Endlich Klarheit

Es ist Nacht. Ich wache davon auf, dass ich höre, dass jemand in meiner Wohnung ist. Ich wohne alleine und niemand außer mir hat einen Schlüssel. Ich höre, wie sich jemand im Flur bewegt. Kopfmäßig weiß ich, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach ein Einbrecher ist, der Fernseher, Geld etc. sucht und dann seiner Wege geht. Trotzdem habe ich Angst, Bauchangst, dass es etwas schlimmeres sein könnte, ein Mörder oder etwas furchtbareres als ein Mörder. Das Wort „Gräuel“ kommt mir in den Sinn. Ich höre, wie sich der Eindringling auf mein Schlafzimmer zubewegt. Er öffnet die Tür. Ich stelle mich schlafend. Bitte geh‘ weg. Bitte, bitte, bitte geh‘ weg. Er bewegt sich nicht laut, aber er gibt sich auch keine Mühe, besonders leise zu sein. Er beobachtet mich anscheinend.
Als mir auffällt, wie kühl, sachlich neugierig er ist, fange ich unwillkürlich an vor Angst zu zittern.

Warum nutzt Du das nicht?

Ich sterbe und komme in die Hölle, was mich überhaupt nicht wundert. Ich trete durch ein schweres Tor und stehe eine Weile so da, bis irgendwann ein Dämon zu mir kommt. Er bietet mir an, mir meine Sünden vorzulesen, aber ich lehne ab; ich kann mir schon denken, warum ich hier bin und will es nicht vorgehalten bekommen.
Die Hölle ist im wesentlichen eine rotglühende Steinwüste.
In der Hölle sind wahnsinnig viele Menschen, aber die Hölle ist auch unendlich groß, daher verläuft es sich. Man darf sich aussuchen, ob man sichtbar gequält wird (in Flammen steht, auf einer Folterbank etc.) oder ob man einfach die Schmerzen hat, ohne dass diese auf ein ein konkretes Instrument zurückzuführen sind. Ich entscheide mich für Letzteres, es scheint mir als würde ich damit Zeit sparen, aber wozu?

Egal. Ich freunde mich im Laufe der Zeit mit einem Jesuiten an, der im frühen 18. Jahrhundert in Belgien gelebt hat und spiele regelmäßig Schach mit ihm. Manchmal gehen wir spazieren. Bei einem der Spaziergänge bleiben wir an einem der Höllentore stehen. Daran sind schwere, massive Schlösser.
„Schon krass, dass wir hier so für immer eingesperrt sind“, sage ich zu dem Jesuiten.
„Sag‘ nochmal?“
„Ich meinte, dass es krass ist, dass wir hier so eingesperrt sind. Wie Tiere in einem Zoo, den nie jemand besuchen kommt.“
Er schaut mich verwirrt an, dann begreift er, was ich meine. Er zeigt auf das Tor.
„Was siehst Du da?“
Ich folge seinem Blick. „Ich sehe das härteste Schloss des Universums.“
„Und von welcher Seite?“
„Wie – ‚von welcher Seite‘?“
„Von welcher Seite ist die Hölle verschlossen?“
Ich schaue nochmal hin. Und nochmal. Und nochmal. Und kann es nicht glauben.

Wach bleiben wollen, nicht wach bleiben können, alpträumen.

