicher. Ich werde jetzt auflegen“, sagt er und tut es.

Wenn ich in der Raucherecke am Bahnhof stehe, bin ich immer derjenige, auf den Leute zukommen und nach Kippen fragen. Es muss irgendwas mit meinem Gesicht sein. Und als ich sehe, dass die Gruppe am Nebentisch aufsteht, weiß ich schon, dass die gleich auf mich zukommen werden.

Als sie näher kommen, bemerke ich, dass die beiden Dämonen Löcher in der Kleidung haben, an den Stellen, wo sonst Rangabzeichen sind.
„Du wirst uns fahren“, sagt die Dämonin zu mir und macht die Hypnose-Bewegung mit der Hand.
„Ich nehme so viele Endorphin-Blocker, ich bin überhaupt nicht hypnotisierbar.“
Das verunsichert die drei ein bisschen. Verwirrt schauen sie mich an und überlegen anscheinend, wie sie mich einordnen sollen.
Schließlich fragt die Dämonin: „Bist Du einer von den Menschen, die damals für die Eisriesen gearbeitet haben?“ Exakt.
Daher weiß ich um solche Sachen. In die Eisriesen-Geschichte bin ich indes so reingerutscht und dann war es halt irgendwann vorbei. Damals dachte ich, dass bestimmt bald die nächste coole Sache kommen würde, es kam aber nichts. Rückblickend denke ich, es wäre sogar besser, wenn ich die Eisriesen nie getroffen hätte, weil ich dann gar nicht um diesen Teil der Welt wüsste und es mir jetzt nicht fehlen würde. Naja.
„Ich fahre nach Kassel“, sage ich, „wohin wollt ihr?

Ich bringe das Tablett weg. Wir gehen zu meinem Auto. Sie steigen ein, der Engel und der Dämon hinten, die Dämonin neben mir. Ich tippe die Adresse, die sie mir genannt haben – ein Parkplatz, irgendwo im Harz – in das Navi ein und wir fahren los.

„Wenn das hier schief geht, gehe ich zurück, setze mich an meinen Schreibtisch und schieße mir in den Kopf. Meine Hände sind schon ganz kalt“, sagt der Dämon sachlich.
„Ach Du, Drama-Queen“, lacht seine Schwester und schlägt ihm fröhlich auf die Stirn. Der Engel lehnt sich vor und sagt zu ihr: „Wenn das in die Grütze geht, dann ist das halt so. Es wäre mir egal. Ich hab Dich einfach so lieb. Wenn das die letzten Augenblicke sind, dann will ich sie mit Dir verbringen.“
„Das sagt er nur, weil Du so große Titten hast“, rutscht mir raus. Warum sage ich immer so etwas?
Der Engel greift nach der Hand der Dämonin: „Du weißt, dass ich Dich auch lieben würde, wenn …“
Sie dreht sich zu ihm und schmunzelt: „Ja, natürlich weiß ich das.“ Dann gibt er ihr seine andere Hand, sie dreht sich wieder nach vorne und legt seine Arme um sich, so wie man sich einen Samtschal umlegen würde.

Bei Hannover muss ich tanken, denn selbstverständlich habe ich es vorhin vergessen. Ich stehe in der Schlange zur Kasse und sehe, dass ich siebzehn verpasste Anrufe auf meinem Handy habe. Ich rufe meine Mailbox ab: „Mein Kollege war vorhin ein bisschen voreilig“, höre ich eine unheimlich zugewandte und wertschätzend klinge Stimme sagen, „unserer Akte zufolge sehnen Sie sich nach Reichtum. Das ließe sich problemlos einrichten. Aber wir wissen, dass Sie auch gerne nicht mehr rauchen würden, doch sich diesen Wunsch nicht eingestehen können. Wir könnten Sie zu einem Nichtraucher machen. Zusätzlich. Sie müssen nichts tun, außer uns zu sagen, was Sie über die Exilanten wissen. Bitte denken Sie daran, die Exilanten nicht anzusprechen und zu ignorieren, was sie sagen, sollten sie Sie ansprechen. Wir können Sie telepathisch nicht erreichen. Könnten Sie sich vorstellen, für ein paar Stunden keine Endorphin-Blocker zu nehmen – nur solange bis wir eine Verbindung aufgebaut haben? Dann könnten wir Ihr Gedächtnis direkt auslesen – das wäre für uns einfacher und für Sie bequemer.“
Ich bin gleich mit Bezahlen dran, daher lege ich auf und schalte das Handy aus.

