Seife

Ich fahre von einem Wochenendausflug-in-Süddeutschland zurück. Zugchaos. Schon ziemlich weit im Norden – aber noch viel zu weit weg, um von hier aus ein Taxi zu nehmen – strandet die Bahn in einer Großstadt. Die nächste zu mir fährt erst in in zwei Stunden. Egal. Ich habe mittlerweile gelernt, mich von so etwas nicht ärgern zu lassen, schließe meine Sachen in einem Fach ein und beschließe, noch ein bisschen durch die Stadt zu spazieren. Ich gehe an einer Reiterstatue vorbei, als ich aus dem Bahnhof herauskomme, irgendein Barock-Fürst. Es regnet und ist kalt. Rauchen und dann irgendwo reingehen, nur um irgendwo drinnen zu sein. Ich laufe ein bisschen vor mich hin und betrete dann den „The Awesome Lizard’s Shop“, denn das ist einzige, was in dieser Straße noch auf hat. Es ist ein Laden mit Cowboy-Zeug: Hüte, aber auch Stiefel, Plakate, Gürtel und ähnliches. Hinter der Lade steht ein Tyrannosaurus in einer Jeans-Jacke, auf die so viele Patches genäht sind, dass man den Jeans-Stoff fast nicht mehr sieht. Er nickt mir zu und wischt dann weiter mit seinen kurzen Ärmchen auf dem Handy herum.  Ich greife zu einer Gürtelschnalle, dabei habe ich nicht wirklich vor, sie zu kaufen, sie fühlt sich einfach gut in der Hand an. Der Cowboy-Laden geht in einen anderen Raum über, durch eine Art Vorhang aus Holzperlen vom Rest abgetrennt. Ich gehe rein und sehe, dass es ein Tattoostudio ist. Dort liegt eine Frau und lässt sich Primzahlen auf den Arm tätowieren. Ihre Augen und Lippen sind violett geschminkt und sie trägt eine Lederjacke über mit Spitze verzierten Elfenklamotten. 
„Warum bist Du so angezogen?“, frage ich sie, keine Hemmungen habend, barsch zu wirken, denn in dieser Stadt kennt mich eh niemand. Sie dreht sich zu mir um. Der auf gemütliche Weise dicke Triceratops, der sie tätowiert, setzt die Pistole ab und schaut mich geduldig an.
„Weil’s geil ist“, antwortet sie. 
Weiter hinten spielt ein gelangweilt aussehender Velociraptor mit einem Gummiball. Er lässt ihn sich über die Klauen gleiten, greift dann hinein und dreht ihn innen-nach-außen. Ohne, dass der Ball der kaputt geht und als ich das sehe, weiß ich, dass ich das hier wohl träume. Verdammt! Ich mag es hier. Bloß nicht aufwachen. 
„Halt mich fest, bitte“, sage ich zu der Primzahl-Frau. 
Sie verdreht die Augen. 
„Ich bezahle Dir das Tattoo.“
„Das ist es nicht“, sagt sie, „was Du willst, lässt sich nicht durch Fest-Halten erreichen.“
„Sondern?“ 
Sie gibt dem Triceratops ein Zeichen, worauf der einen Knopf unter der Tattoomaschine drückt. 
Durch den Boden geht ein Ruck, wie wenn man merkt, dass ein Fahrstuhl gerade losfährt, und der Raum fängt an, sich zu drehen, im Uhrzeigersinn. Ich erwarte, dass die Frau und die Dinosaurier von ihren Stühlen rutschen, doch sie drehen sich mit. Alles in dem Raum tut es, nur ich nicht.