Der Gulp

Wenn das Abendbrot nicht aufgegessen, das Bad verweigert oder der Hund nicht ausgeführt wurde, warnten meine Eltern mich immer, dass der Gulp mich fressen würde.  Der „Gulp“, das war eine Gestalt aus einem Kinderbuch, ein Monster, groß wie ein Haus und einäugig. Außerdem besaß er die Fähigkeit, nach Belieben die Gestalt zu ändern und fraß gerne kleine Kinder. Das Buch stand in meinem Regal und meine Eltern fanden es, für mich irritierend, total witzig. Als Kind fürchtete ich mich vor den Illustrationen darin, gleichzeitig fand ich die Protagonisten – sie wurden ausnahmslos gefressen – doof. Wie konnten die Kinder in dem Buch auf die offensichtlichen Fallen, die ihnen der Gulp stellte, hereinfallen? Heute kommt es mir vor, als seien Kinderbücher früher grundsätzlich unnötig brutal gewesen.

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Nach einem fröhlichen Abend auf Achse in Hamburg laufe ich nun vom Bahnhof nach Hause und bin wie immer genervt, dass es so lange dauert. Und, zugegebenermaßen, gleichzeitig zu geizig, um mir ein Taxi zu nehmen. Auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Zuhause hat anscheinend eine neue Kneipe aufgemacht.

RAUCHER WILLKOMMEN

steht drauf (in blinkenden, etwas kruden Buchstaben) zu meiner Begeisterung. Ich würde gerne eine Rauchen und tue es nur ungerne allein. Andererseits bin ich dann noch später zu Hause.

GROßER KAFFEE – VERSCHIEDENE SORTEN – SINNVOLLE PREISE

leuchtet darunter ge-LED-t auf. Naja, was soll’s. Ich gehe rein.
Die Kneipe muss wirklich neu sein, denn ich laufe diesen Weg seit Jahren und habe sie noch nie vorher gesehen. Dafür sieht sie aber ein bisschen abgerockt aus. Egal, es riecht nach Zigaretten und über verborgene Lautsprecher läuft eine Art Unterwassermusik. Außer mir ist hier niemand. Ich gehe an die Bar und will nach einem Menü greifen, das da zu liegen scheint, tatsächlich aber nur auf die Theke aufgemalt ist. Die Theke selbst fühlt sich warm und pulsierend an. Ich lege meine Hand an die Wand. Dasselbe. Als würde sie leben. Ich merke, dass mich etwas beobachtet.
Wie weit ist es bis zur Tür?
Jetzt losrennen?
Wir warten beide darauf, dass der andere den ersten Schritt macht.