„Was genau habt ihr gemacht, dass die so wütend auf Euch sie sind?“, frage ich als ich wieder im Auto sitze, „denn dass Ihr beiden vögelt war doch bestimmt nicht der einzige Grund?“
Sie sagen nichts.
Schließlich fragt mich die Dämonin: „Hast Du die gerade angerufen?“
„Nein! Neinneinnein. Sie haben versucht mich anzurufen, ich habe nur die Mailbox abgehört.“

Wir kommen an dem Parkplatz an, den sie mir genannt haben. Dort steht, nicht ans Auto gelehnt, sondern davor stehend, die Hände auf die Hüften gestützt und uns böse anfunkelnd, eine kurzhaarige Hexe.
Sie wartet bis wir ausgestiegen sind und sagt dann: „Oh, ja – ‚lass uns doch zur Hexe fahren!‘. Tolle Idee, wirklich ganz toll. Was glaubt ihr Schwachköpfe denn, wo sie als allererstes nach Euch suchen werden?“
Ich finde es irgendwie ungerecht, dass die Hexe so gemein zu ihnen ist. Sie scheint mich jetzt erst zu bemerken. „Und diesen Idioten hier habt Ihr noch nicht mal richtig hypnotisiert!“ Der Dämon winkt ab und fragt sie:
„Wann ist denn der nächste Abflug?“ Dabei schaut er in Richtung des Berges, in dessen Schatten dieser Ort hier liegt.
„Aber auf keinen Fall werde ich Euch dahin mitnehmen und damit nicht nur mich, sondern noch meine Schwestern gefährden. Überlegt Euch was anderes.“

Sie beschließen, erstmal zu der Hexe nach Hause zu fahren. Der Engel küsst mich zum Abschied auf die Lippen. Ich weiß, dass Engel das untereinander so machen. Vielleicht bin ich der erste Mensch, den er kennengelernt hat und er weiß nicht, wie er sich mir gegenüber sonst verhalten soll. Die Dämonin, vielleicht weil sie es ihm nachmacht, vielleicht einfach so, küsst mich ebenfalls.

Danach ist das Auto irgendwie leer. Ich fahre alleine zurück zur Autobahn, an diesen halb kitschigen, halb niedlichen winzigen Harz-Städten vorbei. Doch jetzt nicht, Mann, ey, jetzt nicht weinen, komm schon, was bist Du denn gerade so emotional? Ich krame im Handschuhfach nach der Schachtel mit den Endorphin-Blockern und versuche gleichzeitig das Auto auf der Straße zu halten.

Noch so viel zu tun

Ich housesitte für meinen Kumpel Bert. Er ist mit Webprogrammierung reich geworden und hat ein riesiges Haus am Waldrand. Manchmal kommen Rehe in seinen Garten und schauen neugierig zur Terrasse. Zu seiner eigenen Unterhaltung hat er einen Roboter mit einer künstlichen Intelligenz gebaut. Der Roboter kümmert sich darum, dass die Fenster bei Regen zu sind. Die regelmäßig kommende fröhliche Polin (Kroatin? Bulgarin?) putzt und bügelt. Ich muss also nichts tun, außer vielleicht aufzupassen, dass nicht eingebrochen wird. In der ersten Nacht rollt der Roboter zu mir und beschwert sich, dass das Traum-Programm aus ist. Ich rufe Bert an und erfahre, dass er für den Roboter einen Algorithmus programmiert hat, der zufällige Träume ausgibt. Das muss allerdings von Hand angeschaltet werden.
‚Ausgeschlossen‘, denke ich und lasse den Roboter traumlos. Es ist ein warmer Sommer. Am nächsten Tag rufe ich Juli an. Wir kennen uns seit Jahren und knutschen so seit einem Jahr. Ich weiß nicht, wie sie wirklich heißt, vielleicht heißt sie ja tatsächlich „Juli“, und als sie ankommt, fragt sie mich auch nicht, warum ich gerade in diesem Haus bin. Wir knutschen ein bisschen auf dem Sofa herum.