Ich sitze in einem leeren, großen Raum, auf einem Sofa. Die Wände sind kahl, der Boden in einem rot-weißen Schachbrettmuster gekachelt. Neben mir sitzt eine Frau, die ich nicht kenne. Sie wirkt abwesend und schaut ins Leere. Wie lange sitze ich hier schon? Der leichte Staub, der in der Luft hängt, verdichtet sich. Erst langsam, dann immer schneller, bis er sich schließlich zu einem Mann zusammengezogen hat, der auf einem schlichten Holzstuhl sitzt. Er ist elegant angezogen, aber ganz in grau. Vielleicht wirkt es auch nur so, weil er aus Staub besteht. Ich merke, dass sein Blick aufmerksam auf mich gerichtet ist.
„Und wie lange fühlen Sie sich schon so?“, fragt er mich. Ich bin überrascht, dass er sprechen kann.
„Wie bitte?“, frage ich.
„Wen haben Sie heute mitgebracht?“, fragt er und zeigt auf die Frau neben mir.
Ich drehe mich zu ihr um. Sie schaut ins Leere, als sei sie in tiefer Trance.
„Ich sehe diese Frau gerade zum ersten Mal.“
Sie bewegt die Lippen. Sie spricht nicht, sondern es kommt Rauch aus ihrem Mund, der ein Bild formt: Das eines Rades. Sie haucht es an und es beginnt, sich zu drehen.
Der Graue lächelt mir, Mut machend?, zu und fragt: „Erinnern Sie sich?“
Ich würde gerne etwas beipflichtendes sagen, denn ich finde den Grauen sympathisch, aber ich weiß wirklich nicht, was er meint.
Er sieht mir das an und ergänzt: „Sie haben bereits alle Teile. Sie müssen sie nur richtig zusammenlegen.“

Augen

Mir wird in einem 24-Stunden-offenen Esoterik-Shop eine out-of-body-Erfahrung angeboten. Der Preis ist ganz oK, ich stimme zu.
Ich will mich nachts schlafen sehen und gehe, out-of-body, nur als Seele, in mein Zimmer. Ich sehe, wie ich dort auf dem Bett liege, in zwei Hälften aufgerissen; halbiert wie einer der Hirsche, die von Jägern aufgeschnitten werden, um sie auszuweiden, bevor man ihnen die Haut abzieht. Mehr oder weniger sauber aufgerissen an einer Linie, die am Bauchnabel beginnt, über das Brustbein geht und auf der Stirn endet. Ich gehe um das Bett herum und schaue auf mich. Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, wie nachlässig dieser Körper in zwei Teile gerissen wurde; so als hätte es jemand gemacht, der in großer Eile war.

Gerne in Deiner Nähe

Ich bin immer noch auf der Suche nach dem Drachen, seiner Höhle und, vor allen Dingen, dem Goldschatz, den er beschützt.
Ich koche vor Wut, hasse diese schwere Rüstung, hasse es, dass ich den Drachen nicht finde und somit nicht schnell ermorden kann und hasse diese ewigen Dreckswälder. Jetzt gerade dämmert es allerdings schon und mir ist nach einer Rast. Ich setze mich an einen See, er ist ruhig und ich mag  wie die Bäume einen respektvollen Abstand zu ihm halten.
Ich will schlafen, kann aber vor Wut nicht die Augen zumachen. Wasser spritzt mir ins Gesicht. Ich schaue auf und sehe, dass etwas im Seerand schwimmt. Ein Wels? Ein großer Karpfen? Ich ziehe mein Schwert und habe vor, es, egal was es ist, zu töten, einfach um genügend zu ent-spannen, um heute Nacht schlafen zu können.
Aus dem Wasser taucht der Kopf einer Frau auf, was mich einen Moment innehalten lässt. Sie sagt nichts. Die Licht der Abendsonne bricht farbig in den Wassertropfen auf ihren nackten Schultern. Entspannt lässt sie sich zurückfallen und spritzt mir mit ihrer Hinterflosse erneut Wasser ins Gesicht.
„Lass das!“, rufe ich ihr zu, „ich bin ein Ritter.“
Sie lacht, hell und fröhlich. „Ein Ritter. So, so. Was machst Du hier, Ritter?“
Ich sage es ihr.
„Schätze, Schätze. Ach, warum bindet Euch Sterbliche Gold so sehr?“
„Nenn‘ mich nicht ‚Sterblicher‘, als seist Du selbst keine. Ich weiß um Meerjungfrauen.“
„Bitter, bitter, Du bist bitter“, sagt sie, schwimmt näher heran und setzt sich auf, ihre obere, menschliche Hälfte ganz aus dem Wasser hebend.
Ich möchte das nicht, aber ich kann nicht wegschauen. Sie ist schön. Unglaublich schön.
„Schwimm‘ mit mir!“, fordert sie mich auf.
Ich versuche, an ihr vorbeizuschielen, zeige auf meine Rüstung und sage: „Ich kann nicht. Ich gehe unter.“