Eine unendliche Vergangenheit geht zu Ende.

Man liest immer wieder vom Kampf oder vom Krieg der Götter gegen die Titanen. Aber das trifft es nicht. Es war kein Kampf, zumindest nicht im Sinne eines mehr oder weniger gleichberechtigten Ringens. Es stand von vorherein fest, dass die Götter gewinnen werden. Es ging eher um das Aushandeln der Kapitulationsbedingungen für die Titanen (ich war als Zeuge eingeladen). Was da vor sich ging, war, zumindest für unsere gegenwärtiges und menschliches Gerechtigkeitsempfinden, krass ungerecht. Einzelne Titanen traten hervor und zeigten Sachen vor, die für sie sprachen, so Zeug. Einer von ihnen brachte einen Sternenhimmel, erhaben-besternt, kalt-geheimnisvoll. Wie auch bei den Titanen, die vor ihm dran waren, zeichnete sich ab, dass sein Angebot achtlos, nur mit einer abwinkenden Handbewegung, abgelehnt werden würde. Als mir das auffiel, drehte ich mich zu dem Gott, der neben mir stand, um und sagte:
„Was er vorzuzeigen hat, ist wirklich schön. Habt doch Mitleid!“
Ich glaube, der Gott war ein bisschen pissig, dass ich ihn so direkt angesprochen habe, aber er antwortete mir trotzdem:
„Wir haben Mitleid. Mitleid ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Mitleid nicht genug ist.“
Daraufhin sah ich, wie die Titanen, mitsamt ihrer Welt, ge-stürzt wurden, in den Tartaros geworfen und von dort in die Dunkelheit, wo sie zu schwarz verblassen und schließlich vergessen werden.
Ich wollte weinen, aber ich hatte nicht genügend Tränen, um so weinen zu können, wie das, was ich hier sah, traurig war.

 

Ich weiß nicht, was ich jetzt mit mir anfangen soll.

Der Krieg der Eisriesen gegen, naja, so ziemlich alle anderen hat sich lange abgezeichnet. Von dem Krieg bekomme ich nur mit, weil ein paar Tage lang die Sonne nicht aufgeht. Als die Eisriesen verlieren, mache ich mir Sorgen, wie man mit den Menschen umgehen wird, die, wie ich, für sie gearbeitet haben. Hauptsächlich um die Pferde kümmern und die Wahrheitskugeln polieren – Sachen für die man halt warme Hände haben muss. Aber es kommt nichts; es wird allgemein angenommen, dass wir gezwungen wurden (was nicht stimmt). Nach der Niederlage arbeiten wir noch eine Weile, die Kälteminen laufen ebenfalls weiter und man sieht die Eisriesen einmal im Monat den Vollmond anheulen. Es sind aber weniger als vorher und irgendwann sind nur noch Menschen in den Frostfestungen. Eines Tages wird uns gesagt, dass wir nicht zu kommen brauchen und Bescheid bekommen, wenn es weitergeht. Wir suchen uns neue Jobs und vergessen nach und nach.
Nur wenn ich an verschneiten Bergen vorbeifahre, denke ich noch daran.

Wach bleiben wollen, nicht wach bleiben können, alpträumen.

Ich sitze in einem leeren, großen Raum, auf einem Sofa. Die Wände sind kahl, der Boden in einem rot-weißen Schachbrettmuster gekachelt. Neben mir sitzt eine Frau, die ich nicht kenne. Sie wirkt abwesend und schaut ins Leere. Wie lange sitze ich hier schon? Der leichte Staub, der in der Luft hängt, verdichtet sich. Erst langsam, dann immer schneller, bis er sich schließlich zu einem Mann zusammengezogen hat, der auf einem schlichten Holzstuhl sitzt. Er ist elegant angezogen, aber ganz in grau. Vielleicht wirkt es auch nur so, weil er aus Staub besteht. Ich merke, dass sein Blick aufmerksam auf mich gerichtet ist.
„Und wie lange fühlen Sie sich schon so?“, fragt er mich. Ich bin überrascht, dass er sprechen kann.
„Wie bitte?“, frage ich.
„Wen haben Sie heute mitgebracht?“, fragt er und zeigt auf die Frau neben mir.
Ich drehe mich zu ihr um. Sie schaut ins Leere, als sei sie in tiefer Trance.
„Ich sehe diese Frau gerade zum ersten Mal.“
Sie bewegt die Lippen. Sie spricht nicht, sondern es kommt Rauch aus ihrem Mund, der ein Bild formt: Das eines Rades. Sie haucht es an und es beginnt, sich zu drehen.
Der Graue lächelt mir, Mut machend?, zu und fragt: „Erinnern Sie sich?“
Ich würde gerne etwas beipflichtendes sagen, denn ich finde den Grauen sympathisch, aber ich weiß wirklich nicht, was er meint.
Er sieht mir das an und ergänzt: „Sie haben bereits alle Teile. Sie müssen sie nur richtig zusammenlegen.“

Aber wein‘ nicht, wenn Du das siehst.

An einem Schmuddelwettertag gehe ich ohne besonderen Grund auf den Speicher und finde dort einen Pappkarton mit alten Schwarzweiß-Fotos. Ich nehme ihn mit runter, setze mich ans Fenster und schaue sie durch. Auf allen sind entfernte Verwandte von mir und ihre Freunde abgebildet, auf manchen sind fast baumgroße Reptilien zu sehen sowie Monster oder vielleicht auch nur durch schwere Krankheit oder Radioaktivität ganz furchtbar entstellte Menschen. Sie wirken alle sehr glücklich. Ich schaue mir jedes Foto genau an, und es sind viele Fotos, und trotzdem finde ich nicht ein einziges, auf dem jemand traurig oder unglücklich guckt. Ganz viele Fotos wurden im Freien gemacht, anscheinend haben die Leute darauf häufig Picknicks und Gartenparties veranstaltet. Alle Kinder, die keine Schwimmsachen tragen, haben einen Luftballon in der Hand. Schade, dass die Fotos schwarzweiß sind, denn vermutlich sind es bunte Luftballons. Ich schaue raus und sehe, wie sich draußen die Regenrichtung umgedreht hat und der Regen jetzt zum Himmel steigt.