Anschließend dreht sie sich einen Joint. Ich erzähle ihr von dem Traumprogramm des Roboters.
„Gönn ihm das doch“, sagt Juli.
Dass ausgerechnet Juli, die nach dem Knutschen nie kuscheln will und bislang jedes Angebot, auch mal etwas anderes zu tun (Essen gehen, Kino, Freibad) abgelehnt hat, von Gönnen redet, ärgert mich: „Ausgerechnet Du redest vom Gönnen?“
„Das ist eine sehr erwachsene Bemerkung“, entgegnet sie und werkelt weiter an der Tüte herum.
Wir schweigen ein bisschen. Ich höre den Roboter im ersten Stock irgendetwas machen.
„Schschsch…“, sage ich.
„Schoschoschoscho…“, sagt sie.
„Schonschonschonschon…“, sage ich.
„Schon gut“, sagt sie.
Ich bin dankbar, dass wir dieses Versöhnungsritual haben. Seitdem wir das eingeführt haben, geraten wir nicht mehr in so Sackgassen-Streite.

Sie zündet sich den Joint an, zieht ein paar Mal daran und hält ihn mir hin. Ich lehne mich vor, greife danach und werde sofort aufgeregt als sich unsere Finger berühren. Wie kann es sein, dass man sich den krassesten Perversionen hingibt und es dann trotzdem tausendfach heißer ist, wenn sich beim den-Joint-rüberreichen die Hände, nein, noch nicht mal die Hände, nur die Fingerspitzen, zufällig berühren? Juli schielt mir in den Schritt und fragt: „Oh, nächste Runde?“ Aber nein, nein, ich will jetzt nicht.

Anschließend bingen wir die neue Stranger Things-Staffel. Juli wirkt überhaupt nicht bekifft. Ihr scheint die Serie ganz gut zu gefallen; das Kinn auf das hochgestellte Knie gestützt schaut sie aufmerksam zu. Ich dagegen bin zu breit, um der Handlung zu folgen und schlafe immer wieder ein. Wir sind immer noch nackt. Hätte ich auf der Couch etwas unterlegen sollen? Jetzt ist es eh zu spät. Die Polin wird sich darum kümmern (als sie heute morgen kam und das Chaos sah, sagte sie „Du Schwajnchen!“ zu mir, lachte dabei aber).

Keine Ahnung

Ich bin am Strand. Ein Ork-Pärchen sonnt sich neben mir. Sie haben leichte Lederschürzen um die Hüften. Die Stellen, an denen sie sonst Rüstung tragen, zeichnen sich als helles Negativbild auf ihrer dicken, dunkelgrünen Haut ab.
Am Wasser kniet ein Greif und baut eine Sandburg. Sie fällt dauernd zusammen, weil er zur Deko Steine an die Türme legt. Die Türme sind aber zu schmal dafür und fallen, be-Stein-t, zwangsläufig um und auf die Burg drauf. Er sollte stattdessen die Muscheln nehmen, die, anscheinend vorher gesammelt, in einem schönen kleinen Haufen neben ihm liegen. Ich stehe auf und gehe auf ihn zu. Ich laufe an drei Elfen vorbei. Sie sind ausgesprochen hübsch, ganz nackt und haben sich so sehr mit Sonnencreme eingecremt, dass sie glänzen. Ich laufe ein bisschen langsamer und schiele zu ihnen rüber. Bei genauerer Betrachtung sind sie nicht ganz nackt, sondern tragen, jeweils links, eine breite goldene Knöchelkette. Vielleicht als Mode-Accossoire. Ich glaube, Gold wird in der Hitze nicht ganz so heiß. Andererseits: Ausgerechnet das, ausgerechnet hier? Vielleicht sind es Zauberketten, die einen die Gestalt wechseln lassen, solange man sie trägt. Ist es so was? Nein, Quatsch. Diese prätentiösen Prinzessinnen wollen nur auffallen.