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Apokalypse

Maik, der attraktive Maik, bat mich, mit ihm an einem Adventssamstag auf den Weihnachtsmarkt in der Innenstadt zu gehen. Er wollte mir etwas Cooles zeigen. Ich bin gerne mit Maik befreundet, obwohl ich ihn eigentlich mehr begehre als mag und er zudem die Angewohnheit hat, mich immer in seine Probleme mit ’reinzuziehen.
Auf dem Weihnachtsmarkt ist es fröhlich-voll, voll-fröhlich. Trotzdem habe ich von dem Moment an, als wir den Markt betreten, ein schlechtes Gefühl. Es wird noch dadurch verschlechtert, dass Maik mir nicht sagt, was genau er mir zeigen will. Wir quetschen uns zwischen Menschenmassen hindurch als auf einmal ein süßer Geruch in der Luft liegt, der immer stechender wird. Ich sehe, dass die Menschen um uns herum langsamer werden, dann stehen bleiben und mit leerem Blick zum Himmel schauen. Nach meiner letzten Trennung habe ich beschlossen, mich nie, nie, nie, nie wieder zu verlieben und nehme seitdem, also seit so zwei Jahren, Dopamin-Blocker. Das hat viele Nachteile, aber den Vorteil, dass ich nicht hypnotisierbar bin. Es ertönt eine Stimme, klar und durchdringend wie eine Bronzeglocke, von oben: „Alle auf die Knie!“, woraufhin alle um mich herum auf die Knie fallen, auch Maik. Ich sehe in seinen Augen, wie er immer tiefer in Trance gerät. Er steht auch sonst sehr auf alle möglichen Arten krasser Erfahrungen; ich kann mir also nicht vorstellen, dass er jetzt dagegen ankämpft. Ich schüttel ihn:
„Das hättest Du mir sagen müssen! Ich wäre nicht mitgekommen, wenn ich gewusst hätte, was hier heute passiert!“
„Habe ich das nicht?“, sagt er, schläfrig-abwesend, „ich glaube, ich habe es“,  und dreht seine Handflächen nach oben. Alle anderen tun es ebenfalls. Gab es dafür wieder einen Befehl oder hat es vorne jemand gemacht und alle anderen machen es nach?
Ich schaue nach vorne und sehe, wie sich dort ein Portal zu den Kerkerdimensionen öffnet, langsam, aber stetig. Aha, ok. Wenn das der Moment ist, an dem ich in die Hölle eingehen werde, dann ist das halt so, aber ich will nicht aus dem Leben scheiden, ohne vorher noch endlich, zumindest einmal, Maik geküsst zu haben. Ich nehme sein Gesicht in beide Hände und küsse ihn auf die Lippen. Das löst ihn ein bisschen aus seiner Trance und er schaut mich mit seinen großen, blendend schönen, silberblickenden Augen an. War das jetzt übergriffig von mir, das Küssen? Nein, wenn wir gleich sterben, ist eh alles egal. Maik sieht mir an, was ich denke und sagt: „Nein, Dummerchen. Das ist nicht das Ende. Das ist nur ein Cut; die Abfrage des momentanen Standes. Gleich wird es normal weitergehen. Entspanne Dich und … genieß‘ es doch.“ Das ist für ihn leicht zu sagen; er immer entspannt und genießend. Ich gar nicht. Ich schaue wieder nach vorne und sehe, wie  das Portal sich jetzt vollständig geöffnet hat.

Eine unendliche Vergangenheit geht zu Ende.

Man liest immer wieder vom Kampf oder vom Krieg der Götter gegen die Titanen. Aber das trifft es nicht. Es war kein Kampf, zumindest nicht im Sinne eines mehr oder weniger gleichberechtigten Ringens. Es stand von vorherein fest, dass die Götter gewinnen werden. Es ging eher um das Aushandeln der Kapitulationsbedingungen für die Titanen (ich war als Zeuge eingeladen). Was da vor sich ging, war, zumindest für unsere gegenwärtiges und menschliches Gerechtigkeitsempfinden, krass ungerecht. Einzelne Titanen traten hervor und zeigten Sachen vor, die für sie sprachen, so Zeug. Einer von ihnen brachte einen Sternenhimmel, erhaben-besternt, kalt-geheimnisvoll. Wie auch bei den Titanen, die vor ihm dran waren, zeichnete sich ab, dass sein Angebot achtlos, nur mit einer abwinkenden Handbewegung, abgelehnt werden würde. Als mir das auffiel, drehte ich mich zu dem Gott, der neben mir stand, um und sagte:
„Was er vorzuzeigen hat, ist wirklich schön. Habt doch Mitleid!“
Ich glaube, der Gott war ein bisschen pissig, dass ich ihn so direkt angesprochen habe, aber er antwortete mir trotzdem:
„Wir haben Mitleid. Mitleid ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Mitleid nicht genug ist.“
Daraufhin sah ich, wie die Titanen, mitsamt ihrer Welt, ge-stürzt wurden, in den Tartaros geworfen und von dort in die Dunkelheit, wo sie zu schwarz verblassen und schließlich vergessen werden.
Ich wollte weinen, aber ich hatte nicht genügend Tränen, um so weinen zu können, wie das, was ich hier sah, traurig war.

 

Ich weiß nicht, was ich jetzt mit mir anfangen soll.

Der Krieg der Eisriesen gegen, naja, so ziemlich alle anderen hat sich lange abgezeichnet. Von dem Krieg bekomme ich nur mit, weil ein paar Tage lang die Sonne nicht aufgeht. Als die Eisriesen verlieren, mache ich mir Sorgen, wie man mit den Menschen umgehen wird, die, wie ich, für sie gearbeitet haben. Hauptsächlich um die Pferde kümmern und die Wahrheitskugeln polieren – Sachen für die man halt warme Hände haben muss. Aber es kommt nichts; es wird allgemein angenommen, dass wir gezwungen wurden (was nicht stimmt). Nach der Niederlage arbeiten wir noch eine Weile, die Kälteminen laufen ebenfalls weiter und man sieht die Eisriesen einmal im Monat den Vollmond anheulen. Es sind aber weniger als vorher und irgendwann sind nur noch Menschen in den Frostfestungen. Eines Tages wird uns gesagt, dass wir nicht zu kommen brauchen und Bescheid bekommen, wenn es weitergeht. Wir suchen uns neue Jobs und vergessen nach und nach.
Nur wenn ich an verschneiten Bergen vorbeifahre, denke ich noch daran.

