Herbst

Ich stehe spätabends mit einer Vampirin im Garten ihres Schlosses, wir rauchen. Vor einer Weile hat sie den größten Teil des Gebäudes verkauft, jetzt ist da ein, recht teures aber beliebtes, Restaurant. Von oben hören wir Musik und Geselligkeitsgeräusche. Gedämpftes Licht scheint zu uns runter. Sie drückt ihre Kippe an ihrem Ballerina-Schuh aus – das hinterlässt sicher einen Fleck – und zündet sich eine neue an. Um den Hals trägt sie ein auffallend schönes Amulett. Ich würde es mir gerne anschauen, will ihr aber nicht so in den Ausschnitt starren. Sie bemerkt meinen Blick: „Sag doch: ‚Nimm es bitte ab und zeig es mir'“.
„Nimm es bitte ab und zeig es mir“, sage ich. Sie schmunzelt ein bisschen und tut es. Das Amulett ist grob, man kann die Stellen sehen, an denen es gelötet wurde, und trotzdem auf zärtliche Weise hübsch, wie eine Träne aus Eisen. Als ich es halte, wird mein Brustwarzenpiercing ganz warm. Das macht es manchmal, wenn es mich auf etwas hinweisen will. Es wurde zum Beispiel warm, als ich die Ausschreibung für meine jetzige Stelle sah. Das war gut, denn ich habe mich daraufhin beworben und den Job auch bekommen. Ich halte ihr Amulett ganz nah an mir und gebe es ihr erst, widerwillig, zurück als sie die zweite Kippe aufgeraucht hat.
„Woher hast Du es?“
Sie nennt den Namen eines Zwerges und einen Ort im Wendland, wo er seine Werkstatt hat. Dann gibt sie mir ihr Feuerzeug und ihre restlichen Zigaretten und wir gehen rein. Sie zieht den einen Schuh aus, setzt sich auf ihren Sarg, kickt mit dem schuhlosen Fuß den anderen runter, legt sich hin und auf einmal weicht jede Farbe aus ihr. Ich brauche eine Weile bis ich merke, was gerade passiert ist. Obwohl sie sich eben erst hingelegt hat, sieht sie aus als läge sie seit Jahrhunderten hier. Sogar eine Staubschicht bedeckt sie. War das ein Unfall? Wollte sie, dass das passiert? Ich gehe zu ihr rüber und berühre sie vorsichtig am Ärmel. Auch ihre Klamotten sind gealtert, das Amulett aber nicht. Ich könnte es mir jetzt einfach nehmen. Nein, lieber nicht, das wäre nicht fair.
Ich warte eine Weile, aber sie verwandelt sich nicht zurück.

Am Samstag drauf fahre ich ins Wendland. Ich mag so Ausflüge. Es ist mir eigentlich auch egal wohin, ich genieße es einfach, mit dem Auto übers Land zu fahren und einen Vorwand zu haben, mir an Tankstellen Süßzeug und Snacks zu holen. Schade nur, dass es die ganze Zeit regnet. Ich komme in dem Ort an. Er ist so klein, dass ich die Werkstatt auch ohne konkrete Adresse nach kurzem Rumfahren finde. Eine Glocke bimmelt, als ich eintrete. Ein Zwerg sieht von einer Werkbank zu mir rüber, steht aber nicht auf. Er ist offensichtlich ein Zwerg (klein, gedrungen, kurze Stummelfinger), aber kein typischer. Er hat kurze Haare, feine, dünne Kleidung und ihm leuchtet eine distanzierte Intelligenz aus den Augen. Ich hole ein bisschen Geld heraus und zeige es ihm, Zwerge wollen immer erst sehen, dass man Geld hat, bevor sie mit einem sprechen. Er winkt ab. Ein Zwerg, der nicht von Gold besessen ist? Noch etwas, das nicht zu Zwergen passt, zu meinem Bild von Zwergen. Die Vampirin war auch keine typische Vampirin. Vielleicht ziehen sich so Leute ja an. In der Werkstatt ist lauter Schmuck, der wie ihr Amulett aussieht. Mein Piercing wird aber nicht warm. Was war denn beim Rauchen am Schloss so anders, dass es da warm wurde? Ich will nichts kaufen, will ihm aber trotzdem etwas dalassen und sehe mich nach einer Kaffeekasse um. Es gibt keine. Ich lege ein paar Münzen auf den Tisch. Der Zwerg gibt mir zu verstehen, dass ich sie nicht hierlassen soll. Er ist dabei nicht streng oder mahnend. Eher so wie Leute, die selbst keinen Alkohol trinken, einem am Ende einer Party sagen, dass man das übrige Bier mit nach Hause nehmen kann.

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