Eine von ihnen kratzt sich die ganze Zeit am Knöchel. Vielleicht hat sie etwas gestochen. Sie kommt anscheinend wegen der Kette nicht an den Stich. Sie beugt sich vor und will die Schnalle lösen, da packt die Elfe neben ihr ihr böse an den Oberarm, formt mit den Lippen das Wort „Wehe!“ und zieht sie zurück. Die mit dem Stich wirkt ein bisschen jünger als die beiden anderen. Vielleicht mussten sie sie mitnehmen und wären lieber unter sich. Hmmh. Ich schaue zurück zum Greif. Seine Sandburg ist wieder kaputt und er setzt an, sie erneut aufzurichten. Ich werde ihm sagen, dass seine Sandburg scheiße aussieht und/oder dass er scheiße aussieht. Vielleicht prügeln wir uns dann, das wäre doch was. Ich fühle mich in letzter Zeit so fett und nutzlos und Schlägereien machen, dass man sich irgendwie lebendiger, frischer fühlt. Ich gehe auf ihn zu. „Ich werde gleich sagen“, denke ich mir, „die Sandburg passt ja prima zu Dir, denn sie sieht scheiße aus.“ Ich stelle mich zwischen ihn und die Sonne.

„Oh, ein Greif“, sagt der Greif.
„Was?“, sage ich.
„Ich dachte, Du würdest sagen, ‚oh, ein Greif‘. Das sagen die meisten. Aber das war es nicht. Du wolltest was anderes von mir. Vielleicht nach dieser Sandburg fragen?“
„Was?“ Ich bin ein bisschen aus dem Konzept geraten. Ich schaue wieder zu den Elfen. Die jüngere ist allein, die beiden anderen sind gerade am Kiosk und kaufen bei einem träge aussehenden Steintroll Eis. Die dritte dreht sich weg und greift nach ihrem Knöchelkettchen.
Der Greif folgt meinem Blick. „Möchtest Du wissen“, fragt er, „warum ich diese Sandburg so baue wie ich sie baue oder sehen in was sich die ‚Elfe‘ gleich zurückverwandeln wird?“

Zigeunerhexe

Kein Sterblicher kann die Wahrheitskugel lange halten, ohne von Träumen von Macht wahnsinnig zu werden. Kein Unsterblicher kann die Wahrheitskugel lange halten, ohne von Macht wahnsinnig zu werden. Deswegen wird sie von Wesen bewacht, die an der Grenze sind. Wir wechseln uns ab. Jeder hat die Kugel ein paar Jahre und gibt sie dann weiter. Man bekommt eine Mail, wenn man dran ist und erfährt, wo man sie abholen soll.