Endlich Klarheit

Es ist Nacht. Ich wache davon auf, dass ich höre, dass jemand in meiner Wohnung ist. Ich wohne alleine und niemand außer mir hat einen Schlüssel. Ich höre, wie sich jemand im Flur bewegt. Kopfmäßig weiß ich, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach ein Einbrecher ist, der Fernseher, Geld etc. sucht und dann seiner Wege geht. Trotzdem habe ich Angst, Bauchangst, dass es etwas schlimmeres sein könnte, ein Mörder oder etwas furchtbareres als ein Mörder. Das Wort „Gräuel“ kommt mir in den Sinn. Ich höre, wie sich der Eindringling auf mein Schlafzimmer zubewegt. Er öffnet die Tür. Ich stelle mich schlafend. Bitte geh‘ weg. Bitte, bitte, bitte geh‘ weg. Er bewegt sich nicht laut, aber er gibt sich auch keine Mühe, besonders leise zu sein. Er beobachtet mich anscheinend.
Als mir auffällt, wie kühl, sachlich neugierig er ist, fange ich unwillkürlich an vor Angst zu zittern.

Wach bleiben wollen, nicht wach bleiben können, alpträumen.

Ich sitze in einem leeren, großen Raum, auf einem Sofa. Die Wände sind kahl, der Boden in einem rot-weißen Schachbrettmuster gekachelt. Neben mir sitzt eine Frau, die ich nicht kenne. Sie wirkt abwesend und schaut ins Leere. Wie lange sitze ich hier schon? Der leichte Staub, der in der Luft hängt, verdichtet sich. Erst langsam, dann immer schneller, bis er sich schließlich zu einem Mann zusammengezogen hat, der auf einem schlichten Holzstuhl sitzt. Er ist elegant angezogen, aber ganz in grau. Vielleicht wirkt es auch nur so, weil er aus Staub besteht. Ich merke, dass sein Blick aufmerksam auf mich gerichtet ist.
„Und wie lange fühlen Sie sich schon so?“, fragt er mich. Ich bin überrascht, dass er sprechen kann.
„Wie bitte?“, frage ich.
„Wen haben Sie heute mitgebracht?“, fragt er und zeigt auf die Frau neben mir.
Ich drehe mich zu ihr um. Sie schaut ins Leere, als sei sie in tiefer Trance.
„Ich sehe diese Frau gerade zum ersten Mal.“
Sie bewegt die Lippen. Sie spricht nicht, sondern es kommt Rauch aus ihrem Mund, der ein Bild formt: Das eines Rades. Sie haucht es an und es beginnt, sich zu drehen.
Der Graue lächelt mir, Mut machend?, zu und fragt: „Erinnern Sie sich?“
Ich würde gerne etwas beipflichtendes sagen, denn ich finde den Grauen sympathisch, aber ich weiß wirklich nicht, was er meint.
Er sieht mir das an und ergänzt: „Sie haben bereits alle Teile. Sie müssen sie nur richtig zusammenlegen.“

Augen

Mir wird in einem 24-Stunden-offenen Esoterik-Shop eine out-of-body-Erfahrung angeboten. Der Preis ist ganz oK, ich stimme zu.
Ich will mich nachts schlafen sehen und gehe, out-of-body, nur als Seele, in mein Zimmer. Ich sehe, wie ich dort auf dem Bett liege, in zwei Hälften aufgerissen; halbiert wie einer der Hirsche, die von Jägern aufgeschnitten werden, um sie auszuweiden, bevor man ihnen die Haut abzieht. Mehr oder weniger sauber aufgerissen an einer Linie, die am Bauchnabel beginnt, über das Brustbein geht und auf der Stirn endet. Ich gehe um das Bett herum und schaue auf mich. Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, wie nachlässig dieser Körper in zwei Teile gerissen wurde; so als hätte es jemand gemacht, der in großer Eile war.