im Juni, jeden Juni

Es ist tief nachts, als ich durch eine Wüste gehe. Der Mond hebt sich klar vom blauschwarzen Himmel ab. Ich komme zu einem mesopotamischen Tempel. Er leuchtet von innen, in einem seltsam unwirklichen, stetig die Farbe wechselnden Licht. Ich trete ein. Dort sitzt ein … ja, was? Idol? Eine Gottheit? Ein Götze? Jedenfalls jemand Durchtrainiertes. Er trägt einen knöchellangen Rock aus festem Stoff und Ledersandalen und hat den Kopf eines Vogels, vielleicht den eines Adlers. Es gibt so eine Ehr-Erbietungsformel, mit der man Leute wie ihn begrüßt. Wie ging die nochmal? Sa … Satakun … Satakun-irgendwas. Um das Handgelenk hat er eine auffallend schöne Blume gebunden. Wo hat er die, hier in der Wüste, her? Als er mich sieht, steht er auf und wirft dabei einen Korb aus Schilfrohr um, der zu seinen Füßen stand. Lauter Tannzapfen fallen heraus. Ich fange an, sie aufzuheben. Krass, wie viele es sind, man hätte gar nicht gedacht, dass die alle in diesen kleinen Korb passen. Wo ist der Korb eigentlich? Der Boden scheint größer geworden zu sein. Beim Einsammeln der Zapfen fällt mir auf, dass der Boden über und über mit Text in Keilschrift bedeckt ist. Manche Glyphen sind fast einen Zentimeter tief in den Stein geritzt. Jemandem war es anscheinend sehr wichtig, etwas festzuhalten. Jetzt kann es allerdings niemand mehr entziffern, schade.

Erst als fast alle eingesammelt sind, fällt mir auf, dass ich die letzten paar zwischen den Beinen von Tanzenden aufgelesen habe und dass, wohl schon eine ganze Weile, Musik läuft. Ich stehe auf. Um mich herum sind viele Menschen, die alle aufhören zu tanzen als sie mich sehen. Sie sind ganz jung und wirken, auf mich, irgendwie zerbrechlich. Das Licht, das ich am Anfang unwirklich fand, ist jetzt harmlos-neonfarben. Alle schauen mich ausgesprochen überrascht an, aber nicht unfreundlich, im Gegenteil: Sie scheinen mir sehr zugewandt zu sein. „Satakun alshams maeak“, sagt jemand zu mir. Während ich zur Tür gehe, sagen es alle, denen ich begegne. Was antwortet man darauf? Ich nicke ihnen zu. Ich trete durch die Ausgangstür, das ist die, durch die ich auch gekommen bin, aber etwas hat sich verändert, denn diese hier führt zu einem Flur, wo Jacken und Taschen hängen. Eine weitere Tür führt zu einer Toilette.

Ich gehe zum Waschbecken, trinke eine Handvoll Wasser und bemerke, dass ich an meinem linken Handgelenk eine Blume habe. Ich traue mich nicht, in den Spiegel zu schauen.

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