Noch so viel zu tun

Ich housesitte für meinen Kumpel Bert. Er ist mit Webprogrammierung reich geworden und hat ein riesiges Haus am Waldrand. Manchmal kommen Rehe in seinen Garten und schauen neugierig zur Terrasse. Zu seiner eigenen Unterhaltung hat er einen Roboter mit einer künstlichen Intelligenz gebaut. Der Roboter kümmert sich darum, dass die Fenster bei Regen zu sind. Die regelmäßig kommende fröhliche Polin (Kroatin? Bulgarin?) putzt und bügelt. Ich muss also nichts tun, außer vielleicht aufzupassen, dass nicht eingebrochen wird. In der ersten Nacht rollt der Roboter zu mir und beschwert sich, dass das Traum-Programm aus ist. Ich rufe Bert an und erfahre, dass er für den Roboter einen Algorithmus programmiert hat, der zufällige Träume ausgibt. Das muss allerdings von Hand angeschaltet werden.
‚Ausgeschlossen‘, denke ich und lasse den Roboter traumlos. Es ist ein warmer Sommer. Am nächsten Tag rufe ich Juli an. Wir kennen uns seit Jahren und knutschen so seit einem Jahr. Ich weiß nicht, wie sie wirklich heißt, vielleicht heißt sie ja tatsächlich „Juli“, und als sie ankommt, fragt sie mich auch nicht, warum ich gerade in diesem Haus bin. Wir knutschen ein bisschen auf dem Sofa herum.

Anschließend dreht sie sich einen Joint. Ich erzähle ihr von dem Traumprogramm des Roboters.
„Gönn ihm das doch“, sagt Juli.
Dass ausgerechnet Juli, die nach dem Knutschen nie kuscheln will und bislang jedes Angebot, auch mal etwas anderes zu tun (Essen gehen, Kino, Freibad) abgelehnt hat, von Gönnen redet, ärgert mich: „Ausgerechnet Du redest vom Gönnen?“
„Das ist eine sehr erwachsene Bemerkung“, entgegnet sie und werkelt weiter an der Tüte herum.
Wir schweigen ein bisschen. Ich höre den Roboter im ersten Stock irgendetwas machen.
„Schschsch…“, sage ich.
„Schoschoschoscho…“, sagt sie.
„Schonschonschonschon…“, sage ich.
„Schon gut“, sagt sie.
Ich bin dankbar, dass wir dieses Versöhnungsritual haben. Seitdem wir das eingeführt haben, geraten wir nicht mehr in so Sackgassen-Streite.

Sie zündet sich den Joint an, zieht ein paar Mal daran und hält ihn mir hin. Ich lehne mich vor, greife danach und werde sofort aufgeregt als sich unsere Finger berühren. Wie kann es sein, dass man sich den krassesten Perversionen hingibt und es dann trotzdem tausendfach heißer ist, wenn sich beim den-Joint-rüberreichen die Hände, nein, noch nicht mal die Hände, nur die Fingerspitzen, zufällig berühren? Juli schielt mir in den Schritt und fragt: „Oh, nächste Runde?“ Aber nein, nein, ich will jetzt nicht.

Anschließend bingen wir die neue Stranger Things-Staffel. Juli wirkt überhaupt nicht bekifft. Ihr scheint die Serie ganz gut zu gefallen; das Kinn auf das hochgestellte Knie gestützt schaut sie aufmerksam zu. Ich dagegen bin zu breit, um der Handlung zu folgen und schlafe immer wieder ein. Wir sind immer noch nackt. Hätte ich auf der Couch etwas unterlegen sollen? Jetzt ist es eh zu spät. Die Polin wird sich darum kümmern (als sie heute morgen kam und das Chaos sah, sagte sie „Du Schwajnchen!“ zu mir, lachte dabei aber).

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