Aufwachen

Ich sitze an einem Autobahn-McDonalds, im Norden. Ich sitze draußen, um beim Essen rauchen zu können. Nicht vergessen: Anschließend noch tanken. Autobahn-Fastfood-Restaurants sind mein Happy Place, Essen macht glücklich und hier will niemand was von mir. Nachdem ich das kostenlos herumliegende Kino-Magazin komplett ausgelesen habe, öffne ich die „All Worlds Spirituality“-App auf dem Handy. Dort steht so der übliche Kram, aber ganz oben läuft auf rotem Hintergrund ein Laufband:

„AUFRUF Drei kriminelle Exilanten sind auf der Flucht. Sie sind vermutlich auf einer der Zwischenwelten, vielleicht auf der Erde. Auf keinen Fall ansprechen. Falls Sie Informationen haben, die zur Ergreifung führen, wenden Sie bitte dringend an übliche Nummer. Belohnung nach eigenem Wunsch.“

Mir fällt auf, dass ein paar Tische weiter ein Dämon, eine Dämonin und ein Engel sitzen. Das sieht man in Raststätten-McDonalds sonst eher selten. Der Dämon und die Dämonin sehen sich ein bisschen ähnlich, vielleicht sind es Geschwister. Die Dämonin und der Engel halten Händchen.
Ich rufe die Nummer von dem Bannertext an. Vielleicht wird man mir ja im Gegenzug Reichtum anbieten, das wäre doch ganz schön. Jemand nimmt ab.
„Ich habe Information zu den Exilanten, nach denen Sie suchen“, sage ich.
An der anderen Seite Schweigen. Dann: „Du bist ein Mensch, nicht wahr?“
„Nun … ja. Aber ich habe trotzdem …“
„Woher hast Du diese Nummer?“
„Von den …“
Er lässt mich nicht ausreden: „Immer wieder ruft Ihr hier an und wollt Euch mit irgendwas wichtig machen. Bitte lasst das bleiben. Ihr wisst überhaupt nichts. Ihr habt überhaupt keine Ahnung, in was Ihr Euch da einmischen würdet.“
Ich fühle mich gekränkt. „Aber … vielleicht weiß ich ja wirklich, wo die Exilanten gerade sind.“
„Mmmh-hmmmh, ganz sicher. Ich werde jetzt auflegen“, sagt er und tut es.

Wenn ich in der Raucherecke am Bahnhof stehe, bin ich immer derjenige, auf den Leute zukommen und nach Kippen fragen. Es muss irgendwas mit meinem Gesicht sein. Und als ich sehe, dass die Gruppe am Nebentisch aufsteht, weiß ich schon, dass die gleich auf mich zukommen werden.

Als sie näher kommen, bemerke ich, dass die beiden Dämonen Löcher in der Kleidung haben, an den Stellen, wo sonst Rangabzeichen sind.
„Du wirst uns fahren“, sagt die Dämonin zu mir und macht die Hypnose-Bewegung mit der Hand.
„Ich nehme so viele Endorphin-Blocker, ich bin überhaupt nicht hypnotisierbar.“
Das verunsichert die drei ein bisschen. Verwirrt schauen sie mich an und überlegen anscheinend, wie sie mich einordnen sollen.
Schließlich fragt die Dämonin: „Bist Du einer von den Menschen, die damals für die Eisriesen gearbeitet haben?“ Exakt.
Daher weiß ich um solche Sachen. In die Eisriesen-Geschichte bin ich indes so reingerutscht und dann war es halt irgendwann vorbei. Damals dachte ich, dass bestimmt bald die nächste coole Sache kommen würde, es kam aber nichts. Rückblickend denke ich, es wäre sogar besser, wenn ich die Eisriesen nie getroffen hätte, weil ich dann gar nicht um diesen Teil der Welt wüsste und es mir jetzt nicht fehlen würde. Naja.
„Ich fahre nach Kassel“, sage ich, „wohin wollt ihr?

Ich bringe das Tablett weg. Wir gehen zu meinem Auto. Sie steigen ein, der Engel und der Dämon hinten, die Dämonin neben mir. Ich tippe die Adresse, die sie mir genannt haben – ein Parkplatz, irgendwo im Harz – in das Navi ein und wir fahren los.