Ich stehe vor der Tür eines Wohnblockes und suche und finde den mir genannten Namen. Es summt, ich gehe rein, hoch und in der Wohnungstür steht Ada, businesslike angezogen. Hier wohnt sie jetzt also. Ok.
„Ah“, sagt sie sachlich, „es ist also soweit.“
Sie geht zu einem Schrank, ich folge ihr bis in den Flur. An der Wand hängt ein schwarz-weißes Foto, auf dem sie noch ganz jung ist. Es zeigt sie wütend, oder vielleicht beleidigt, neben einem Bergtroll dastehen. Der Bergtroll ist erheblich größer als sie und scheint sie kaum wahrzunehmen. Ada holt indes die in einen dunkelblauen Seidenschal gewickelte Wahrheitskugel heraus und gibt sie mir.
„Da. Und bitte sag den anderen, dass ich vom Listserver genommen werden möchte. Ich bin kein Teil dieses Schwachsinns mehr.“
Der Hosenanzug, den sie trägt, steht ihr ganz gut, sie scheint sich darin auch einigermaßen natürlich bewegen zu können.
„Ich muss jetzt eh gehen“, sagt sie, „zu einem Meeting.“ Damit geht sie zurück zur Wohnungstür, wo ihre Schuhe stehen. Sie zieht sich erst Socken an, das geht noch, holt kurz Luft und dann, mit einem Ruck, die Schuhe; erst den einen, dann den anderen. Sie verzieht keine Miene, obwohl sie sich offensichtlich unwohl fühlt.
„Sag mal, hast Du vergessen, wer Du bist?“, frage ich.
„Hmmh“, sagt sie, „hmmh. Was ist das?“, dabei schaut sie nachdenklich auf ihre Handfläche, wo auf einmal weißer Glitzer, vielleicht auch sehr klein geschnittenes Konfetti, liegt. Sie hält mir ihre Hand hin.
„Was?“ frage ich, sie beugt sich vor, pustet den Glitzer heftig an, mir ins Gesicht, ich niese und als ich die Augen wieder aufmache, ist sie weg. Ich ärgere mich, dass ich auf diesen uralten Trick reingefallen bin.
Neben ihrer Tür liegt ein Stapel Post, darunter eine Zeitschrift, jemand hat einen gelben Zettel draufgeklebt, auf dem „Auf Seite 28 bist Du!“ steht und ein Smiley. Ich blättere zu der Stelle, es ist ein Artikel über Fabelwesen, liebevoll mit Grafiken im Computerspiel-Stil illustriert. Es ist auch ein Bild von ihr dabei, schwarzes Kleid, Glöckchen um die Fußgelenke gebunden, viele Ringe, ein Waldschrat und eine Wassernixe, die neben ihr sitzen und neugierig zum Betrachter schauen.

Der Winter kommt, der Winter geht und dann noch einer und noch einer. Irgendwann treffe ich sie wieder. Sie ist angezogen wie auf der Grafik in der Zeitschrift.
„Ich bin heute nur verkleidet“, erklärt sie mir proaktiv, „ich gehe … auf eine Verkleidungs… ausstellung. Ins Theater. Auf ein Konzert! Auf ein Konzert.“ Ihre großen goldenen Ohrringe fangen und verlieren das Licht der Abendsonne. Es gehen tatsächlich auch andere in die Richtung, ebenfalls so ein bisschen verrückt angezogen. Andererseits ist in der Nähe auch diese Hipster-Kneipe, da sehen alle so aus.
„Hier ist ein Festival“, sagt sie.
„Ich höre gar keine Musik“, merke ich skeptisch an.
Ada verlagert ihr Gewicht auf das andere Bein, dabei klingeln die Glöckchen, die sie um die Fußgelenke trägt, aber nur ein bisschen und nur einmal.
„Hör nochmal hin“, sagt sie.
Ich höre nochmal hin und da ist auf einmal tatsächlich Musik, von Ferne. Ein guter Song, zunächst höre ich nur die Bässe, er baut sich auf und berührt mich. Ich kenne ihn von irgendwo her. Ich höre genauer hin. Ja, ich kenne dieses Lied auf jeden Fall. Lange her, dass Musik bei mir diese angenehme Bauch-Aufregung gemacht hat, dieses Ziehen im Rückenmark, das man manchmal hat, wenn man ein Lied von damals nach langer Zeit wiederhört. Dieser Song lief früher oft in Freibädern, man konnte gut dazu Händchen halten. Ich habe den Titel fast, denke ich, aber er fällt mir immer wieder ganz knapp nicht ein.

