Apokalypse

Maik, der attraktive Maik, bat mich, mit ihm an einem Adventssamstag auf den Weihnachtsmarkt in der Innenstadt zu gehen. Er wollte mir etwas Cooles zeigen. Ich bin gerne mit Maik befreundet, obwohl ich ihn eigentlich mehr begehre als mag und er zudem die Angewohnheit hat, mich immer in seine Probleme mit ’reinzuziehen.
Auf dem Weihnachtsmarkt ist es fröhlich-voll, voll-fröhlich. Trotzdem habe ich von dem Moment an, als wir den Markt betreten, ein schlechtes Gefühl. Es wird noch dadurch verschlechtert, dass Maik mir nicht sagt, was genau er mir zeigen will. Wir quetschen uns zwischen Menschenmassen hindurch als auf einmal ein süßer Geruch in der Luft liegt, der immer stechender wird. Ich sehe, dass die Menschen um uns herum langsamer werden, dann stehen bleiben und mit leerem Blick zum Himmel schauen. Nach meiner letzten Trennung habe ich beschlossen, mich nie, nie, nie, nie wieder zu verlieben und nehme seitdem, also seit so zwei Jahren, Dopamin-Blocker. Das hat viele Nachteile, aber den Vorteil, dass ich nicht hypnotisierbar bin. Es ertönt eine Stimme, klar und durchdringend wie eine Bronzeglocke, von oben: „Alle auf die Knie!“, woraufhin alle um mich herum auf die Knie fallen, auch Maik. Ich sehe in seinen Augen, wie er immer tiefer in Trance gerät. Er steht auch sonst sehr auf alle möglichen Arten krasser Erfahrungen; ich kann mir also nicht vorstellen, dass er jetzt dagegen ankämpft. Ich schüttel ihn:
„Das hättest Du mir sagen müssen! Ich wäre nicht mitgekommen, wenn ich gewusst hätte, was hier heute passiert!“
„Habe ich das nicht?“, sagt er, schläfrig-abwesend, „ich glaube, ich habe es“,  und dreht seine Handflächen nach oben. Alle anderen tun es ebenfalls. Gab es dafür wieder einen Befehl oder hat es vorne jemand gemacht und alle anderen machen es nach?
Ich schaue nach vorne und sehe, wie sich dort ein Portal zu den Kerkerdimensionen öffnet, langsam, aber stetig. Aha, ok. Wenn das der Moment ist, an dem ich in die Hölle eingehen werde, dann ist das halt so, aber ich will nicht aus dem Leben scheiden, ohne vorher noch endlich, zumindest einmal, Maik geküsst zu haben. Ich nehme sein Gesicht in beide Hände und küsse ihn auf die Lippen. Das löst ihn ein bisschen aus seiner Trance und er schaut mich mit seinen großen, blendend schönen, silberblickenden Augen an. War das jetzt übergriffig von mir, das Küssen? Nein, wenn wir gleich sterben, ist eh alles egal. Maik sieht mir an, was ich denke und sagt: „Nein, Dummerchen. Das ist nicht das Ende. Das ist nur ein Cut; die Abfrage des momentanen Standes. Gleich wird es normal weitergehen. Entspanne Dich und … genieß‘ es doch.“ Das ist für ihn leicht zu sagen; er immer entspannt und genießend. Ich gar nicht. Ich schaue wieder nach vorne und sehe, wie  das Portal sich jetzt vollständig geöffnet hat.

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