„Wenn das hier schief geht, gehe ich zurück, setze mich an meinen Schreibtisch und schieße mir in den Kopf. Meine Hände sind schon ganz kalt“, sagt der Dämon sachlich.
„Ach Du, Drama-Queen“, lacht seine Schwester und schlägt ihm fröhlich auf die Stirn. Der Engel lehnt sich vor und sagt zu ihr: „Wenn das in die Grütze geht, dann ist das halt so. Es wäre mir egal. Ich hab Dich einfach so lieb. Wenn das die letzten Augenblicke sind, dann will ich sie mit Dir verbringen.“
„Das sagt er nur, weil Du so große Titten hast“, rutscht mir raus. Warum sage ich immer so etwas?
Der Engel greift nach der Hand der Dämonin: „Du weißt, dass ich Dich auch lieben würde, wenn …“
Sie dreht sich zu ihm und schmunzelt: „Ja, natürlich weiß ich das.“ Dann gibt er ihr seine andere Hand, sie dreht sich wieder nach vorne und legt seine Arme um sich, so wie man sich einen Samtschal umlegen würde.

Bei Hannover muss ich tanken, denn selbstverständlich habe ich es vorhin vergessen. Ich stehe in der Schlange zur Kasse und sehe, dass ich siebzehn verpasste Anrufe auf meinem Handy habe. Ich rufe meine Mailbox ab: „Mein Kollege war vorhin ein bisschen voreilig“, höre ich eine unheimlich zugewandte und wertschätzend klinge Stimme sagen, „unserer Akte zufolge sehnen Sie sich nach Reichtum. Das ließe sich problemlos einrichten. Aber wir wissen, dass Sie auch gerne nicht mehr rauchen würden, doch sich diesen Wunsch nicht eingestehen können. Wir könnten Sie zu einem Nichtraucher machen. Zusätzlich. Sie müssen nichts tun, außer uns zu sagen, was Sie über die Exilanten wissen. Bitte denken Sie daran, die Exilanten nicht anzusprechen und zu ignorieren, was sie sagen, sollten sie Sie ansprechen. Wir können Sie telepathisch nicht erreichen. Könnten Sie sich vorstellen, für ein paar Stunden keine Endorphin-Blocker zu nehmen – nur solange bis wir eine Verbindung aufgebaut haben? Dann könnten wir Ihr Gedächtnis direkt auslesen – das wäre für uns einfacher und für Sie bequemer.“
Ich bin gleich mit Bezahlen dran, daher lege ich auf und schalte das Handy aus.

„Was genau habt ihr gemacht, dass die so wütend auf Euch sie sind?“, frage ich als ich wieder im Auto sitze, „denn dass Ihr beiden vögelt war doch bestimmt nicht der einzige Grund?“
Sie sagen nichts.
Schließlich fragt mich die Dämonin: „Hast Du die gerade angerufen?“
„Nein! Neinneinnein. Sie haben versucht mich anzurufen, ich habe nur die Mailbox abgehört.“

Wir kommen an dem Parkplatz an, den sie mir genannt haben. Dort steht, nicht ans Auto gelehnt, sondern davor stehend, die Hände auf die Hüften gestützt und uns böse anfunkelnd, eine kurzhaarige Hexe.
Sie wartet bis wir ausgestiegen sind und sagt dann: „Oh, ja – ‚lass uns doch zur Hexe fahren!‘. Tolle Idee, wirklich ganz toll. Was glaubt ihr Schwachköpfe denn, wo sie als allererstes nach Euch suchen werden?“
Ich finde es irgendwie ungerecht, dass die Hexe so gemein zu ihnen ist. Sie scheint mich jetzt erst zu bemerken. „Und diesen Idioten hier habt Ihr noch nicht mal richtig hypnotisiert!“ Der Dämon winkt ab und fragt sie:
„Wann ist denn der nächste Abflug?“ Dabei schaut er in Richtung des Berges, in dessen Schatten dieser Ort hier liegt.
„Aber auf keinen Fall werde ich Euch dahin mitnehmen und damit nicht nur mich, sondern noch meine Schwestern gefährden. Überlegt Euch was anderes.“

Sie beschließen, erstmal zu der Hexe nach Hause zu fahren. Der Engel küsst mich zum Abschied auf die Lippen. Ich weiß, dass Engel das untereinander so machen. Vielleicht bin ich der erste Mensch, den er kennengelernt hat und er weiß nicht, wie er sich mir gegenüber sonst verhalten soll. Die Dämonin, vielleicht weil sie es ihm nachmacht, vielleicht einfach so, küsst mich ebenfalls.

Danach ist das Auto irgendwie leer. Ich fahre alleine zurück zur Autobahn, an diesen halb kitschigen, halb niedlichen winzigen Harz-Städten vorbei. Doch jetzt nicht, Mann, ey, jetzt nicht weinen, komm schon, was bist Du denn gerade so emotional? Ich krame im Handschuhfach nach der Schachtel mit den Endorphin-Blockern und versuche gleichzeitig das Auto auf der Straße zu halten.

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