Ab jetzt wird’s ein bisschen leichter

Genervt von einer Job-Sache kommend und den Anzug tragend, in dem ich mich unwohl fühle, warte ich am Flughafen auf den verspäteten Flieger nach Hause. Für meine Verhältnisse ist es wahnsinnig sonnig und warm, aber in diesem kleinen Land ist es, glaube ich, immer so sonnig und warm, es regnet nur ganz, ganz selten. Auf denjenigen Bildschirmen, auf denen keine Arrvials und Depatures angezeigt werden, ist ein Nachrichtensender eingestellt und zwar in der Landessprache, die ich nicht verstehe. Was soll’s.
Ich gehe ein bisschen zwischen den Schaltern und Wartebereichen herum und finde einen Bildschirm, auf dem ein Livestream aus dem Zoo läuft. Dieses Land hat nur einen einzigen großen Zoo, der ist in der Hauptstadt. Der Livestream zeigt das Pandagehege. Eine Pandamama ist darauf zu sehen, groß, still, vage optimistisch. Sie hat ein Pandakind, das herumtollt, wie ein Welpe. Die Pändin isst, Bambus und Gemüse, spielt und kuschelt mit dem Kleinen und chillt ansonsten. Hin und wieder kommen Wärter herein, sie tragen Pandakleidung und räumen ein bisschen auf oder bringen mehr zu essen, das Kleine stolpert ihnen dauernd vor die Beine.

Nijinsky

Ich fahre mit meinem Bruder von einem Klamotten-Outlet zurück. Er sitzt am Steuer, ich liege auf der Rückbank.
„Ich habe für morgen einen Job angenommen“, erzähle ich.
„An einem Sonntag?“, fragt mein Bruder.
„Ja. Ich weiß nicht so richtig, worum es geht. Und auch nicht, wann ich den überhaupt angenommen habe. Aber ich hatte einen Reminder in meinem Kalender. Und eine Email von denen, in der sie den Termin bestätigten.“
„Aber Du weißt nicht, wann Du das angenommen hast und für wen Du – und was Du – tun sollst?“
„Nein“, sage ich.
„Warst Du betrunken?“, fragt mein Bruder und lacht.

