Nijinsky

Ich fahre mit meinem Bruder von einem Klamotten-Outlet zurück. Er sitzt am Steuer, ich liege auf der Rückbank.
„Ich habe für morgen einen Job angenommen“, erzähle ich.
„An einem Sonntag?“, fragt mein Bruder.
„Ja. Ich weiß nicht so richtig, worum es geht. Und auch nicht, wann ich den überhaupt angenommen habe. Aber ich hatte einen Reminder in meinem Kalender. Und eine Email von denen, in der sie den Termin bestätigten.“
„Aber Du weißt nicht, wann Du das angenommen hast und für wen Du – und was Du – tun sollst?“
„Nein“, sage ich.
„Warst Du betrunken?“, fragt mein Bruder und lacht.

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Ich stehe am Rande eines sehr großen Feldes, zwischen Kameratürmen und hohen Lautsprecherboxen. Ganz früher war das, glaube ich, mal ein Flugplatz. Momentan findet hier hektische Aktivität statt – viele Menschen, alleine oder in Gruppen, die irgendetwas tun; es ist richtig schwarz vor Bewegung und sieht ein bisschen so aus als würden mehrere Jahrmärkte gleichzeitig aufgebaut werden. Weiter draußen werden Zuschauertribünen errichtet.
Auf mich kommt ein kleiner Mann in einem schlecht sitzenden Sakko zu, der mir sagt, er sei Kurt, der Regieassistent, alles sei schon viel zu spät und man könne jetzt nur noch nach vorne fallen. „Morgen ist Generalprobe“, sagt er und wirkt, als würde er gleich schreien. Er zieht mich auf das Feld, in die Menge, in Richtung der Mitte, hinein und wir gehen an etwas vorbei, dass ich von hinten für Steinhaufen hielt. Erst als wir sie hinter uns lassen, sehe ich im Umdrehen, dass es geduldig dastehende Bergtrolle sind. In den Händen halten sie riesige Bottiche. Wenn sie sich bewegen, schwappt Wasser heraus. Wozu sind sie da? Ich will davon ein Foto machen und hole mein Handy raus. Der Regieassistent glaubt, ich würde telefonieren wollen und sagt: „Hier ist kein Netz. Wir haben einen Netzblocker auf voller Stärker laufen. Ansonsten hätten wir Dich auch einfach angerufen. Komm jetzt.“
Wir gehen an Kindern vorbei, irre viel, anscheinend hat man eine ganze Grundschule rekrutiert, die Konfetti in Kanonen schütten und an alten Menschen, die in Gruppen zusammensitzen und Kränze flechten. „Ihr seid immer noch nicht fertig?!?!“, ruft Kurt ihnen entgeistert zu. Er würde, scheint mir, noch ausfallender werden, wenn nicht genau daneben streng dreinblickende, kurzhaarige Amazonen stünden. Wir reichen ihnen nur bis zur Hüfte; sie halten verschiedene Percussion-Instrumente in den Händen. Wir huschen an ihnen vorbei. Irgendwie erwarte ich, dass hier noch eine Bühne ist und wir laufen auch bald an einer vorbei. An zwei Seiten der Bühne sind frei stehende Kameras, an den beiden anderen zwei große Käfige. In dem ist einen ein ganz friedlich wirkender Lindwurm, in dem anderen ist ein Drache, der mit Kopf dauernd gegen die Streben schlägt. Drachen erinnern mich an stets Pferde: Hübsch, aber schon im Normalzustand fast wahnsinnig. Der hier ist kocht vor Wut und wartet offensichtlich darauf, dass jemand einen Fehler macht. Dazwischen läuft auf der Bühne ein Ansager gedankenverloren hin und her und übt anscheinend seinen Text:
„Was tut einem Drachen der Biss einer Schlange?“
Er probiert verschiedene Betonungen aus:
„Was TUT einem Drachen der Biss einer Schlange?
Was tut EINEM DRACHEN der Biss einer Schlange?
Was tut einem Drachen der Biss EINER SCHLANGE?“
„Warum bleibst Du dauernd stehen?!“, sagt Kurt vorwurfsvoll zu mir und drückt mich weiter nach vorne, in die Richtung einer Gruppe von entweder Elfen oder krass schöner Frauen. Dass es hier kein Netz gibt, trifft sie, glaube ich, stärker als die anderen Darsteller: Manche der Elfen blicken ostentativ gelangweilt; aber nicht alle, andere unterhalten sich auch fröhlich. Sie tragen kurze Kleider aus weißem, grobem Stoff und haben bunte Bänder um die Knöchel gebunden. Der Regieassistent schiebt mich weiter und nach einer Weile – dauernd muss man jemanden ausweichen oder aufpassen, dass man nicht auf etwas drauftritt – sind wir anscheinend da. Auf einem abgesteckten freien Platz liegt auf dem Boden ein langes, weißes Banner, daneben sitzt jemand. Er steht auf, als er uns kommen sieht und greift nach einem Rollpinsel.
„So“, sagt Kurt zu mir, „dann sag mal, welchen Text Du mitgebracht hast“
Ah. Ok, das war also die Aufgabe. Ich habe es irgendwie komplett vergessen.
„Du wirst auf jeden Fall einen Text vorlegen, jetzt gleich, sonst beiße ich Dich. Ich bin in einer halben Stunde wieder hier und dann möchte ich sehen, wie ihr mit dem Banner bereits angefangen habt.“
Der Arbeiter mit dem Pinsel sieht mich geduldig an.
Welcher Text würde hierzu passen?
Ich schaue mich um. In der Nähe ist eine ebenfalls freigesteckte Gasse. Zur einen Seite führt sie zu einem Holzstoß, so einem wie sie für Osterfeuer aufgebaut werden. Auf der anderen Seite steht ein junger muskulöser Fakelträger. Er hat lediglich einen, wirklich sehr knappen, Lendenschurz an und ist komplett in grellem, fast neonfarbenem Rot bemalt.
Hmmh. „Keine Hoffnung für Hunde“? Nein. „Hoffnung für Hunde“, vielleicht? „Tanz mit mir!“? „Sonne, neide uns!“?
„Schreib“, sage ich zu dem Mann mit dem Rollpinsel, „‚Das kann man nicht erklären – man kann es nur zeigen.‘
Er schaut auf das noch leere Banner und überlegt, vermutlich, wie groß er die Buchstaben machen kann. Hmmh. Naja. Schon ziemlich groß.

 

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