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Ich stehe am Rande eines sehr großen Feldes, zwischen Kameratürmen und hohen Lautsprecherboxen. Ganz früher war das, glaube ich, mal ein Flugplatz. Momentan findet hier hektische Aktivität statt – viele Menschen, alleine oder in Gruppen, die irgendetwas tun; es ist richtig schwarz vor Bewegung und sieht ein bisschen so aus als würden mehrere Jahrmärkte gleichzeitig aufgebaut werden. Weiter draußen werden Zuschauertribünen errichtet.
Auf mich kommt ein kleiner Mann in einem schlecht sitzenden Sakko zu, der mir sagt, er sei Kurt, der Regieassistent, alles sei schon viel zu spät und man könne jetzt nur noch nach vorne fallen. „Morgen ist Generalprobe“, sagt er und wirkt, als würde er gleich schreien. Er zieht mich auf das Feld, in die Menge, in Richtung der Mitte, hinein und wir gehen an etwas vorbei, dass ich von hinten für Steinhaufen hielt. Erst als wir sie hinter uns lassen, sehe ich im Umdrehen, dass es geduldig dastehende Bergtrolle sind. In den Händen halten sie riesige Bottiche. Wenn sie sich bewegen, schwappt Wasser heraus. Wozu sind sie da? Ich will davon ein Foto machen und hole mein Handy raus. Der Regieassistent glaubt, ich würde telefonieren wollen und sagt: „Hier ist kein Netz. Wir haben einen Netzblocker auf voller Stärker laufen. Ansonsten hätten wir Dich auch einfach angerufen. Komm jetzt.“
Wir gehen an Kindern vorbei, irre viel, anscheinend hat man eine ganze Grundschule rekrutiert, die Konfetti in Kanonen schütten und an alten Menschen, die in Gruppen zusammensitzen und Kränze flechten. „Ihr seid immer noch nicht fertig?!?!“, ruft Kurt ihnen entgeistert zu. Er würde, scheint mir, noch ausfallender werden, wenn nicht genau daneben streng dreinblickende, kurzhaarige Amazonen stünden. Wir reichen ihnen nur bis zur Hüfte; sie halten verschiedene Percussion-Instrumente in den Händen. Wir huschen an ihnen vorbei. Irgendwie erwarte ich, dass hier noch eine Bühne ist und wir laufen auch bald an einer vorbei. An zwei Seiten der Bühne sind frei stehende Kameras, an den beiden anderen zwei große Käfige. In dem ist einen ein ganz friedlich wirkender Lindwurm, in dem anderen ist ein Drache, der mit Kopf dauernd gegen die Streben schlägt. Drachen erinnern mich an stets Pferde: Hübsch, aber schon im Normalzustand fast wahnsinnig. Der hier ist kocht vor Wut und wartet offensichtlich darauf, dass jemand einen Fehler macht. Dazwischen läuft auf der Bühne ein Ansager gedankenverloren hin und her und übt anscheinend seinen Text:
„Was tut einem Drachen der Biss einer Schlange?“
Er probiert verschiedene Betonungen aus:
„Was TUT einem Drachen der Biss einer Schlange?
Was tut EINEM DRACHEN der Biss einer Schlange?
Was tut einem Drachen der Biss EINER SCHLANGE?“
„Warum bleibst Du dauernd stehen?!“, sagt Kurt vorwurfsvoll zu mir und drückt mich weiter nach vorne, in die Richtung einer Gruppe von entweder Elfen oder krass schöner Frauen. Dass es hier kein Netz gibt, trifft sie, glaube ich, stärker als die anderen Darsteller: Manche der Elfen blicken ostentativ gelangweilt; aber nicht alle, andere unterhalten sich auch fröhlich. Sie tragen kurze Kleider aus weißem, grobem Stoff und haben bunte Bänder um die Knöchel gebunden. Der Regieassistent schiebt mich weiter und nach einer Weile – dauernd muss man jemanden ausweichen oder aufpassen, dass man nicht auf etwas drauftritt – sind wir anscheinend da. Auf einem abgesteckten freien Platz liegt auf dem Boden ein langes, weißes Banner, daneben sitzt jemand. Er steht auf, als er uns kommen sieht und greift nach einem Rollpinsel.
„So“, sagt Kurt zu mir, „dann sag mal, welchen Text Du mitgebracht hast“
Ah. Ok, das war also die Aufgabe. Ich habe es irgendwie komplett vergessen.
„Du wirst auf jeden Fall einen Text vorlegen, jetzt gleich, sonst beiße ich Dich. Ich bin in einer halben Stunde wieder hier und dann möchte ich sehen, wie ihr mit dem Banner bereits angefangen habt.“
Der Arbeiter mit dem Pinsel sieht mich geduldig an.
Welcher Text würde hierzu passen?
Ich schaue mich um. In der Nähe ist eine ebenfalls freigesteckte Gasse. Zur einen Seite führt sie zu einem Holzstoß, so einem wie sie für Osterfeuer aufgebaut werden. Auf der anderen Seite steht ein junger muskulöser Fakelträger. Er hat lediglich einen, wirklich sehr knappen, Lendenschurz an und ist komplett in grellem, fast neonfarbenem Rot bemalt.
Hmmh. „Keine Hoffnung für Hunde“? Nein. „Hoffnung für Hunde“, vielleicht? „Tanz mit mir!“? „Sonne, neide uns!“?
„Schreib“, sage ich zu dem Mann mit dem Rollpinsel, „‚Das kann man nicht erklären – man kann es nur zeigen.‘
Er schaut auf das noch leere Banner und überlegt, vermutlich, wie groß er die Buchstaben machen kann. Hmmh. Naja. Schon ziemlich groß.